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Optimistische Tragödie wenig verortet Urfassung von Leoš Janáčeks „Jenůfa“ an der Bayerischen Staatsoper „Großmutter tötet Enkel wegen Heirataussichten der Ziehtochter“ so könnte die Boulevard-Schlagzeile lauten. Doch sie würde vielen Aspekten des Musikdramas „Jenůfa“ von Leoš Janáček nicht gerecht. Denn die Wirklichkeit hinter so einem Fall ist differenzierter, komplizierter und oft menschlich anrührender. All das aber hat Janáček, dem während der Komposition eine junge Tochter starb, komponiert. Die moralisch-religiöse Rigidität, dass ein uneheliches Kind nicht nur die Heiratsaussichten einer jungen Frau fast unmöglich macht, sondern auch die Autorität der zur Küsterin aufgestiegenen Ziehmutter untergräbt, hat Janáček präzise in einem auch von der Natur her engen Mühlental, in einer kleinen, „ordentlich“ strukturierten Dorfgesellschaft verortet getreu der Dramenvorlage, die sich an einen realen Fall im 19.Jahrhundert anlehnte. Doch auch in unseren Tagen haben vergleichbare Boulevard-Schlagzeilen signalisiert, dass Kleinkinder sterben müssen, weil Erwachsene nicht mit ihrer Existenz zu Rande kommen. Das mag der Ausgangspunkt für das weibliche Bühnenteam um Regisseurin Barbara Frey gewesen sein. In einem Bühnengeviert aus milchigen Plastikbahnen liegen drei nackte, kantig kalte Felsrücken. Sie erheben sich aus einem lehmgrauen Plastikboden, auf dem sich zwar alle Figuren bewegen, in dem aber auch alte, verbeulte, rostige Metalltonnen versinken. Im 1. Akt steht auf einem der Felsen ein banaler Resopal-Küchentisch mit Stahlrohrstühlen samt Plastiklehnen. Im Hintergrund sind zwei moderne Windräder mit ihren rot-weißen Propellern erkennbar. Im 2. Akt steht auf einem der Felsen dann das aufgeschnittene Haus der Küsterin: kleinbürgerliche Einrichtung mit einem Fernsehgerät auf der Kommode und einem nie in die Inszenierung einbezogenen elektrischen Keyboard an der Wand. Im 3. Akt ist dieses Haus auch seiner Seitenwände entkleidet. Alle Figuren tragen heutige Alltagskleidung, teils ärmlich, teils schlicht ordentlich. Doch der Chor der Dorfbewohner und der jungen Soldaten tragen alle eine kleine blau-grün-graue Noppenmaske in der linken oberen Gesichtshälfte, auch die plötzlich in schulterfreien, dekolletierten, hochmodisch gestylten schwarzen Abendkleidchen auftretenden Brautjungfern. Dem mitdenkenden Musiktheaterfreund kam da zunächst „Postkommunistische Tristesse“, dann aber auch „Slawische Mythenwelt mit Nixe Rusalka und Wassermann“ in den Sinn ohne dass das alles aber dramatisch packend Sinn machte. So nahm die Inszenierung der Handlung trotz guter Personenführung die durchaus mögliche überwältigende Wucht. Die kam allein aus Janáčeks Musik. In die Fassung von 1908 hat Dirigent Kirill Petrenko aus der Urfassung von 1904 ein Monolog hereingenommen: zum biografischen Hintergrund der Küsterin, die ihrer Ziehtochter Jenůfa den abermals trinkenden Sohn des brutalen Säufers ersparen will, mit dem sie selbst verheiratet war. Dazu kommt der harte, kantige Elan, die nervöse Energie dieser eng am Wort mit „Sprechmelodien“ enorm eindringlich wirkenden Partitur das gelang Petrenko. Deborah Polaski als Küsterin beeindruckte, reicht zwar noch nicht an ihre Vorgängerinnen Astrid Varnay, Nadezda Kniplova, Leonie Rysanek oder Anja Silja heran. Doch das sehr gute, rollendeckend ausgewählte Ensemble mit den rivalisierenden Tenor-Mannsbildern Joseph Kaiser (ein schmierig-eitler Stewa) und Stefan Margita (ein gezielt bullig-plumper, aber vokal und menschlich strahlender Laca) und die mädchenhafte Herzensnot wie menschliche Herzenswärme verbreitende Jenůfa von Eva-Maria Westbroek wurden zurecht bejubelt. Und dass in einer Kindsmord-Oper am Ende Sätze stehen wie die Einsicht der Küsterin „Jetzt erkenn’ ich, dass ich mich weit mehr als Dich geliebt hab’“, oder Jenůfas mahnendes Urteil über diese Kindsmörderin „Der Erlöser blickt auch auf sie herab“, oder ihr humanes Verzeihen von Lacas eifersüchtiger Messerattacke auf ihre Wange „Du sündigtest aus Liebe so wie ich damals“ all das bis hin zur neuen, liebeserfüllten Gemeinsamkeit dieser zwei Geschlagenen, die Janáček in eine zu Tränen rührende, emotional glühende Musik einbettet, das macht „Jenůfa“ zu einer zeitlos gültigen optimistischen Tragödie humane Hoffnung verbreitend, gerade auch in unseren eingedüsterten Zeiten. Weitgehend sehens-, aber unbedingt hörenswert! Leoš Janáčeks: Jenůfa |
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