+++ k u r z k r i t i k +++

Zäher Zauber

Alice im Wunderland am Münchner Volkstheater
Von Anne Fritsch

Das Leben kann ganz schön fad sein, wenn man eine Schwester hat, die den ganzen lieben langen Tag lang nichts anderes im Sinn hat als lesen, lesen und noch mal lesen. Und Alices Schwester verschwindet förmlich hinter ihrer überdimensionierten „Reclam-Gesamtausgabe“. Bettina Bruinier beginnt ihre Inszenierung von Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ in der Dramatisierung Roland Schimmelpfennigs am Münchner Volkstheater mit einer großartig in Szene gesetzten Langeweile. Da schaut die von Barbara Romaner einfühlsam gespielte Alice dem Schmetterling beim Flattern und dem Gras, das komische Hasen von unten durch das Holzpodest schieben, beim Wachsen zu. Als die humorlose Schwester ihr auch diese minimalen Späße verdirbt, hat Alice genug und fällt durch einen Kaninchenschacht in eine andere, spannendere Welt. Die Raumkoordinaten hebt Bruinier mit einer Videoprojektion geschickt auf, die Zeit gerät in Alices Traumwelt ganz von alleine aus den Fugen.

Dort schrumpft sie, bis ihre Perlenkette gigantische Ausmaße im Verhältnis zu ihrem Körper annimmt. Dort wächst sie zur Riesin, deren Tränen als Wasserbomben auf die Bühne platschen. Alice muss sich fragen, wer sie eigentlich ist, wenn sie nicht mehr sie selbst ist – oder ist Größe auch nur relativ? Sie begegnet dem weißen Kaninchen, dem verrückten Hutmacher und anderen Gestalten, die nicht minder merkwürdig erscheinen und die Justina Klimczyk in wundersame Kostüme gesteckt hat.

In Verbindung mit den so komischen wie stimmigen Choreographien von Katja Wachter und der fantasievollen Inszenierung Bettina Bruiniers entstehen befremdliche Momente, denen die Magie eines Robert Wilsons innewohnt. Irgendwann aber genügt das nicht mehr. Dann ist der Bühnenzauber nicht mehr stark genug, um alle Fragen auszubremsen, und man beginnt nachzudenken. Über den tieferen Sinn von alldem. Über Männer, die Bücher über kleine Mädchen in Wunderländern schreiben, und über junge Regisseurinnen, die diese Bücher auf die Bühne bringen. Dann fängt man an, eine Haltung zu vermissen und die Aufführung etwas zu bunt, arg- und harmlos zu finden.

Lewis Carroll/Roland Schimmelpfnnig: Alice im Wunderland
Volkstheater München. Premiere: 22.1.09
Informationen und Termine: www.muenchner-volkstheater.de