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Im Kirchengestühl Jeder kennt ihn, doch kaum einer hat ihn wirklich gelesen: Hans Jakob Christoffel Grimmelshausens „Simplizissimus Teutsch“ diesen wohl auch autobiographisch eingefärbten wilden Parforce-Ritt eines einfältigen eltern- und namenlosen Viehhirten durch die Wirren des 30-Jährigen Krieges. Brecht hat aus dieser Quelle geschöpft, auch Wilhelm Genazino. Und jetzt, fürs Kölner Schauspiel, Thomas Dannemann nach einer Vorlage des seit Jahren durch die Theaterszene geisternden Pseudonyms Soeren Voima, Dannemann, vor Jahren der nackte blutverschmierte Macbeth in Jürgen Goschs Düsseldorfer Inszenierung, ist auch der Regisseur in der Halle Kalk. Dort hat ihn Stéphane Laimé einen Kirchenraum mit schlichtem Gestühl und schwarzem Altar als Spielraum gebaut, der im Laufe des langen Abends mehr und mehr zum Schlachtfeld mit zunehmend unübersichtlicher werdenden Schauplätzen wird. Dannemann lässt die Geschichte vom alten Simplicissimus in Rückblenden erzählen. Das ist, welterfahren, doch längst aller Illusionen beraubt, Michael Weber. Was der erzählt, ergänzt mit Spiellust und- Laune Jan-Peter Kampwirth: Er ist der arglose Viehjunge, lässt sich, dreckverschmiert und halbnackt, als auferstandenes Kalb verspotten, dient den Schweden in Hanau, wird zum gefürchteten Jäger von Soest, gerät in schwedische Gefangenschaft und Dienste, wird buchstäblich kommt gar nach Paris. Zuweilen greift er sich auch das Mikrofon und dann bekommt die Geschichte auch einen Anflug von Rockmusical. Brav schicken Dannemann/Voima den Helden in linearer Dramaturgie von Station zu Station, was bei aller Verkürzung bei diesem inkommensurablen Stoff allerdings auch dazu führt, dass man schnell den Überblick verliert zwischen all den wechselnden Szenen und Personen (jeder der Schauspieler schlüpft während des Abends in die verschiedensten Rollen; hervorzuheben vor allem ist Lina Beckmann als Frau Welt das Urbild von Brechts Mutter Courage, mal züchtige Braut, mal laszive Verführerin). Weniger brav allerdings greift Dannemann in die in zwischen allzu beliebig genutzte Kiste des modernen Regietheaters. Blut und Sperma fließen, Erbrochenes wird aufgeleckt regt das noch jemanden auf? Nach langen dreidreiviertel Stunden ist der alte Simplicissimus wieder da, wo er am Anfang war: In der Kirche. Hier hatte er vor dem Altar sich mit seinem alten Pfarrer einen Ringkampf geliefert. Und mit diesem Kampf endet auch das Stück. Nicht ohne vorher zum Moral zu kommen: Alle Schauspieler haben sich auf den Kirchengestühl versammelt und kleben an den Lippen des Alten, der sich nichts mehr von dieser Welt erhofft, dessen Ideale längst verflogen sind eine starke Schlussszene eines zähen Theaterabends. |
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