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Braver Brecht

Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ in Saarbrücken
Von Knut Lennartz


Drei Stunden hat Matti, des Gutsbesitzers Chauffeur, mit geradezu bewundernswerter Lammsgeduld und Nachsicht die Eskapaden seines launigen Chefs zwischen Vollrausch und Kater mit angesehen. Dann aber, wenn es darum geht, mit ihm gemeinsam den berühmten Hatelma-Berg zu besteigen, platzt ihm der Kragen. Er hat den ersten der Stühle, aus denen er den Berg errichten soll in der Hand, schwingt ihn für Sekunden über dem Kopf des schnapsseligen Puntila. Und schlägt dem dann doch nicht den Schädel ein, sondern zerschmettert den Stuhl wutentbrannt auf dem Boden. Auch den nächsten. Puntila ist von alledem ungerührt, er merkt das gar nicht, sondern schwelgt in seinen Bergbesteigungs-Visionen, von der herrlichen Aussicht über Finnlands Wälder, Wiesen und Felder. Hier, zum Ende hin, gewinnt die Brecht-Inszenierung von Wolfgang Apprich im Großen haus des Saarländischen Staatstheaters an Fahrt, hier gewinnt sie Biss und Schärfe. Die hat ihr in den vorangegangenen Stunden zuweilen gefehlt. Nicht, dass Apprich seinen Brecht nicht genau gelesen hätte. Er geht sorgfältig, mit gehörigem Respekt gegenüber dem Text zu Werke und bedient so vor allem das Volksstück, wie es ja Brecht als Genrebezeichnung auch vorgibt. Von Sabine Mader ließ er sich hierfür eine weite Bühne bauen, die mit ihren Holzwänden an das Innere einer finnischen Sauna erinnert. So eine wird dann später auf der Hinterbühne auch hereingefahren. Ein Haufen winterkahler Äste auf der Hinterbühne geben dem Ganzen einen weiteren folkloristischen Touch, und auch in den Kostümen, zumal im Kleid von Eva, werden Folklore-Elemente zitiert, auch wenn ansonsten vor allem die einfachen Leute ganz heutig leger im T-Shirt erscheinen.

Puntila und sein Knecht Matti sind das erwartete ungleiche Paar, Hans Fleischmann verströmt in den Suffszenen geradezu weanerischen Charme, ist aber auch nüchtern nie richtig der Fiesling. Und Klaus Meiningers Matti ist bis auf den Schluss schon bis zur Verleugnung loyal, doch für die lebenshungrige Puntila-Toc hter Eva (Nina Schopka) in jedem Fall attraktiver als ihr waschlappenhafter Verlobter Attaché (Klaus Meininger). Farbe kommt in die Inszenierung durch zwei Laienchöre, die „Rote Lyra“ und „Vox Populi“, die vom roten Surkkala (Pit-Jan Lößer) mit mächtigen Bewegungen zur vokalen Systemkritik angetrieben werden. Doch mit der Systemkritik ist es eine heikle Sache: Dieser schnapsselige Puntila passt nicht so recht in das Bild einer aktuellen Kapitalismusschelte; und auch wenn das und dort mal die Rede von Heuschrecken ist – wirkt dieser Brecht in seiner Kritik inzwischen sehr gestrig, Die finnischen Erzählungen sind eben hoch auch nur dialektisch gewendete Kalendergeschichten. Aber für das Saarbrücker Publikum, das bislang von Brecht weitgehend verschont geblieben ist, ist das womöglich der richtige Zugang.



Bertolt Brecht: Herr Puntila und sein Knecht Matti
Saarländisches Staatstheater. Premiere 10.1.09
Information und Termine: www.saarlaendisches-staatstheater.de