|
Im Tanz der Leidenschaften - Annette Wolf bringt in Koblenz eine konsequent realistische Carmen auf die Bühne. Annette Wolfs Koblenzer Carmen ist eine durchaus Opéra comique-treue Angelegenheit: präzise Figurenführung, ausgefeilte französische Dialoge (in der „Urfassung“) und eine rhythmische Akzentuierung ganz im Dienste des musikalischen Realismus. Carmen ist hier nicht die pathetisch-tragische Oper mit finalem Heldentod, sondern amouröses Spiel voll lebendiger Körperlichkeit. Sich diesem Spiel hingebend, beeindruckt Monica Mascus’ Carmen. Da ist mehr in dieser Figur als Koketterie und zigeunerische Selbstaufgabe an den Mann. Es ist die Sehnsucht nach Sicherheit, zahm nuanciert und erweckt durch einen Don José, der als erster Mann sogar Opfer bringt für sie. Wie sehr er sich dabei aufreibt und letztlich zerreißt, wird von John Charles Pierce sensibel verkörpert. Zur Habanera noch rhythmisch seine beputzten Stiefel bespuckend, vergeht ihm bald sein dorfjugendliches Pflichtgefühl und er wird zum eifersüchtigen Heißsporn. Dass ein Hüne von einem Heldentenor dabei so emotional und leicht intonieren kann, beeindruckt nachhaltig. Und es passt in das Wolffsche Puzzle der menschlich-authentischen Geschichte. Da ist mädchenhaft die treuliebende Micaela (stimmlich brillant: Estelle Kruger), da ist der Anzugmacho Escamillo, der vor Arroganz nur so müffelt (überzeugend: Konstantin Rittel-Kobylianski), und da ist eine Schmugglertruppe, die sichtlich ihren Ensemblespaß beim Kuscheltischtanz hat. Dazu passt das schlicht gehaltene Bühnenbild Siegfried E. Mayers. Ein quadratisch-lichtdurchflutetes Tor im hinteren Bühnenprospekt bildet den wiederholt schlüssigen Verführungsmittelpunkt: erst Eingang zur Zigarettenfabrik, dann Tor in die Liebeshallen Lillias Pastias, schließlich der für Carmen durch José verstellte (Aus-)Weg in die Stierkampfarena. Auch die musikalische Umsetzung überzeugt. Daniel Raiskins erstes Zusammentreffen mit der Rheinischen Philharmonie wurde dazumal vom Orchestervorstand kommentiert mit den Worten: „Es war eine Art Liebe auf den ersten Blick zwischen Orchester und Dirigent“, die Chemie stimme da einfach. Dieses Einvernehmen ist deutlich zu spüren und ermöglicht eine konsequente Weiterführung der comiqué-Elemente in präziser Leichtigkeit. Da vergibt man gern mal ein flüchtiges Davoneilen des Chores, der im Übrigen durch ehrliche Bühnenpräsenz erfreut. Ein Gesamtkunstwerk also, das der Bizetschen Leidenschaft in hohem Maße gerecht wird und dieser Inszenierung eine fühlbare Lebendigkeit verleiht. Georges Bizet: Carmen |
|||