p r e m i e r e n
Tipps und Trends zum Spielplan im September
Der Premierenkompass
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In deutlicher Vorbereitung zum anstehenden Kleist-Jahr 2011, in dem der 200. Todestag des deutschen Dramatikers gefeiert wird, kommen elf Premieren seiner Stücke allein im September auf die deutschen Bühnen: Spitzenreiter mit drei Inszenierungen ist der „Prinz Friedrich von Homburg“ in Bonn, Dortmund (beide am 24.9.) und Essen (30.9.). Es folgt das zweifache „Käthchen von Heilbronn“ am Staatsschauspiel in Dresden und am Theater Koblenz (beide am 10.9.) gleichauf mit der doppelten „Penthesilea“ am Münchner Residenz Theater (24.9.) und am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg (am 9.9. in der Regie von Roger Vontobel, den wir im Oktoberheft der Deutschen Bühne porträtieren werden). Dort gibt’s zwei weitere Stücke mit Kleist-Fokus, nämlich dessen Frühwerk „Robert Guiskard“ (am 2.9.) und eine Oliver Bukowski-Bearbeitung nach Motiven von Kleist: „Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen“ (3.9.). Den Kleist-Reigen komplettieren „Die Familie Schroffenstein“ am Landestheater Coburg (25.9.) und die „Die Marquise von O.“ in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt (23.9.).


Notizen aus der Provinz

Mit der „Götterdämmerung“ vollendet das Theater Lübeck am 5.9. seinen ambivalenten Ring in der Inszenierung von Anthony Pilavachi, ab 10.9. folgt dann der komplette Zyklus. Am Theater der Stadt Koblenz gibt es – ebenfalls am 5.9. – Musiktheater für den Nachwuchs: „Das kleine Ich-bin-ich!“ ist Musikalisches Erzähltheater von Elisabeth Naske als mobile Produktion, Regie führt die Leiterin der Kinderoper Köln, Elena Tzavara. Themensprung zum Schauspiel: Am Theater Rudolstadt gelangt ein Stück des niederländischen Autors Wannie de Wijn zur Deutschen Erstaufführung: „Der gute Tod“ spielt in den Niederlanden, wo Sterbehilfe unter gewissen Bedingungen legal ist – ein lustvolles Plädoyer für das Recht auf einen selbstbestimmten Abschied (18.9.).


Neugier auf Neues

Mit knapp 50 Uraufführungen starten die deutschsprachigen Theater in Schauspiel, Oper und Tanz in die neue Saison – ein gutes Omen?! Es folgt eine schwerlich getroffene Auswahl: Am Deutschen Theater Berlin hat sich Autor und Regisseur Frank Abt wieder auf theatralische Forschungsreise durch Berlin begeben. Sein Projekt „Geschichten von hier II: Kapitulation“ betont allerdings nicht das resignierte Scheitern, sondern die Chance eines persönlichen Befreiungsschlags im Neuanfang. Das ernüchternde Gegenteil findet am Hamburger Schauspielhaus in Oliver Klucks Stück „Warteraum Zukunft“ statt, das ihm den Kleist-Förderpreis 2010 einbrachte und das als Koproduktion bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen uraufgeführt wurde: kreisförmiger Alltag endet in der Katastrophe (22.9.). Nein, Volker Lösch wird mit „Hänsel und Gretel“ nicht zum Märchenerzähler. Vielmehr nutzt er den Grimm’schen Stoff für sein aktuelles Projekt mit Kindern einer Hamburger Gesamtschule und dem Ensemble des Deutschen Schauspielhauses. Grimms vielfältig interpretierter Text und Humperdincks Komposition werden zur Folie für Recherchen über tabuisierte Kinderarmut in Hamburg, die Uraufführung mit allen Beteiligten ist am 25.9. Beim Stuttgarter Schauspiel beschäftigt sich René Pollesch derweil mit den tautologischen Erwartungen von Zuschauern im Theater, die sich der vorgesetzten Lüge durchaus bewusst sind und dennoch keine Konsequenzen ziehen: „Objektiv betrachtet ist das einzige, was die Realität vom Theater lernen kann: zu betrügen, zu lügen, und, jetzt kommt der wichtige Punkt dabei: dass es eben alle wissen...“ Aha. Die Uraufführung von „Drei Western“ ist am 26.9. in der Werkhalle. In Bielefeld geht es mit einer Geschichte aus dem kränkelnden Einzelhandel etwas alltagsnaher zu, wenn am 17.9. „Mein Teppich ist mein Orient“ von Björn Bicker uraufgeführt wird. Auch der Hausautor des Oldenburgischen Staatstheaters, Marc Becker, widmet sich der Mittelschicht: „Aus der Mitte der Gesellschaft“ (UA am 10.9. in Oldenburg). Ewald Palmetshofer hat mal wieder einen Punkt im Titel seines kleingeschriebenen neuen Stückes: „tier.man wird doch bitte unterschicht“ spielt im dörflichen Abseits, wo bei Erika, dem alten Schuldirektor und dessen Sohn die Jahre verstreichen. Dort kämpft Erika gegen die Sprachlosigkeit... Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden ist am 11.9. Die tragikomische Geschichte eines liebenswerten Außenseiters führt Jungdramatiker Lukas Linder in „Das traurige Schicksal des Karl Klotz“ vor: Eltern, Freunde, alle haben den adipösen Versager Karl abgeschrieben, der nicht mal auf seinen Psychiater hört und sich in ein Zirkusmädel verliebt... Uraufführung ist am 24.9. in den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt. Leicht psychopathisch geht’s am 5.9. auch in der Uraufführung von Oliver Bukowskis „Friday Night“ am Theater Osnabrück zu: Der monatlich stattfindende, therapeutische Weiberabend vierer männerfrustrierter Busenfreundinnen endet nämlich in einer großen symbolischen Tat an einem Stellvertreter-Opfer von der Straße... uff. Am Staatstheater Mainz gelangt „Gegengipfel“, die Anti-Globalisierungs-Farce der jungen argentinischen Autorin Laura Fernández, zur deutschen Erstaufführung (19.9.). Während des G8-Gipfeltreffens in Japan kommen junge Aktivisten auf der gegenüberliegenden Seite des Globus, im argentinischen Urwald, zusammen. In der Regie von Philipp Löhle wird auch deren lustvoll-prinzipielles „dagegen-sein“ befragt. Wo wir schon bei Japan sind: Hiroshima ist Partnerstadt von Hannover. Und Hiroshima wird immer mit dem Inbegriff der Apokalypse verbunden sein. In „Little Boy – Big Taifoon“ des Japaners Hisashi Inoue begibt sich Regisseur Marc Prätsch, der auch neuer Leiter des Jungen Schauspiels Hannover ist, auf eine deutsch-japanische Spurensuche mit Elementen des ButohTanzes; Premiere ist am 18.9. Das Musiktheater geht’s geruhsamer an, hier nur zwei Hinweise: Am Musiktheater im Revier gelangt am 15.9. die Oper „Feeds. Hören TV“ von Johannes Kreidler zur Uraufführung. Der Autor selbst wird sein Publikum durch eine TV-Show über das heutige Hören führen – Musiktheater als multimediales Spiel der Wahrnehmungen. Eine Deutschsprachige Erstaufführung gibt’s an der Staatsoper Hamburg am 12.9.: Der Dreiakter „Bliss“ des australischen Komponisten Brett Dean wurde erst im März in Sydney uraufgeführt, in Hamburg inszeniert Ramin Gray; die musikalische Leitung hat Simone Young.


Die Prominenz am Werk

Das Staatstheater Mainz hat auch für die kommende Spielzeit wieder einige interessante Regie-Frauen engagiert: Starten wird (vor Katharina Wagner im März, Tatjana Gürbaca im Mai und Vera Nemirova im Juni 2011) Sandra Leupold am 17.9. mit Wagners „Tannhäuser“, den Catherine Rückwardt musikalisch verantwortet. Am Anhaltischen Theater Dessau inszeniert derweil Andrea Moses – in dieser Spielzeit noch leitende Regisseurin am Haus, ehe sie 2011/12 an die Staatsoper Stuttgart wechselt – die Eröffnungspremiere der Spielzeit: Puccinis „Turandot“, die musikalische Leitung obliegt Antony Hermus, Premiere ist am 25.9. Einen weiteren musikalischen Gassenhauer verantwortet einen Tag später der Noch-Intendant der Komischen Oper, Andreas Homoki: Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“, den Stab schwingt hierfür Patrick Lange. Spartenwechsel, doch in Berlin bleiben wir: am Maxim Gorki Theater wird Jan Bosse eine Petras-Bearbeitung der Grass’schen „Blechtrommel“ auf die Bühne bringen (26.9.). Die Volksbühne präsentiert ab dem 16.9. Frank Castorfs in Moskau uraufgeführte Tschechow-Bearbeitung „Nach Moskau! Nach Moskau!“ und ab 23.9. Jean-Luc Godards „Die Chinesin“ in der Regie von Dimiter Gotscheff. Und um die Berliner Schauspiel-Promi-Riege chronologisch zu komplettieren: Claus Peymann verantwortet ab dem 29.9. Mark Ravenhills „Freedom and Democracy: I Hate You. Shoot / Get Treasure / Repeat.“ Ein Blick noch gen Norden: Am Thalia Theater Hamburg widmet sich Luc Perceval einer Shakespeare-Bearbeitung des „Hamlet“, die Premiere wird am 18.9. sein. Eine knappe Woche später (am 24.9.) hat am Dresdner Staatsschauspiel „Der Turm“ nach dem gleichnamigen Roman von Uwe Tellkamp Uraufführung. Altmeister Wolfgang Engel inszeniert, die Bühne darf man von Olaf Altmann erwarten. Abschließend noch ein Hüpfer in die sich regietechnisch zunehmend vermischende Tanz- und Musiktheater-Szene: Nanine Linning, erfolgreiche Leiterin des Tanztheaters Osnabrück, wird dort am 25.9. ihr Regiedebüt einer Oper geben: „Madama Butterfly“ von Giacomo Puccini.