Zwischenruf

Unser Begehren: Opernbashing

von Detlef Brandenburg
Thilo Beu

Die Bundesstadt Bonn will sich in Sachen Kultur offenbar auf ihre ganz eigene Weise als Vorreiter profilieren. Diesmal mit einer Initiative, die, soweit in der Redaktion bekannt, bundesweit einmalig ist. Eine Initiative BürgerBegehren Bonner Oper (IBBBO) will die Frage zur Abstimmung stellen, ob die Zuschüsse für die Oper der Bundesstadt drastisch gekürzt werden. Konkret wird gefragt: „Sollen die städtischen Zuschüsse für Opernvorstellungen ab dem 1.8.2015 auf 13 Mio. Euro (Spielzeit 2015/2016) sowie ab dem 1.8.2016 auf 8 Mio. Euro reduziert werden (also jeweils um ca. 5 Mio. Euro) und dadurch frei werdende Gelder in gleichen Teilen für den Erhalt der Sportstätten und Schwimmbäder, eine erhöhte Förderung der Sportvereine, den Aufbau einer freien Kulturszene, eine verbesserte Betreuung von Kindern in KiTas und offenen Ganztagsschulen sowie für eine schrittweise Haushaltskonsolidierung verwendet werden?"

Es gab und gibt eine ganze Menge Städte, in denen die Bürger für ihre Kultur auf die Straße gegangen sind. Nun also gibt es auch eine Stadt, in der die Bürger gegen die Kultur Stimmung machen (und damit übrigens ganz nebenbei auch für den Abbau von Arbeitsplätzen, denn nichts anderes wäre die Folge der zur Abstimmung gestellten Kürzung). Wobei die Formulierung der Frage auf einen typischen Neid-Konflikt zielt: hier die armen Sportler, die freie Kultur, KiTas und Ganztagsschulen; dort die reiche Oper mit ihren fetten Zuschüssen. Das klingt nach dem Robin-Hood-Appeal. Wie zynisch die Haltung der IBBBO aber tatsächlich ist, wird klar, wenn deren Sprecher laut Bonner Generalanzeiger sogar bei den Freunden eines zukünftig zu bauenden Bonner Beethoven-Festspielhauses um Unterstützung fischt: Wenn das Bürgerbegehren Erfolg habe, dann habe die Stadt ja auch mehr Geld fürs Festspielhaus. Dieses freilich wäre Edelkultur par excellence, im Vergleich dazu ist die Bonner Oper echte Breitenkultur.

Aber man wird der Sache nicht gerecht, wenn man jetzt nur auf der IBBBO herumhackt, die mit ihrem Bürgerbegehren ja nur ein demokratisches Recht wahrnimmt. Wirklich ärgerlich wird es, wenn man auf den lokalpolitischen Hintergrund schaut. Das Urheberrecht auf die Infragestellung der Bonner Oper liegt bei keinem Geringeren als dem Bonner Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch, der bereits im vergangenen Jahr eine Fusion der Opernhäuser von Köln und Bonn ins Gespräch brachte (natürlich ohne sich vorher in Köln nach dem nicht vorhandenen Interesse an solchen Plänen zu erkundigen). Und es waren die im Bonner Stadtrat vertretenen Parteien, die durch vermeintlich „basisdemokratische“ Online-Abstimmungsportale die Idee in die Welt setzten, Sport- und Kulturausgaben gegeneinander aufzurechnen. Wobei die Abstimmung dort pro Kultur ausging. Inwieweit „die Bonner Bürger“ jetzt das IBBBO-Begehren unterstützen, bleibt also abzuwarten.

Doch so oder so müsste die Stadtverwaltung mit ihrem Oberbürgermeister an der Spitze der IBBBO eigentlich zutiefst dankbar sein. Deren Bürgerbegehren kommt nämlich pünktlich zu einem Zeitpunkt, an dem der Bonner Kämmerer eine Haushaltssperre verhängt hat und OB Nimptsch (natürlich ohne vorherige Abstimmung mit dem Stadtrat) von einer „Bürgerabgabe“ fabuliert, hinter der nichts anderes steckt als eine Erhöhung der Grundsteuer. Hintergrund: Bonn kommt mit seinem Geld nicht aus. Und wenn das so weiter geht, droht die Haushaltssperre. Das allerdings dürfte kaum am Opernzuschuss liegen. Seit Jahr und Tag fährt die Stadt Bonn ein Investitionsprojekt nach dem anderen mit hohem Kostenaufwand gegen die Wand, angefangen von einem sündhaft teuer verbockten World Congress Center und noch lange nicht endend mit der Neugestaltung des Bahnhofs-Vorplatzes. Der Bonner Generalanzeiger veröffentlichte dazu unlängst eine Serie unter dem Titel „Die blockierte Stadt“.

Bonn hat wohlhabende Bürger, eine potente Wirtschaftsstruktur, eine geringe Arbeitslosigkeit, und die Abgaben für die öffentliche Infrastruktur von der Grundsteuer bis zur Parkplatzgebühr sind gesalzen. Für eine solche Stadt soll die Oper zu teuer sein – während sich beispielsweise das vom Strukturwandel gebeutelte Gelsenkirchen mit Stolz und Überzeugung sein Musiktheater im Revier leistet? Das ist doch ein Witz. Wo bleibt denn das ganze Geld? Versickert es in der Verwaltung? Wird es verschleudert? Wenn es darum geht, warum eine Stadt wie Bonn mit ihrem Geld nicht auskommt, müsste doch irgendwann einmal die Frage nach der Effizienz und Seriosität des städtischen Verwaltungshandelns in den Blick genommen werden. Die aber wird in den meisten Debatten fein säuberlich umgangen. Und die IBBBO beschert den Verantwortlichen nun eine höchst possierliche Stellvertreter-Diskussion – mit der Nebenwirkung, dass Bonn mit einer zuschanden gesparten Oper (nichts anderes würde die Absenkung um zehn Millionen bedeuten) erheblich an urbaner Attraktivität und kultureller Breitenarbeit einbüßen würde.