Volker Ludwig und Paul Maar beim

Volker Ludwig und Paul Maar beim "Kampf der Giganten".

© Foto: Frank Schletter
Zwischenruf

Im Gespräch: Volker Ludwig und Paul Maar

von Wolfgang Schneider

Volker Ludwig und Paul Maar waren zum Abschluss der Leipziger Werkstatt der Autoren „Boxenstopp“ am 5. Oktober 2012 Gäste im ältesten deutschen Kinder- und Jugendtheater, dem Theater der jungen Welt in Leipzig. Der eine hat das GRIPS erfunden, der andere das Sams. Beide prägen das Kindertheater in Deutschland auch als Autoren seit fast fünf Jahrzehnten. Wolfgang Schneider moderierte das Gespräch.

Volker Ludwig Kabarett habe ich aufgegeben, weil wir nur Publikum hatten, das sowieso unserer Meinung war. Das Kindertheater empfanden wir als Zielgruppenkabarett, wie es ja auch Lehrlingskabarett gab. Live auf der Bühne zu sein ist das Sinnlichste und Wirkungsvollste, was man machen kann. Wir waren ein sozialistisches Theater und für uns waren die Kinder eine unterdrückte Klasse. Und wir versuchten ihnen ein bisschen Selbstbewusstsein beizubringen. Wir waren die einzige Alternative zu dem vergammelten Weihnachtsmärchen der Staats- und Stadttheater damals.

Paul Maar Kinderstücke habe ich von Volker kennengelernt und gespürt: Das ist das Theater, was man machen muss. Also etwas, was sich an der Wirklichkeit orientiert. Ich wollte aber nicht wie er politisches Theater machen, indem ich die Wirklichkeit eins zu eins abbilde. „Kikerikiste“ war ein schlichtes Stück, das aber mit einer Konvention des Theaters bricht, die seit dem 19. Jahrhundert gilt: Der Ort des Spiels ist die Bühne. Und es gibt zwei Protagonisten, die gar nicht erklärt sind. Handke hat mal gesagt, je hermetischer sich ein Geschehen auf der Bühne für den Zuschauer darstellt, desto leichter kann er Assoziationen zu seinem eigenen Leben herstellen. Das Stück wird immer noch gespielt und neulich hat mir einer gesagt, er sieht in der Figur des Musikmarschierers eigentlich den modernen Börsianer. Es gibt aber noch eine zweite Ebene: Mein Ideal als Theaterautor ist Samuel Beckett. „Kikerikiste“ ist ein bisschen eine Hommage an „Warten auf Godot“. Nur habe ich nicht seinen Existentialismus teilen wollen, sondern ich wollte für die Kinder einen positiven Ausgang.

Volker Ludwig Auf so was wie „Kikerikiste“ wären wir nicht gekommen. Kleine Zwei-Personen-Stücke waren in den ersten Jahren unserer Existenz gar nicht möglich. Wir brauchten so viel wie möglich Publikum, um überhaupt zu überleben. Die Kinder kamen schon nach dem ersten Stück zu uns und sagten uns, worüber wir das nächste Stück machen sollten. Das heißt, die haben unsere Funktion ganz genau erkannt: Wir waren deren Partner im Klassenkampf und alles das, was sie ärgerte, haben wir aufgenommen und dann versucht, ein Stück daraus zu machen. In den ersten zehn Jahren haben wir alle unsere Stücke selber schreiben müssen, weil es dieses Genre nicht gab. Wir waren da in etwas gefangen, auch formal, das eine ungeheure Wirkung auf die Kinder hatte, sodass ich keinen Anlass hatte, über irgendwelche neuen Ästhetiken nachzudenken. Wir haben da eine Aufgabe erfüllt und das war ganz wunderbar.

Paul Maar An der Württembergischen Landesbühne in Esslingen traf ich auf den Regisseur Mauro Guidani, der kam von der Folkwang-Schule und hat seine Studenten mitgebracht und die wollten Kindertheater machen. Da war eine große Aufbruchsstimmung! Die kamen auf mich zu und fragten, ob ich für sie zusammen mit dem Ensemble ein Stück entwickeln würde. Es wurden dann drei. Das erste war „Mützenwechsel“, dann kam eines mit einem Schauspieler, der während des ganzen Stücks nicht reden darf, es heißt nämlich „Die Reise durch das Schweigen“. Und das dritte war „Freunderfinder“, das würde ich durchaus als realistisches Stück bezeichnen, obwohl die Erwachsenen es eher als fantastisches ansehen. Es geht nämlich um ein etwas einsames Kind, das mit den Eltern umgezogen ist und einen unsichtbaren Freund hat. Der kann Spielkamerad von ihm sein, aber auch sehr aggressiv, wenn er zum Beispiel die Lieblings-CD von Papas neuer Freundin zerkratzt, weil er Wut hat. Ich habe mal gelesen, dass 70 Prozent der Menschen in irgendeiner Phase ihrer Kindheit einen unsichtbaren Freund haben. Ich denke, wenn die Kinder das sehen, ist es für sie realistisches Theater, denn es bildet ihre Wirklichkeit ab.

Volker Ludwig Als wir anfingen, Kindertheater zu machen, war klar, dass wir weder Märchen noch Fantastisches machen. Ansonsten waren die GRIPS-Stücke immer sehr viel differenzierter, als es im allgemeinen Bewusstsein ist. Erst beim letzten Kinderstück, das ich geschrieben habe, „Julius und die Geister“, gibt es etwas Vergleichbares: Ein Junge ist in ein Mädchen verliebt, das gar nichts von ihm wissen will. Er träumt sich da was zusammen, und dieses Mädchen erscheint und auch der Vater, der abgehauen ist. In dem Moment, wo der Vater wieder auftaucht und ein Kontakt zu dem Mädchen entsteht, braucht er die Figuren nicht mehr, die sich dann natürlich auch sehr traurig verabschieden.

Paul Maar Genau wie in meinem Stück! In dem Moment, wo er eine echte Freundin findet, muss er mit großer Trauer seinen Fantasiefreund wegschicken.

Volker Ludwig Oder wir haben ein Umweltstück gemacht: „Himmel, Erde, Luft und Meer“. Da ging es um ein Mädchen, das die fürchterliche Gabe hatte, alles, was giftig war im Essen, in der Luft und so weiter, zu riechen und zu schmecken. Das war natürlich auch etwas Fantastisches.

Paul Maar Ihr habt dann ja auch „Medeas Kinder“ gespielt. War das nicht auch unter dem Einfluss der Rehabilitation des Märchens und der Mythen?

Volker Ludwig Wir hatten 1981 eine große Skandinavien-Gastspielreise. In Stockholm wurde dieses Stück zwischendurch von Suzanne Osten und Etienne Glaser moderiert, die ansonsten so ein tiefenpsychologisches Theater gemacht haben. Ich war immer auf der Suche nach Alternativen und das war ein Theater, das mich sehr fasziniert hat. Und dann haben wir versucht, uns daran abzuarbeiten. Es geht da ja um die Scheidung und die Eltern streiten sich in griechischen Jamben. Das Tolle war, am Ende sagt das kleine Mädchen zum Vater: „Geh zu deiner Kirke, die braucht dich. Und mach‘ dir keine Sorgen, wir kümmern uns schon um Mama.“ Die Lehrer haben Rotz und Wasser geheult bei dem Stück. Als wir dann fragten, wann sie mit ihrer Klasse kommen, haben sie es strikt abgelehnt. Die Hälfte der Kinder sei geschieden. Es hat aber nie eines der Kinder geweint, für die ist es einfach ein interessantes Stück. Wir mussten es nach 25 Vorstellungen absetzen.

Paul Maar Das kann ich bestätigen: Bei meinem Stück „Papa wohnt jetzt in der Heinrichstraße“, wo es auch um Scheidung geht, hatten wir eine Lehrersichtvorstellung. Und als wir dann fragten, sagten sie, nein, das können wir unseren Kindern nicht zumuten. Es sind so viele, deren Eltern auch geschieden sind oder gerade in Trennung leben, und wie sollen die dieses Theater aushalten? Ich hab sie sehr bekniet, dass sie das trotzdem versuchen. Nachdem das Stück abgespielt war, haben wir wieder die gleichen Lehrer eingeladen, die uns von ihren Erfahrungen berichten sollten. Sie sagten, das Erstaunliche war, dass die Kinder das eigentlich viel, viel natürlicher aufgenommen haben, auch die, die in ähnlicher Situation waren.

Volker Ludwig Wir haben unsere Stücke immer für unser Berliner Publikum geschrieben und deren Wirklichkeit wiedergegeben. Das sind dann manchmal Stücke, die so Grundsituationen von Kindern wiedergeben. „Max und Milli“" ist das erste international erfolgreiche Stück gewesen: Ein Kind soll ins Bett gehen und will nicht. Das finden 90 Prozent aller Kinder schon mal gut. Dann hab’ ich noch eine kleine Schwester dazu erfunden, die aber mutiger ist und frecher – was übrigens auch sehr verbreitet ist. Das sind zwei bürgerliche Kinder, die auf dem Spielplatz ein Unterschichtenkind treffen. Dem Armen geht Geld verloren – das ist auf der ganzen Welt eine Katastrophe. In Indien war es ein revolutionäres Stück: Da haben zwei Bramahnenkinder mit einem Kind aus der zweituntersten Kaste gespielt. Das gibt es in ganz Indien heute noch nicht, aber es wurde im Fernsehen gezeigt: Auf der Bühne war es möglich. Das andere war „Linie 1“. Da haben wir auf einmal in Dublin und London und New York gehört: Die Typen, die kennen wir auch. Wir haben ohne es zu wissen, typische Metropolentypen dargestellt. Diese Schicksale gibt es überall. Der größte Erfolg war in Seoul. Das lief da 4000 Mal.

Paul Maar Die besten Stücke sind die: Wenn die Kinder rausgehen und glücklich sind, dann hat man das Beste getan. Man muss Themen finden, die nicht nur tagesaktuell sind, sondern die eine Allgemeingültigkeit haben.

Volker Ludwig Das Publikum, das zu uns kommt, erwartet doch, dass es dort irgendwas für sein Leben mitnehmen kann. Ich will Kindern etwas Bestimmtes erzählen, das ihnen hilft und das sie brauchen. Das wäre ein Theater, das wirklich gebraucht wird. Es muss ein Theater für Kinder sein. Wir haben keinen neuen Stil erfunden, sondern eine Methode die Probleme, die sie wirklich haben, zu unseren eigenen zu machen. Und daraus, wie auch immer geartete, politische, musikalische, dramatische Stücke zu machen, wo sie sich wiedererkennen und merken, sie sind nicht allein. Diese Art Theater werden wir weiter machen. Wir werden uns stur weiter daran halten: Wir sind für unsere Kinder da.