Zwischenruf

Geburtstagbegegnung: Wagner trifft Verdi (2)

von Wolf-Dieter Peter
Im doppelten Opernkomponisten-Gedenkjahr 2013 wollen wir Ihnen die beiden Geehrten als Begleiter mit auf den Weg durchs Jahr geben. In jedem Monat werden sie unter unserer "Zugabe" je einen Text zu Giuseppe Verdi und zu Richard Wagner finden. Beide Texte stiften Beziehungen zwischen den beiden großen Männern, beide werden ihr jeweiliges Thema an einer Anekdote aus dem entsprechenden Monat festmachen. Im zweiten Teil der Serie geht es um die Jugendjahre und den aufkeimenden Genius Wagners und Verdis.

"In Wahrheit lässt sich das Komponieren nicht lehren"

Theatralisch-Dramatisches umgibt Richard Wagner von Geburt an: Napoleons letzte Schlachten; Tod des Vaters sechs Monate nach der Geburt; die Theaterwelt des Stiefvaters Geyer; die Erzählungen des erziehenden Pastors von Mozart über Robinson, den griechischen Freiheitskampf hin zu den antiken Mythen. Als der sechsjährige schlechte Klavierschüler Richard für den sterbenden Stiefvater „Üb immer Treu und Redlichkeit“ spielt, fragt der: „Sollte er vielleicht Talent zur Musik haben?“ Zunächst deutet nichts daraufhin. Dem Zehnjährigen verweht ein Gewittersturm die erste eigene Puppentheateraufführung. Den anschließenden „Widerwillen, selbst zum Theater zu gehen“ bestätigt er noch später.

Doch dann erfasst auch ihn das ab 1821 grassierende „Freischütz“-Fieber. Beethovens „Egmont“-Musik und der E.T.A. Hoffmann-Satz von der „wahren Oper…, in welcher die Musik unmittelbar aus der Dichtung als notwendiges Erzeugnis derselben entspringt“ werden Auslöser: Kompositionsstudien; Immatrikulation ohne Schulabschluss; Schüler des Leipziger Thomas-Kantors mit der Einsicht: „In Wahrheit lässt sich das Komponieren nicht lehren.“ - Die jahrzehntelangen Misserfolge führen im März 1864 zum Entwurf der Grabinschrift „Hier ruht Wagner, der nichts geworden / nicht einmal Ritter vom lumpigsten Orden / nicht einen Hund hinter’m Ofen entlockt’ er / Universitäten nicht mal ’nen Doktor“. Doch am 3. Mai 1864 bringt der Kabinettssekretär die Einladung König Ludwigs II. – das „Wunder“ der Rettung. Der Rest ist Theater-, Musik- und Kulturgeschichte – bis zum 13. Februar 1883 in Venedig, als Wagner in Cosimas Armen stirbt. „Triste, triste, triste! Vagner è morto!“ schreibt Verdi am 14. Februar an seinen Verleger-Freund Ricordi, „Ein Name, der in der Geschichte eine machtvolle Spur hinterlässt“ – und er korrigiert zum Superlativ „…una potentissima impronta!“

"... den Genius anzuspornen..."

Der doppelbödige Filmtitel „Auch Zwerge haben klein angefangen“ gilt auch für den 1813 im ärmlichen Le Roncole geborenen musikalischen Riesen Giuseppe Verdi. Der Dorforganist erkennt und fördert die musikalische Begabung des Sechsjährigen. Während der anschließenden Gymnasialjahre in Busseto steht die Musik im Vordergrund und am 18. Februar 1830 lädt Verdis zentraler Wohltäter Antonio Barezzi den Bürgermeister zu einem großen Hauskonzert des bald 17-jährigen Giuseppe ein: „Die Anwesenheit der höchsten Obrigkeit der Stadt wird ein wirksames Mittel sein, den Genius, der uns erstanden ist, anzuspornen, so dass er in Bälde die schönste Zierde unseres Vaterlandes bilden wird.“

Drei Jahre später, am 22. Februar 1833 meldet der Mailänder Lehrer, dass Verdi „von früh bis spät“ studiert und komponiert. Wieder drei Jahre später, am 29. Februar 1836 berichtet Verdi von der Prüfung in Parma: „...ich spielte ein Streichquartett von Donizetti aus einer Partitur voller (wahrscheinlich absichtlich gemachter) Fehler vor, die ich während des Spiels verbessern musste.“ Über Verdis Prüfungs-Komposition sagt der Professor: „Diese Fuge würde einem vollendeten Meister Ehre machen; sie ist wert, gedruckt zu werden. Mit einem solchen Wissen könnten Sie auch in Paris oder London als Musikdirektor wirken, geschweige denn in Busseto.“ – All das wird Verdi nicht, vielmehr der opernweltweit bedeutendste Komponist der italienischen Oper. Als er nach seinem Tod im Januar dann am 27. Februar 1901 zusammen mit Giuseppina in der Kapelle der „Casa di riposo“, seiner Stiftung für verarmte Musiker, endgültig beigesetzt wird, säumen über 300 000 Mailänder die Straßen und Arturo Toscanini dirigiert den zur zweiten Nationalhymne Italiens aufgestiegenen und bis heute schönsten Opernchor „Va, pensiero – Flieg, Gedanke, auf goldenen Flügeln…“