Twittern in der letzten Reihe

Twittern in der letzten Reihe

© Foto: Detlev Baur
Zwischenruf

Twittern im Theater – das war's?

Am 9. Mai 2014 erstellten 18 Blogger und Kritiker während einer Vorstellung beim Berliner Theatertreffen eine gemeinsame Live-Kritik. In der letzten Reihe des Rangs im Haus der Festspiele stellten sie in Frank Castorfs Inszenierung „Reise ans Ende der Nacht“ ihre Eindrücke, Gedanken, Assoziationen und Kritikpunkte auf Twitter direkt ins Netz. Hier sammeln wir Eindrücke von Beteiligten und resümieren das Experiment.

Die Idee

„Wie gerne stelle ich mir das fürs Theater vor: Nach einer Vorstellung gehe ich aus dem Saal und kann an den Wänden die Gedanken der 300 anderen lesen, die gerade noch neben mir saßen. Sie verlieren plötzlich ihre Unsichtbarkeit, und es bleibt mir nicht verborgen, dass wir tatsächlich die gleiche Vorstellung besucht haben.“ 

Unsere Autorin Bianca Praetorius entwickelte diese Idee angesichts twitternder Zuhörer bei der Berliner Bloggermesse re:publica im Jahr 2012. Anfang 2012 hatte der Deutsche Bühnenverein mit einer Kreativplattform im Internet versucht, Ideen zum Theater der Zukunft zu sammeln. Das ernüchternde Ergebnis zeigte, dass Theater und Netzwelt weit auseinanderliegen. Dennoch gibt es Verbindungen zwischen den sozialen Medien im Internet und dem sozialen Medium Theater, nicht nur wenn Zuschauer auf ihrem Smartphone heimlich den Stand des Babysittings oder neue Fußballergebnisse überprüfen.

Im Jahr 2014 leitete Bianca Praetorius den Blog des Berliner Theatertreffens und plante mit DdB-Redakteur Detlev Baur im Rahmen des Theatertreffens die wohl erste Theaterkritik einer Twittergruppe. Aus den Twittergedanken von Zuschauern war nun eine Experimentalkritik per Twitter geworden – passend zum neuen Format Kritik im Dialog in der DEUTSCHEN BÜHNE. Wir beschreiben hier das Experiment und haben aus den Tweets eine Kritik der Aufführung zusammengestellt sowie eine Selbstreflexion der Akteure.

Das Experiment

Für diesen Artikel sind alle Twittertexte als Material benutzt und in zwei Kapitel geteilt. Ziel war, möglichst aufschlussreichen Lesestoff zu bieten: sowohl zur Inszenierung als auch über die Erlebnisse beim Vorgang der Twitterkritik. Einige Kommentare stammen von Twitterern, die sich dem Hashtag #TTreise von außerhalb des Theaters angeschlossen haben. Die Twitternamen der Autoren wurden gestrichen, teilweise die Reihenfolge geändert (die ohnehin nicht der „Realität“ entspricht, siehe oben), offensichtliche Tippfehler auch korrigiert. Dieser Text soll eine Reflexion über die Aktion sein und eine konzentrierte Auslese der Twitterkritik bieten. 

Wer die Original-Tweets lesen will, sollte auf Twitter unter #TTreise nachlesen oder auf www.theatertreffen-blog.de. Über Reaktionen auf unser Experiment – per Mail, Twitter oder Brief – freuen wir uns. 

Ein Resümee

von Detlev Baur

Beim gleichzeitigen Sehen und Schreiben leidet, wie ich erfuhr, nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern auch die Fähigkeit des Kritikers zum reflektierten Urteil. Erschreckender aber war die Beobachtung (mich eingeschlossen), dass soziale Medien dazu verleiten, auf Kosten des Gegenstands geistreich sein zu wollen. Wer nicht unter seinem Namen für einen größeren zusammenhängenden Text verantwortlich ist, zwitschert eben schnell mal eine möglichst spitze Bemerkung. Darin könnte aber auch die Qualität dieser Schreibform liegen: Durch kurze Gedankenblitze können diese Kurztexte unterhalten und das Bühnengeschehen relativ unmittelbar beschreiben. Womöglich taugt das Theater-Twittern besonders zur künstlerischen Anregung für eine alternative Theaterform, die den Austausch zwischen Bühne und Publikum sucht.

Bei der Aktion störten wir übrigens – dies als Hinweis für besorgte Theater oder Zuschauer – niemanden; die Zuschauer in der Reihe vor uns hatten unserer Agieren zur Pause noch nicht einmal bemerkt. Allerdings zeigte sich, dass Twittern keinesfalls live ist, da zwischen kommentierter Aktion, Schreiben eines kurzen Textes und Erscheinen dieses Textes im Netz etwa zwei Minuten vergehen können, man also selbst bei größter Dialogbereitschaft aneinander vorbeischreiben kann. Ob Twittern eine alternative Form der Theaterkritik bietet, weiß ich auch nach diesem Versuch noch nicht. Ich finde weitere Versuche aber unbedingt sinnvoll. 

Was wäre denn so schlimm daran?

Die Ideengeberin, Mitorganisatorin und Teilnehmerin der Twitterkritik Bianca Praetorius über Hashtags und Hochkultur

Seit gut zwei Jahren laufe ich mit einem leuchtenden Demonstrationsbanner auf der Stirn herum. Darauf steht „Twitter + Theater = <3“. Seit 2012 stelle ich mich mit allen mir zur Verfügung stehenden Überzeugungswaffen in den windigen Kampf, Twitter in die Theaterrezeption einzubringen. Zum Beispiel hier oder hier oder hier oder hier. Man kann also sagen, ich versuche da eine Bewegung mit voran zu treiben. Ich verwende darauf viel Zeit, Energie, Geduld und tonnenweise Optimismus. Jedoch: Ich mag Twitter gar nicht. Ich finde Twitter nervig und blökend und langweilig. 

Huch. Was ist da denn los? 

Die Faustregel ist: Wer so was wie Theatermag, der findet so was wie Twitteroberflächlich und doof. Die Lust an Theater ist das Live-Erleben, die Sinnlichkeit, die Wucht, das Empfinden, das rohe Menschliche, das radial Gedankengut, das Spiel mit Ebenen, das Unmittelbare, das Vergängliche. Twitter ist das Gegenteil. Es ist kurz, schnell, laut, platt, nervig, virtuell, sinnestot, und es steht für alle Ewigkeiten nachlesbar in der Öffentlichkeit in diesem ekeligen, ekligen Internet.

Allerdings haben sie einen nicht ganz unwesentlich gemeinsamen Sinn: Die Möglichkeit des radikal transparenten Austauschs.

Lets talk about Vorurteile. 

Das Bild, das der Twitter-Dislikervon Twitter hat: Twitter ist Fotos von Essen, das Mitteilen von privaten Befindlichkeiten und Retweets von Events anderer Twitterer. Also: Viel, viel PR. Leider entspricht dieses Bild in etwa der Wirklichkeit des spärlich besiedelten Dinge mit Theater bei Twitter- Felds. Die PR Abteilung vom Schauspielhaus ABC retweetet den Tweet von Theater XYZ und andersrum. Man fotografiert Kantinenessen und die sehnlichst erwartete postalische Ankunft des frisch gedruckten neuen Spielzeithefts und alle haben das Gefühl Hey, was habt ihr denn, wir machen doch social media! In Wirklichkeit macht man so jedoch social media kaputt.

Wenn jeder die Werbung vom anderen retweetet, dann wird Twitter zu einer schreierischen Supermarkt Discount Broschüre in hellblau und digital. „Twitter ist, wenn 5 Millionen Menschen in einen Mülleimer schreien“, sagte einmal ein kluger Mensch im Internet. Je mehr PR-Broadcasting über Twitter betrieben wird, desto langweiliger, nervender und blökiger wird Twitter. Also, kann ich ehrlich sagen: So wie Twitter bisher benutzt wird, finde ich Twitter doof. Aber Twitter ist ein Werkzeug. Und ich bin überzeugt: Ein tolles Werkzeug für den Austausch über Theater.

Es ist doch so:
Bei #tatort kann einfach niemand verhindern, dass darüber getwittert wird. Beim #esc (eurovision song contest) oder #gntm (germanys next topmodel) oder #bundestagswahl auch nicht. Und es ist ja nicht so, dass die Veranstalter sich das Getwittere immer wünschen würden. Tatort zum Beispiel. Da wird gelästert und unqualifiziert gefrotzelt. Falsches behauptet und wohlüberlebte Regieentscheidungen unverstanden verrissen. Wenn ich als Tatort-Regisseur darüber entscheiden könnte, ob man darüber twittern darf – ich würde es verbieten. Es tut weh, es ist peinlich, es ist unkünstlerisch, und alle, die da schreiben, haben aus meiner Sicht sowieso keine Ahnung, wovon sie da sprechen. Aber zum Glück kann ich es nicht verbieten. Der Zuschauer vor seinem Fernseher macht leider, was er will. Pech gehabt.

Etwas anders sieht das im Theater aus. Der einzige Grund, warum wir diese Diskussion von ist Twitter & Theater eine gute Kombinationhaben, ist ausschließlich: Because we can. Weil im Theater immer jemand das "Saalrecht" hat. Jemand entscheidet darüber, ob getwittert wird, weil er das kann.

Ob im Theater getwittert werden sollte, ist eine politische Entscheidung. Keine ästhetische.

Das Theater ist der einzige Ort, an dem ich vorher explizit dazu eingeladen werden muss, dass heute Abend ausnahmsweise mal gewittert werden darf. Es ist der einzige Ort, an dem man mittels subtiler sozialer Sanktionen wie verächtlichem Schnaufenoder entrüstetem Blick vom Sitznachbarn beim Herausnehmen des unsäglichen Smartphones bestraft wird. 

Jetzt ist es aber doch so:

Wenn ich in der letzten Reihe sitze, oder im Rang. Dann bekommt niemand (tatsächlich niemand) mit, dass ich über die Vorstellung twittere. Ich beeinflusse niemandes Theatererlebnis. Meine Kernfrage also: Wo ist eigentlich das Problem? Das Theater will Ort des öffentlichen Austauschs sein und Ort der Debatte. Jeder freut sich über ein gut besuchtes Publikumsgespräch. Twitter gibt die Möglichkeit dieses Austauschs. Und zwar auf die Masse angewendet.

Meine Behauptung: Dinge wie #TTreise könnte eine crowdgesourcte Theaterkritik-Kultur erschaffen keinen Ersatz der ausführlichen Theaterkritik. Sondern eine zweite Form. Ein Tagebuch ist auch nicht dasselbe wie ein autobiographischer Roman. Hashtag-feeds werden nie Theaterkritik sein. Sie werden weder besser noch schlechter sein, sie werden schlichtweg etwas anderes sein.

Also, noch einmal: Wo ist das Problem?

Das Problem ist: Das zuzulassen, verlangt eine Menge Mut. Die vielseitige Rückkopplung, Gruppendynamik, Shitstorm in Stein gemeißelt. Das macht mir kalte Füße. Wenn ich es also verbieten könnte, wie gesagt, ich würde es tun. Ich will das aber gar nicht verbieten dürfen. Ich will in eine Theaterlandschaft, in der Theater allen gehört und sich alle auch so benehmen.

Künstlerisch ist ein Tweetup nicht unbedingt wertvoll. Es ist auch nicht Teil des dramaturgischen Konzepts eines Abends. Es ist Teil der Rezeption. Es ist so wichtig wie ein Publikumsgespräch.

Natürlich, sind Publikumsgespräche immer unersetzbar. Aber sie müssen nicht die einzige Form des Feedbacks sein, die es im Theater gibt. Ich persönlich habe im Allgemeinen manchmal eine ziemlich große Klappe. Aber in Publikumsgesprächen gibt es hundert Gründe, warum ich mich oft nicht traue, etwas zu sagen. Meine menschliche Scham, der Rückfall in meinen zaghaften Mädchengestus und schlichtweg Scheu, mich zu äußern. Aber eine Meinung hab ich trotzdem. Schriftlich war immer ehrlicher als face-to-face. Zu viele Emotionen zum Jonglieren. Papier ist geduldig, mein Display auch. Bei einem Tweetup kann jeder alles sagen. Genau darin liegt der Mehrwert von Twitter & Theater.Genau darin liegt aber gleichzeitig auch die Angst davor.

Das Verdächtige an der Diskussion Twitter & theater - Top oder Flop?ist, dass es diese Diskussion überhaupt gibt. 

Denn Twitter im Theater ist eine kulturpolitische Entscheidung, keine künstlerische oder ästhetische. Den Mehrwert des Twitterns im Theaterbewerten zu wollen, ist die logische Konsequenz der spürbaren Nervosität, die die Diskussion mit sich bringt. Klassische Theaterkritikjedoch mit crowdgesourcter Tweet-Kritik zu vergleichen, ist wie ein Kresse-Beet fürs Fensterbrett mit der Bundesgartenschau zu vergleichen. 

Theaterkritik ist eine lang angesetzte Kultur, ein Garten, der wachsen musste. Dieses Twitter im Theaterhingegen, ist eine neu angelegte Kultur, ein Baby-Pflänzchen. Also: Wachsen lassen und gucken was passiert, wenn es groß ist. Damit das passiert, muss dann aber auch etwas Wasser drauf. Aus Vertrauen. Und aus Lust am Gärtnern.

 

Manuel Braun

Die Twitter-Teilnehmer: Hinten: Thomas Halle, David Winterberg, Hannah Wiemer, Eefke Kleimann, Elena Phillip, Felix Ewers. 2. Reihe: Ingo Sawilla, Jan Fischer, Dorothea Marcus, Holger Rudolph, Nathalie Frank, Manouchehr Shamsrizi, Detlev Baur, Bianca Praetorius vorne: Mounia Meiborg, Anna Volkland, Manuel Braun. Auf dem Bild fehlt Esther Slevogt.

Tweets zur Inszenierung

#FC gleich in die Vollen: Ferdinand und „die Neger“ auf Flussfahrt, mit vollem Spieldrang voraus. 

#Fear and Loathing in Französisch-Kongo.

#Die Highheels sind Castorf-mäßig hoch, die Röcke der Damen ungewöhnlich lang.

#Also das Buch beginnt in Europa. 1. Weltkrieg

#Interessant arrangiert: die Romanvorlage von mittendrin in zwei Richtungen erzählt (?), angefangen beim Zerfall. 

#Versteht eigentlich jemand, der das Buch nicht kennt, das Geschehen? Oder ist das egal?

#Ein bisschen wie #Jerseyshore. Schlecht angezogene, schreiende Menschen suchen das Klo und ihre Drogen, dazu latenter Rassismus. 

#Finde ich das jetzt billig? „Liberté, Égalité, Fraternité“ in KZ-Portal-Manier über der Szene zu lesen?

#Soll das heißen, dass der Kolonialismus im Nationalsozialismus mündet? Ich finds auch eher billig.

#Assoziationen zur Bühne: Zirkus, Kirmes oder Wagenburg. 

#Aus dem rang fuehlt sich der blick auf die Bühne wie Autokino an. Outdoor, Leinwand, abendstimmung.

#Wenn man das Bühnenbild ein bisschen aufräumt, könnte das ganz gemütlich sein. 

#Frank Castorf scheint ein junger Theaterschaffender, der noch nach seiner Formsprache sucht?… es lebe Frank, verdammt noch mal!

#Der Hauptmann hat im Gesicht sogar einen Schmiss! Castorf ist doch Realist!

#Der Hauptmann erzählt uns was über Männlichkeit und genießt weibliches Lauschen. So muss das.

#Das Schauspielen ist eigentlich altmodisch-überzogen

#Warum altmodisch? Ist doch super gespielt

#Bibiana Beglau ist doch einfach fantastisch

#Der Narzissto-Misanthrop Céline is’n wahrer Aphoristiker. Jeder Satz ein Knaller. Oder ne Stinkbombe vom schwärenden Stänkerer.

#Die Sprache knallt wie Sau. Jeder Satz ein T-Shirt-Spruch, wenn T-Shirts größer wären. 

#Nach 45 min Wahnsinn kehrt Ruhe ins Lager. Beglau sinniert in der Hängematte über endlose Tage.

#Beglau heiser und versoffen: „Keiner hat Liebe zu verschenken dieser Tage.“ 

#Habe ich da gerade Conchita Wurst gesehen?

#Wird hier gerade irgendwo das Huhn aus dem 1. Akt gebraten? Und gibt’s das in der Pause?

#Rassistische Witze können dem weißen Publikum ein kleines Lachen abringen

#woher weißt du, dass das Publikum weiß ist? Es ist doch dunkel!

#Ich finds ja gut, dass wenigstens Castorf noch nicht pc ist. 

#Es steckt ein rassistischer oder sexistischer Witz in allem. 

#Jetzt sind wir im Schützengraben, am Anfang, im alten Europa was, wenn ich richtig sehe, leider auch das neue europa ist

#Bisschen Tarantino, diese Kriegsszenen. 

#Dieses globale Durcheinander hat was

#Jedenfalls sind wir fast durch, fehlt noch der Trip nach USA und Heiner Müller

#„unsere reise: eigentlich nur langeweile und missgeschick?ansonsten können sie ja die augen zumachen und warten“ – jaaaa?

#Szenenapplaus für Beglau, die durch den Backofen verschwindet. 

#Ohlala! Le klamauke! 

#Die Hauptfigur wurde ausgewechselt, seitdem die Beglau im Ofen verschwand

#Frage: Spielt Beglau die Ferdinand-Figur in Konstellationen mit Männern, Pätzold mit Frauen? 

#Beglau ist aus ihrer eigenen Ofen-Verbrennung erwacht und liest versonnen Tim und Struppi im Kongo?… 

#wie vorhin schon beim thema kriegstrauma, -angst, -opfer, jetzt sklavenaufstand?…leichen, leichen – es sind scheinbar so ferne themen?…

#Angst. Krieg. Rassismus. So fern?

#wahrscheinlich passt eben die inszenierung zur gesellschaftlichen lage

#Geradezu texttreu gerade. Lola und Bardamu trennen sich. er hat angst, sie findet ihn feige. Celines Antikriegsmanifest ist grandios

#ich find das auch ziemlich nah. Die Übertragung ins Jetzt muss ich nicht auf der Bühne sehen, die läuft ja im Kopf ab.

#Melancholie vor Bruchbuden. I like Klum als Favelaqueen. Das ist mal ein Parforceritt der Assoziationen! 

#Haha, FC-Kalauer: „Ich will fort zu Ford“ – „So beginnen die Modern Times“

#haben wir schon geklärt ob das Auto auf der Bühne ein Ford ist? 

#Ich würde so gern ins Bühnenbild klettern und alles erkunden.  

#ist das also alles eine liebesgeschichte, ist ja immer klamaukig?

#ist eine lieblosgeschichte

#finde, dass castorf sehr gute nichtliebesszenen kann (allerdings in la cousine bette doch besser), abgrund Ehe, Tod eines Zynismusreisenden. 

#Letzte Sequenz im Buch. Schwenken wir auf die Zielgerade, oder wird noch mal mit der Chronologie gewürfelt? 

#bühne wird immer dunkler, wir immer schweigsamer?… mal wieder eine hysterische, unglückliche frau

#Hysterisch sind die Frauen, gelassen die Männer. 

#Tatsächlich passiert gerade nicht viel, aber davon eine Menge. 

#Edith Piaf. FC liebt wirklich alle Frankreich-Klischees. Warum nur hat er bisher das Irrenhaus ausgelassen, in dem Bardamu landet?

#Das Irrenhaus fehlt natürlich, weil die Welt ein einziges ist?… 

#Wer ist denn noch fit fürs Publikumsgespräch, liebe #TTreisende?  

Übers Twittern

#Twittern oder gucken ist erst mal die Frage bei #TTreise.

#Twitter-Diskriminierung!! Meine tweets erscheinen nicht, weil ich zu neu bei Twitter bin. Ist das nicht der größere N-Wort-Skandal

#Wir legen los wie die Reisenden auf der Bühne, wird auch mal ruhiger werden. Oder? 

#stimmt, endlich mal zuhören

#ich brauch in der pause Strom

#Die Blonde auch, die rennt da auf dem Bildschirm mit einem Stecker rum und sucht. 

#bemerkenswert, dass bisher bei keinem ein Gefühl der Intensität entsteht?… liegts doch am Multitasking? 

#das liegt am Multitasking! Grauenhaft! Das ist doch gerade total gut, wie sie sich trennen

#Nee, die Intensität ist da, aber dann twitter ich nicht. 

#mir fällt es schwer. Bühne & tweets sehen/lesen, zum schreiben kam ich nur am anfang

#Der Trend hier geht zum zynischen Bonmot. Was vielleicht auch wieder zu FC passt

#Twitter, mit T wie Triebabfuhr. Passt zum Abend. Irgendwie.

#Twittern verleitet zum undisziplinierten Kalauern?… Licensed to Läster?… Ernsthafte Auseinandersetzung kommt später. Kommt aber!

#das könnte dran liegen, dass das „Letzte-Reihe-Schulbank-Gefühl“ aufkommt. Weil wir da so sitzen

#Ich bin in der Pause in die 5. Reihe umgezogen. Komme kaum noch zum Twittern. Aber?… Es ist ein ganz anderes Erlebnis?… 

#Jetzt sind die #TTreise-Tweets niveaumäßig irgendwo bei den im ersten Teil kritisierten Lachern des Publikums angekommen

#„In unserem eigenen Lärm hören wir nichts“ 

#alles zerfasert heutzutage, sagt der Schauspieler?… So fühle ich mich twitternd auch

#vielleicht eine Frage der Übung

#Würde Theater anders gemacht, wüsste das Theater um die zusätzliche Beobachtung zweiter Ordnung durch Twitterer? 

#als Spielform: nicht uninteressant. Als Ersatz für einen geschliffenen Text: nicht so. 

#Jetzt ist es ganz still. Die Twitterreihe vergisst das Twittern und ist gerührt!

#woher kommt diese begeisterung jetzt? ironie?

#Mein akku schafft keinen ganzen Castorf. #tschüss

#bestärkte meine Zweifel, ob Twitter in konventioneller Inszenierung funktioniert

#Über Musik schreiben ist wie über Architektur tanzen ist wie über Theater twittern: praktisch nur theoretisch interessant

#Hab gerade die #TTreise-Tweets überflogen. Reaktion: Das ist alles??? Ist Twittern im #Theater doch keine so tolle Idee? 

#Ich fand uns auch nicht so klug und vor allem: etwas eitel. 

#und was bleibt jetzt von der #TTreise? mehr Fragen als Antworten?… da geht noch was.

#Habe heute nacht im Halbschlaf weiter getwittert. Bis die Vögel gezwitschert haben

Macht das Sinn?

Ein Kommentar von Elena Philipp, Teilnehmerin der Twitter-Kritik
 

Eine gute Erfahrung, um mitreden zu können: Macht Twittern im Theater Sinn? Für mich persönlich ja, weil es das Liveformat Theater mit einem fortlaufenden Live-Darübernachdenken potenziert. (Eingeschränkt war dieses gemeinsame Meta-Erlebnis allerdings dadurch, dass das 'Gespräch' zwischen uns Twitterern technisch nur bedingt funktionierte: Einige von uns waren für die anderen nicht lesbar, da Twitter Neunutzer erst einmal ausblendet.) Ich persönlich habe den Rausch des Assoziierens und die Denkanstöße durch die Tweets der KollegInnen genossen. Meiner persönlich positiven Einschätzung stimmten allerdings schon im Anschluss an die Vorstellung einige von uns nicht zu: von "License to Lästern" war schon in den Tweets die Rede, im Gespräch schätzten uns einige MitstreiterInnen als überheblich ein, wegen der unfundiert-unbedachten Meinungsäußerung. 

Ich bezweifle zwar, dass ein paar Stunden mehr dazu führen, eine Inszenierung vollständig zu durchdringen. Dennoch kann ich diesen Vorbehalt nachvollziehen: Das Experiment hat mich zu der Überzeugung geführt, dass sich das Twittern nicht mit dem klassischen Kritikertum verbinden lässt, zumindest nicht in derselben Vorstellung. Zu zerstreut wird die Wahrnehmung. Ich persönlich könnte Castorfs "Reise ans Ende der Nacht" nicht als Aufführung bewerten, weil zu viel Aufmerksamkeit in die Tweets geflossen ist. Und um noch etwas weniger euphorisch gestimmt zu enden: "Das ist alles?" als Reaktion auf unser Tweet-Up zeigt, dass wir als Theatertwitterer noch sehr an der Leserorientierung arbeiten müssten. Die Frage, "Was soll das, macht das Sinn?" steht also weiterhin im Raum.

Die Technik will geübt sein! 

Ein Kommentar von Anna Volkland, Teilnehmerin an der Twitter-Kritik

Wie war's also? Die Inszenierung hat mich eher enttäuscht (nachdem ich zuletzt Castorfs „La Cousine Bette“ großartig fand), größtenteils ein Dialog-Hörspiel mit Video der sich (natürlich intensiv) äußernden SchauspielerInnen in einer sehr stimmungsvoll (spärlich) beleuchteten Bühnenbildinstallation... Was allerdings vorteilhaft fürs Twittern war (man konnte aufs Display schauen und hat szenisch kaum etwas verpasst).

Als Gruppenerlebnis war's wirklich sehr nett, aber ich schätze (ohne gezählt oder auch nur alles gelesen zu haben), dass sich vielleicht 10, maximal 20% unserer Tweets sinnvoll mit dem Gesehenen auseinandergesetzt haben – man müsste sich wirklich disziplinierter fragen, ob das, was man da sendet, für irgendwen später noch relevant sein könnte... Bin sehr gespannt, wie sich unser kollektives Kommentierexperiment dann in der gekürzten Fassung in der Deutschen Bühne (Juliheft) lesen lassen wird!

Ansonsten denke ich, sinnlos war's nicht, aber üben muss man diese Beobachtungs-Kommentar-Technik schon! Und dann schauen, was einem so eine Spruchsammlung erzählen kann... Vielleicht ja mehr über die Schreiber als über die Aufführung?