Regisseur Christian von Götz.

Regisseur Christian von Götz.

© Foto: Musikdebatte Köln
Zwischenruf

Musikdebatte Köln: Ein Neues Forum für Politische Oper

von Hans-Christoph Zimmermann

In Köln wurde jetzt die Gruppe Musikdebatte Köln gegründet. Das Ensemble hat sich einem Musiktheater verschrieben, das neue Werke zu konkreten Themen der jüngsten Geschichte vorstellen will. Zum Auftakt kam jetzt „Djaizat al Salam – Friedenspreis“, eine Oper zum Konflikt in Afghanistan, heraus.

Hans-Christoph Zimmermann im Interview mit Regisseur Christian von Götz

Herr von Götz, das Ensemble Musikdebatte Köln versteht sich als „Neues Forum für Politische Oper“. Warum muss die Oper politischer werden?

In den Köpfen des Publikums ist fest verankert, dass Oper etwas für alte Leute im Smoking oder für verstiegene Köpfe mit schwarzen Brillen ist. Unser Bild der Gattung ist stark durch das 19. Jahrhundert geprägt. Doch die Werke von Giuseppe Verdi sind gar nicht kulinarisch, sondern politisch. Das ist der Ausgangspunkt für mich. Es gibt zwar viele Regisseure, die in den Inszenierungen der Opern des Repertoires Gesellschaftsrelevanz durch politische Bezüge herzustellen versuchen. Wir wollen den Spieß umdrehen und Opern kreieren, die per se ein konkretes politisches Thema haben.

Um welche Themen geht es?

Ich habe Inszenierungen mehrerer Opern wie Mozarts „La Clemenza di Tito“ gesehen, in denen Afghanistan als interpretatorische Folie benutzt wurde. Darüber habe ich mich sehr geärgert und gedacht, lass uns doch direkt von diesem politischen Konflikt erzählen. Es geht um Themen, die aktuell sind und über eine bestimmte Gesellschaftsrelevanz verfügen. Sie sollen vor allem über die Figuren gespiegelt werden. Wenn wir sagen, dass wir politische Oper machen, wollen wir, dass die Leute das auch wieder erkennen.

Was gefällt Ihnen an den Werken politisch engagierter Komponisten wie Luigi Nono, Helmut Lachenmann oder Heiner Goebbels nicht?

Es geht nicht darum, die großen politischen Repertoireklopper der 1960er und 70er Jahre in Frage zu stellen. Aber die meisten Werke brauchen einen gigantischen Apparat und sind eigentlich nur festspielkompatibel. Das ist absurd. Uns interessiert die kleine Form, mit der man an verschiedenen Spielorten gastieren kann. Außerdem wollen wir raus aus dem Elfenbeinturm der seriellen und postmodernen Musik. Wir schlagen den Bogen in die Zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als Komponisten wie Schreker, Zemlinsky und Krenek in Zeitopern aktuelle politische Stoffe verarbeitet haben. Damals war die Oper avantgardistisch und jung. Das wurde durch den Nationalsozialismus zerschlagen.

Wer verbirgt sich hinter der Bezeichnung Musikdebatte Köln?

Eine lose Gruppe von etwa 20 professionellen Musiktheatermachern, also Regisseure, Dramaturgen, Sänger und Musiker. Wir haben jetzt mit dem kleinen Projekt „Djaizat al Salam – Friedenspreis“ begonnen und es werden derzeit immer mehr.

Zum Start haben sie jetzt die Oper „Djaizat al Salam Friedenspreis“ uraufgeführt, in deren Zentrum eine junge Frau und der Drohnenangriff bei Kunduz im Jahr 2009 steht. Was kann die Oper da erzählen, was wir nicht schon aus der Zeitung wissen?

Der Mehrwert liegt in der Emotionalisierung. Ich bin dieser sehr schönen, aber auch mürbe machenden Musik ausgesetzt und diesem Frauenschicksal, das mich packt und aufrütteln kann. Emotionalisierung ist auch ganz altmodisch ein erzieherischer Wert. Man ist sensibilisiert und öffnet sich. Das ist das, was die Oper besser kann als das Schauspiel.

Wenn wir über Afghanistan sprechen: Wie viel Konkretion verträgt eigentlich die Oper?

Das Thema muss über eine fiktive Geschichte gespiegelt werden, die über eine epische oder (post)dramatische Struktur erzählt wird. Man braucht Charaktere, in die man die Geschichte hineinprojizieren kann. Diese Geschichte muss so beschaffen sein, dass sie zugleich ganz konkret von den politischen Zuständen erzählt, andererseits aber auch Distanz herstellt. Es wäre unsinnig, eine Oper zu schreiben, die im Juni 2012 in Kabul spielt.

Macht die Musik die konkreten Konflikte und das Leiden nicht erst genussfähig?

Das kommt darauf an, wie es dargestellt wird. Die Musik zu „Djaizat al Salam – Friedenspreis“ ist nicht kulinarisch, dazu klingt sie zu schräg. Sie lebt von der dissonanten Reibung. Der Perkussionist benutzt zum Beispiel Klangschalen, die er mit einem Cellobogen bearbeitet, um die Schmerzattacken der Hauptfigur  zu intensivieren. Um mit Eric Satie zu sprechen, es ist Musik ohne Soße.

Im Programm zu „Djaizat al Salam“ wird als Komponist das Ensemble aufgeführt. Wie funktioniert ein kollektiver Kompositionsprozess?

Ganz unkompliziert. Ich habe das Libretto geschrieben und dann mit der Sopranistin Csilla Csövari inhaltlich daran weiter gearbeitet. Zusammen mit den Musikern wurde der Text in Abschnitte unterteilt, es wurden Themen bestimmt, Klima und Groove abgesprochen, Bilder dazu assoziiert. Dann haben wir über Improvisation einen musikalischen Grundstock geschaffen, den wir aufgenommen und bei der nächsten Probe weiterentwickelt haben.

Sie haben „Djaizat al Salam“ nicht in einem Opernhaus herausgebracht. Müssen sich auch die Produktionsstrukturen ändern, damit die Oper politischer wird?

Nein. Ein Projekt, wie wir es jetzt gemacht haben, wäre auch im Staats- und Stadttheater möglich. Das Hauptproblem ist, dass  sowohl beim Publikum wie bei den Machern die Fantasie fehlt, die vermeintlich trockenen prosaischen Stoffe, die sich mit weltpolitischen Veränderungen oder Krisen beschäftigen, in Verbindung mit Musik zu bringen.

Welche weiteren Projekte planen Sie?

Wir versuchen jetzt erst einmal mit unserem neuen Stück zu touren. Im Januar 2015 werde ich das Holocaust-Projekt „Die Todesfuge“ mit Musik von Viktor Ullmann und traditioneller jüdischer Musik machen. Wir wollen Texte von Paul Celan benutzen, suchen aber noch einen inhaltlichen Bezug zum Palästinakonflikt. Dann wird es im Frühjahr ein Ukraine-Projekt geben, zu dem unsere Dramaturgin Bettina Porstmann das Libretto schreibt und das Sebastian Jacobs inszenieren wird.