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<title>Die Deutsche Bühne Kurzkritiken</title>
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<description>Kurzkritiken des Bühnenmagazins Die Deutsche Bühne aus den Sparten Schauspiel, Musiktheater und Tanz</description>
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<title><![CDATA[Kristo Sagor: Die Jüdin von Toledo ]]></title>
<description><![CDATA[Jugendliches MittelalterstückVon Jens Fischer"Die Jüdin von Toledo" an der Landesbühne Niedersachsen Nord in Wilhelmshaven. &copy; Foto: Volker BeinhornKristo Sagor: Die Jüdin von ToledoPremiere: 05.05.2012 (Uraufführung)Theater: Landesbühne Niedersachsen Nord, WilhelmshavenHomepage: http://www.landesbuehne-nord.deRegie: Alexander SchillingVorlage: Lion Feuchtwanger: Die Jüdin von Toledo	„Kackenlangweilig“ findet er das Taktieren und Räsonieren, möchte lieber Ritter spielen,  losschlagen, prügeln, sich beweisen. König Alfonso ist kein von Burgfrolleins umschwärmter Mittelalter-Krieger der humanistisch edlen Gestalt, eher ein von Teenies zu beschwärmender, cool sein wollender Jugendlicher: ein rasend Wahrheit suchender Hamlet, ein in Langeweile erstickender Leonce, Kaugummi kauend, hip-hop-lustig mit Glitzerkettchen geschmückt. „Du bist zu reich, du Spast“ bepöbelt er den „beschnittenen Freund“ Jehuda Ibn Esra, Finanzier seiner Macht, ach was, „einfach Judensau“ nennt er ihn. Ganz klar: Die Landesbühne Nord ist nicht an der dramatisch ausgefeilten Konfliktkonstruktion und psychologischen Feinzeichnung eines Historiendramas interessiert, das frei nach Leon Feuchtwangers Roman „Die Jüdin von Toledo“ ein Mit- und Gegeneinander von Christen, Juden und Moslems auf der iberischen Halbinsel als Spiegel nutzt, um etwas über Antisemitismus zu erzählen. Parallelen der Reconquista (dem anstehenden Kriegszug gegen die Mauren, ergo: den Islam) zum so genannten Kampf der Kulturen bleiben unerwähnt. All der erzählerisch üppig ausgebreitete Geschichtsunterricht: schlicht egal. Nur Anlass für Motto-Party-Kostüme.

	Staatstragödie, Glaubensdrama und Amor fou von Femme fatale und Machtmensch – werden hinweggefegt fürs Frühlings Erwachen. Sex, klar, hatte König Alfonso schon, Kinder wurden ihm von der Königin Leonor geboren. Aber jetzt lernt er Jehudas Tochter Rechja kennen, die mit anmutiger Schönheit, Bildung und Kleist’schen Ohnmachten beeindruckt. Erstmals kostet der König die Droge Liebe, lässt trunken von der weiblichen Sinnlichkeit die 68er-Losung wieder aufleben: Make love not war. Solange Alfonso im Lustschloss seiner Affäre frönen und Bastarde zeugen darf, herrscht Frieden, liegt er allein im Lotterbett, gibt’s Krieg und Judenpogrome. Politik und Privates in entwirrendem Miteinander präsentiert Kristo Šagor in seiner Dramatisierung.

	Die Uraufführung übersetzt Alexander Schilling in vitalitätssprühendes Jugendtheater auch für Erwachsene. Instabile Figuren wechseln in einem Satz mehrmals die Haltung, suchen spielerisch nach passender Identität, als Schutz, Rüstung. Ständig alles überspitzen, um zu sehen wie weit man kommt. Stets ironisch brechen, um sich erst mal nicht festlegen zu müssen, weiterspielen zu können. Dieses pubertäre Bewusstsein findet in der Aufführung seine ästhetische Manifestation. Sie feiert zwischen Toll- und Klarheit ihre stilistischen Brüche. Schilling entdeckt dabei eine zweite Bedeutungsebene: Suche nach räumlicher wie auch innerer Heimat – und das Gefühl der Bedrohung durch der/die/das Fremde vor der eigenen Haustür und dahinter. Alfonso begegnet draußen Juden, drinnen seinem bisher unbekanntem Begehren: hervorgezaubert durch die Jüdin Rechja. Fremdes mit der Fremden feiern. Dann: Beziehungskrise. Der König kann seine Leidenschaft nicht ersticken. Angst und Scham erzeugen Selbstbehauptungszwänge, denen Religion die Munition zu aggressiver Abgrenzung liefert. Alfonso zieht in den heiligen Krieg gegen die Mauren, unterlässt den Schutz der Juden: In Ritterrüstung spielt er ein Schlagzeugsolo, Hörspiel des Abschlachtens, während sich der Hofstaat mit Blut bespritzt und ekstatisch abtanzt. Krieg ist einfach die geilste Party. Alle sterben. Nur Alfonso überlebt – innerlich tot. Alles kackenlangweilig jetzt. Die beweisführende Aufführung ist genau das Gegenteil. Welches Wort auch immer dafür gerade jugendjargonmäßig aktuell ist…


	
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<pubDate>Mon, 07 May 2012 16:19:06 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Amina Gusner / Lennart Naujoks: Titanic ]]></title>
<description><![CDATA[Tänzelnder UntergangVon  Detlev BaurWenig im Griff auf dem sinkenden Schiff: Der Kapitän Manuel Kressin und versinkende Menschen in "Titanic" an den Bühnen der Stadt Gera. &copy; Foto: Stephan WalzlAmina Gusner / Lennart Naujoks: TitanicPremiere: 27.04.2012 (Uraufführung)Theater: Bühnen der Stadt Gera / Landestheater AltenburgHomepage: http://www.tpthueringen.deRegie: Amina Gusner	Es scheint noch einmal gut zu gehen für das Theater in Altenburg und Gera. Die Politik hat ein wenig mehr Geld zugesagt, so dass die fünf Sparten bestehen bleiben können, wenn die Mitarbeiter weiterhin über einen Haustarifvertag auf Geld verzichten und frei werdende Stellen nicht mehr besetzt werden. Ob das aber ausreicht, um weiterhin an beiden Orten anspruchsvolles Theater zu machen oder so nur ein langsamer Sterbensprozess der Theater in Altenburg und Gera noch einmal verlängert wird, ist allerdings die Frage. Wie viel einfacher war das doch vor genau hundert Jahren auf der Titanic. Die war nach dem Rammen des Eisbergs nicht mehr zu retten. Aber auch da dauerte es sehr lange – wie wir spätestens seit dem extralangen Hollywood-Streifen wissen –, bis Verantwortliche und Opfer das unmittelbar bevorstehende Ende nicht mehr ignorierten. Klare, für manche auch tödliche Entscheidungen zu treffen, zögerten die Verantwortlichen lange hinaus. Die scheidende Schauspielchefin Amina Gusner und Dramaturg Lennart Naujoks haben nun – nicht ohne Sinn für Selbstironie – „Titanic“ zu Papier und in Gera auf die Bühne gebracht. 

	Die zweite Vorstellung der Inszenierung, am Abend des kreativen Theater-Protestages am 1. Mai, war im frisch renovierten Geraer Plüschtheater nicht sonderlich gut besucht. Der Text versammelt 12 Reisende, darunter auch Kapitän, zwei Stewards, zwei Musiker und den Präsidenten der Reederei zu einer Revue des Sterbens. In rückblickenden Berichten und kurzen Dialogen entfalten die Figuren ihre Biographie, ihre Pläne und den Umgang mit der Katastrophe. Die Vorlage ist ein in sich runder Reigen über menschliche Hybris, das Verdrängen des oft nahen Todes und über die Schuld der Überlebenden samt Äußerungen der Verstorbenen. Es beginnt mit dem Ablegen des Schiffes und den Abschiedsgrüßen der Reisenden. Am Ende räsonieren die Ertrunkenen über das Ende. Ida, die Frau des Ingenieurs Lukow bleibt im Tod freundlich kratzbürstig; die Alkoholikerin wünscht sich im Rückblick auf Erden mehr getrunken zu haben. Schon zuvor waren ihre Kommentare auf schwankendem Grund nicht ganz geistlos. Letztlich kann der Text jedoch nur an der Oberfläche der Charaktere kratzen, weil es ja ums große Ganze: das Ende des unsinkbaren Wunderwerks der Technik und die Verdrängung eines Endes mit Ansage geht. 

	Vielleicht hätte es der Inszenierung auch ganz gut getan, wenn Autorin und Regisseurin nicht dieselbe gewesen wären und der Text in der Inszenierung so etwas aufgeraut worden wären. So verläuft das Ende der Titanc in Gera in recht geordneten Bahnen und gerät selten aufwühlend. Auf der Bühne von Jan Steigert dreht sich immer wieder eine schräge Plattform, die den Bug des Schiffes – oder später das sinkende Gefährt andeutet. Gespielt wird, oft von Musik an Flügel und E-Gitarre (Olav Kröger, Raphael Beil) begleitet, zwischen eingefrorenen Bildern, schwankenden Gestalten und Tanz, zuweilen in Polonaisen. In Amina Gusners Inszenierung entsteht dabei eine Revue des Todes, der es etwas an Biss fehlt. Zwar ist die Langsamkeit des Anfangs vom Ende ein Hauptmotiv des Stückes, doch bleibt die Katastrophe angesichts der nur angedeuteten Figuren etwas oberflächlich. Die meisten Akteure versuchen die mangelnde Dramatik durch laute Töne wettzumachen; dabei sind es die Zwischentöne, wie sie etwa Frank Voigtmann als launiger Spieler Benjamin Guggenheim zeigt, die dem Untergang mehr Tiefe verleihen. Auch das ironische Spiel der Toten am Ende der anderthalb Stunden ist weit ansprechender als die Abrechnung der Überlebenden, weil die Akteure hier leichter aufspielen, ohne die Schwere ihrer Rolle so zu betonen, wie es noch beim Abrutschen von der Schiffsschräge auf den todverheißenden Bühnenboden geschah.


	
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<pubDate>Thu, 03 May 2012 14:53:20 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür ]]></title>
<description><![CDATA[Die Schuld verpufft im TabakqualmVon Nicolas GarzFlorian Lange als Beckmann in David Böschs Bochumer Inszenierung von "Draußen vor der Tür". &copy; Foto: Arno DeclairWolfgang Borchert: Draußen vor der TürPremiere: 04.05.2012Theater: Schauspielhaus BochumHomepage: /www.schauspielhausbochum.deRegie: David Bösch	Damit jeder versteht, wer dieser verwirrt dreinblickende Obdachlose ist, der da über die Bühne schlurft, prangt sein Name auf dem Rücken wie bei einem Fußballspieler: Aber die weiße Farbe, mit der „Gott“ auf seinem braunen Bademantel gepinselt wurde, ist schon fast verblichen. Immer wieder fällt dem lieben Gott (Raiko Küster) in David Böschs Inszenierung von „Draußen vor der Tür“ am Bochumer Schauspielhaus die Bibel vor die Füße, in den Matsch, der die kreisrunde Bühne bedeckt. Und da sowieso niemand mehr auf ihn hört in Wolfgang Borcherts Tragödie, wird er schließlich zu Grabe getragen: Soldat Beckmann (Florian Lange) stößt ihn in eine kleine Luke inmitten einer verlassenen Moorlandschaft, dann stürzt er sich selbst in die Elbe, der hier ein kleiner Tümpel am Rande der Bühne ist, erhellt von einer übergroßen Energiesparlampe.

	Aber zu allem Unglück wird er gerettet: Ein stattlicher Soldat mit dunklen Haaren fischt ihn aus dem Rinnsaal. Und während die beiden wie zwei Ringer in Camouflagehose und Springerstiefeln umhertollen, sich anbrüllen, nachäffen und prügeln, wird klar, wer dieser mysteriöse Retter eigentlich ist: Beckmann selbst, sein zweites Ich (Nicola Mastroberardino). In dieser kargen Inszenierung, die Borcherts Monologe ganz in den Mittelpunkt stellt, wird die Widersprüchlichkeit des heimatlosen Soldaten durch das Zusammenspiel beider Darsteller virtuos in Szene gesetzt. Während Florian Langes Beckmann klein und unbeholfen wirkt, eine hässliche Gasmaskenbrille trägt und nach der Liebe eines dahergelaufenen Mädchens (Kristina-Maria Peters) wie nach dem letzten Schilfrohr im Treibsand greift, ist der Andere ein Draufgänger, der Aggro-Beckmann aus vergangenen Kriegszeiten. Wenn der Eine diese Nachkriegswelt nicht mehr ertragen kann, weil ihn seine Ehefrau nicht wiedererkennt und ihn sein früherer General verhöhnt, zückt der Andere blitzschnell seine Pistole, wie in einer dieser plötzlichen Eskalationen in Mafiafilmen, drückt sie ihm in den Nacken, und flüstert ihm fast ein wenig zärtlich zu: „Doch, doch, man hält das alles aus!“ Es ist ein ungleiches Paar, sowohl Opfer als auch Täter, das in der einstigen Heimat einfach keinen Platz mehr findet. 

	Erst am Ende lockert sich die Stimmung: Ein bleicher Einbeiniger (Henrik Schubert) stapft daher, sein Mantel ist vom Elbwasser getränkt. Beckmann habe ihm sein Mädchen weggenommen und nun habe er sich in den Fluss gestürzt. Der Tod hatte da bereits zuvor seinen skurrilen Auftritt als wenig furchteinflößende, schwarze Tarantel mit einer blutigen Eishockeymaske vor dem Gesicht. Und anstatt, dass die beiden Kriegsheimkehrer nun ein erbittertes Duell führen, stehen sie ganz entspannt am Bühnenrand, im Hintergrund ertönt eine Indie-Rock-Ballade und helle Lichtstrahlen durchfluten die bisher in kühles Blau getauchte Bühne. Der Einbeinige gibt eine Runde Zigaretten aus und es scheint so, als entschwände in den aufsteigenden Rauchwölkchen für einen kurzen, harmonischen Moment die Schuld, die sich jeder an der Front aufgeladen hat und die auch nach dem Krieg noch alles zerstört, und verpuffe an der Bühnendecke. Dann aber verstummt die Musik, die kleine Luke im Boden öffnet sich, der liebe Gott streckt sein müdes Gesicht hinaus, und die drei Soldaten fallen, wie einem allerletzten Kommando folgend, sofort tot um. Mit leichtem Schulterzucken schlurft der Bademantel-Allmächtige über sie hinweg, während ihm seine Bibel einmal mehr in den Dreck fällt.  


	
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<pubDate>Tue, 08 May 2012 13:58:56 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Jon Fosse: Schwester ]]></title>
<description><![CDATA[ParallelweltenVon Andreas FalentinGeschwisterglück: Szene aus der UA "Schwester" am Theater Marabu in Bonn. &copy; Foto: Ursula KaufmannJon Fosse: SchwesterPremiere: 12.05.2012 (Uraufführung)Theater: Theater Marabu, BonnHomepage: http://www.theater-marabu.deRegie: Claus Overkamp	Kinder sehen anders als Erwachsene. Sehr anders. Sie verstehen andere Dinge und viele Dinge anders. Sie finden andere Dinge wichtig. Genau darum geht es in der Uraufführung „Schwester“, der Dramatisierung eines Bilderbuches des Erfolgsautors Jon Fosse. Thema sind die unterschiedlichen Erlebniswelten von Kindern und Erwachsenen. Rational, reflektiert, immer nach Ordnungskriterien suchend, gefühlskontrolliert aber oft angstgesteuert leben Erwachsene. Bei Kindern ist alles eins: Traum, Spiel, Leben. In den besten Momenten der Bonner Aufführung reißt dieser Graben auf – und wird  mit einem Lächeln überbrückt. 

	Ein vierjähriger Junge hat einen gewaltigen Drang, die Welt kennen zu lernen. Immer wieder entzieht er sich, quasi unbewusst, der Kontrolle seiner Mutter, die daraufhin seinen Spielraum immer weiter eingrenzt. Als seine Eltern ihn aus Hilflosigkeit im Haus einsperren, ereignet sich die Katastrophe: Bei dem Versuch eine Fensterscheibe einzuschlagen, verletzt der Junge sich. Am Abend danach versucht er geistig seine Erlebnisse zu verarbeiten, fühlt sich grenzenlos allein und schmiegt sich zum Trost an seine ein Jahr jüngere Schwester.
Claus Overkamp lässt seine beiden Schauspieler weitestgehend in der dritten Person sprechen, gelegentlich auch chorisch. Die Eltern treten nicht auf. Die Beziehung zwischen den Geschwistern vermittelt sich fast ausschließlich über Mimik und Körpersprache. Hannah Biedermann und Philipp Schlomm spielen intensiv und rückhaltlos. Mit fast tänzerischer Eleganz zeigen sie das geheime Verständnis zwischen den Kindern. 

	Eine „atmosphärische Komposition aus Sprache, Musik, Bild und Spiel“ nennt Overkamp seine Dramatisierung. Die leere Bühne wird von dreieckig aufgespannten Leinwänden nach hinten abgeschlossen, eine abstrakte Landschaft als Projektionsfläche – in doppelter Hinsicht. Denn neben zwei Mikrofonen, mit denen Geräusche produziert werden, ist eine digitale Videokamera Hauptrequisit der Aufführung. Mit ihr werden auf der Bühne sichtbar Bilder hergestellt, die phantasievoll Schauplätze und Seelenzustände andeuten. Der Einblick in die Verfertigung der Illusion zerstört diese übrigens nicht, sondern scheint sie für das junge Publikum eher zu verstärken. Dazu gibt es immer wieder ausgelassene, sehr sinnlich aufbereitete Spiele zwischen den Geschwistern, etwa Kissen- und Schaum- und Marmeladenschlachten, die den Protest des erwachsenen Ordnungssinns fast provokativ herausfordern.

	Gegen diese raumgreifende Körperlichkeit setzt Overkamp nachdenkliche Passagen, in denen Musik ein wenig aufdringlich zur emotionalen Verstärkung eingesetzt wird. Der „Depri-Faktor“ dieser Szenen erreicht vor allem die älteren Zuschauer. Ist es nicht schrecklich, wenn sich ein erst vierjähriger Junge „allein“ fühlt auf der Welt, wenn er seine Mutter nur als Instanz der Einengung seiner Freiheit wahrnimmt (und sie ihn vor allem als Aufgabe)? Ist das nicht traurig? „Nicht sehr.“, antwortet ein siebenjähriges Mädchen nach kurzem Überlegen und lächelt. So ist das wohl.
	
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<pubDate>Mon, 14 May 2012 10:53:48 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Mark Ravenhill: Shoot / Get Treasure / Repeat ]]></title>
<description><![CDATA[Unsere WidersprücheVon Stefan MichalzikMark Ravenhills "SHOOT / GET TREASURE / REPEAT" in Wiesbaden. &copy; Foto: Lena ObstMark Ravenhill: Shoot / Get Treasure / RepeatPremiere: 27.04.2012Theater: Hessisches Staatstheater WiesbadenHomepage: http://www.staatstheater-wiesbaden.deRegie: Hermann Schmidt-Rahmer	Mark Ravenhills &#8220;Shoot/Get Treasure/Repeat“, entstanden unter dem Eindruck der Anschläge auf die Londoner U-Bahn von 2005, ist ein Zyklus von beliebig kombinierbaren Kurzstücken. Hermann Schmidt-Rahmers Wiesbadener Inszenierung gelingt es, einen hineinzuziehen in eine Vergegenwärtigung unserer Widersprüche. Wir sehen auf der mit einer betongrauen Drehwandtür bestückten, bunkerhaft anmutenden Bühne teuer und schick gekleidete Menschen – Ausstattung: Michael Sieberock-Serafimowitsch -, die sich aufgeklärt, auf der richtigen Seite verortet fühlen. &#8220;Wir sind doch die Guten“ rufen sie immer wieder, und sie stellen sich unter dem Eindruck terroristischer Gewalt entsetzt die Frage, warum &#8220;die“ das machen. Es wird viel – und ohne den Ruch einer peinlichen Theatertrickserei – das Publikum einbezogen; Videobilder, etwa die ikonografischen von den brennenden Türmen des World Trade Centers, schließen die Bühnenfiguren in jener Weise durch den medialen Filter mit der Welt kurz, wie wir alle sie wahrnehmen.

	Ein Vater, besorgt um das Wohl seines Kindes, zitiert in der milde an deutsche Verhältnisse des Jahres 2012 angepassten Wiesbadener Spielfassung Henryk M. Broders im Weckrufgestus verfasste Streitschrift um die angebliche Unterschätzung der Bedrohung durch den Islam &#8220;Hurra, wir kapitulieren!“ &#8211; und er sieht sich nach einer Wohnung in einer Gated Community um, einer verschanzten und bewachten Zone, von der unliebsame &#8211; unter anderem migrantische &#8211; Finsterlinge mit womöglich kriminellen Absichten ferngehalten werden. Ein Rechtsradikaler, so viel hat er sich zu Beginn dieser kammerspielhaften Szene seiner Frau gegenüber klarstellen zu müssen bemüßigt gefühlt, sei er selbstverständlich nicht.

	Es erweist sich für die Dramaturgie des stringent aufgebauten, etwas mehr als zweieinhalbstündigen Abends als vorteilhaft, dass ein zeitlicher Bogen vom 11. September 2001 bis zur Zukunftsvision einer von der westlichen Warenwelt und Popkultur vereinnahmten aufgeklärten islamischen Mittelstandgesellschaft geschlagen wird.

	Natürlich ist das alles auch in Leitartikeln politisch liberaler Zeitungen nachzulesen. Tenor: Wenn die westlichen Demokratien zugunsten einer vermeintlichen Sicherheit bürgerliche Freiheiten in Frage stellen, setzen sie das aufs Spiel, was sie zu verteidigen vorgeben. Hermann Schmidt-Rahmer und das ungemein präsente Ensemble zeichnen die Dinge mit einem kräftigen, gar milde satirischen Strich. So unmissverständlich diese plastischen Bilder auch sind, bleiben sie allemal differenziert. Die landläufigen Haltungen der &#8220;Guten“ erscheinen naiv. Wir, die wir unseren Wohlstand genießen wollen, stecken alle unentrinnbar mit drin. Und bekommen das hier bar einer platten Belehrsamkeit unter die Nase gerieben.
	
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<pubDate>Wed, 02 May 2012 15:14:23 +0100</pubDate>
<link>http://die-deutsche-buehne.de//Kurzkritiken/Schauspiel/Mark+Ravenhill+Shoot+Get+Treasure+Repeat/Unsere+Widersprueche</link>
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<title><![CDATA[Guillermo Calderón: Beben ]]></title>
<description><![CDATA[Eine pessimistische KomödieVon Christiane EnkelerGuillermo Calderón: BebenPremiere: 21.04.2012 (Uraufführung)Theater: Düsseldorfer SchauspielhausHomepage: http://duesseldorfer-schauspielhaus.deRegie: Guillermo Calderón	Vier deutsche Katastrophenhelfer reisen nach Chile, nachdem im Februar 2010 ein Erdbeben der Stärke 8,8 die Erde erschüttert hat. Eine der Helferinnen, Karin, bringt Kinder vor Ort mit Kleists „Das Erdbeben von Chili“ zum Weinen. Das Drama rollt dieses Ereignis auf. Am Ende von Karins rechtfertigender Nacherzählung, inklusive widersprüchlicher Interpretationsansätze, brechen alle mit persönlichen Erschütterungen heraus. Ein Rundumschlag. 

	Wie kann Gott Böses schaffen, wenn er doch gut ist. Die Frage nach Schuld steht im Raum, ganz wie in Kleists Erzählung, in der zwei zum Tode verurteilte Menschen, durch das Erdbeben befreit und in die zerbrochene Sozialstruktur integriert, doch noch vom Mob gelyncht werden, weil ein Priester sie im Gottesdienst für das Unglück verantwortlich macht. Schriftstellerisch gibt die erste Stückhälfte – Einführung und Nacherzählung – nicht allzu viel her. Spielerisch aber eine ganze Menge: Regisseur Guillermo Calderón färbt mit vier tollen Schauspielern die Charaktere deutlich und mit leichtem Humor. Auf der nacht-dunklen Bühne im Taschenlampen- und schmalen Scheinwerferlicht arbeiten sie fantastisch schon mit ihren Stimmen: Janina Sachau als „Anna“, eine leicht arrogante Alpha-Frau. Xenia Noetzelmanns viel studierte „Karin“ liebt dröge-dramatische Momente, was dem Kleist-Plot zu Gute kommt, während Elena Schmidts „Maria“ naiv mitläuft. Ingo Tomi spielt „Willi“ mit sympathischem Understatement. Alle beweisen Sinn für taktvoll-witziges Timing und Kippmomente.

	Dann legt der Text zu: Mit Stichworten wie Trauma, Engel, unbedingter Liebe berührt das Stück immer wieder den Kleist-Kosmos, was der Autor-Regisseur auf der Bühne aber nicht herausstellt. Hier herrscht abgeschieden-romantische Stimmung von matter Sinnsuche unter den Sternen einer Disko-Kugel. Geklaute bunte Lichter und Musik unterbrechen das Gespräch, wenn der Strom anspringt, mit entfernter Party-Stimmung. Vor diesem Hintergrund wirken die großen inneren Ausbrüche der Figuren am Ende und die tief schürfende Sinnsuche eher unmotiviert. 

	Schließlich will Anna „die verbotene Szene“ sehen, die Karin den Kindern gezeigt hat – und Willi schlägt einer Babypuppe den mit Farbe gefüllten Schädel ein. Nach über 90 Minuten Gerede sind die Figuren sichtbar ungeduldig. Welche Funktion haben solche Grausamkeiten im Leben, in Kleists Geschichte, in Karins Erzählung, auf der Bühne? Wann wirken sie auf wen so „lächerlich“, wie Anna Karins Erzählung anfangs nennt? Oder pointiert-entlarvend im Spiel mit Erwartung und Verantwortung? („nicht unsere Erfindung. Die ist von Heinrich von Kleist.“). Diese Szene verpufft auf der Bühne; sie fragt vielleicht zu viel auf einmal. Calderóns Inszenierung insgesamt zeigt anderes: dass dramaturgische „Zufälle“ sehr gesetzte sind, während einer Katastrophe Dramaturgie und Sinn fehlt. Dem Theater tut das gut&#8230;
	
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<pubDate>Mon, 23 Apr 2012 11:06:23 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Nis-Momme Stockmann: Der Freund krank  ]]></title>
<description><![CDATA[Welthaltige KomödieVon Stefan MichalzikStockmanns neues Werk: "Der Freund krank" in Frankfurt. &copy; Foto: Birgit HupfeldNis-Momme Stockmann: Der Freund krankPremiere: 27.04.2012 (Uraufführung)Theater: Frankfurter SchauspielHomepage: http://www.schauspielfrankfurt.deRegie: Martin Schulze	Ein Mann kehrt nach Jahren der Abwesenheit, in denen er in der großen Stadt als Immobilienhändler Karriere gemacht hat, in das an der B1 gelegene Provinznest seiner Kindheit zurück. Er sieht sich konfrontiert mit Fragen von Verantwortung und Schuld, er begegnet seiner Jugendliebe, die damals einen andern genommen hat. Der Ort, ohnedies schon durch Enge und Begrenztheit gekennzeichnet, leidet ob der Verlagerung des &#8220;Werks“ am Niedergang.

	Nis-Momme Stockmanns Stück &#8220;Der Freund krank“, sein drittes als Hausautor am Frankfurter Schauspiel, liest sich wie ein innerer Monolog mit dialogischen Passagen. Es ist nicht offenbar, was Wirklichkeit und was Traum ist, noch nicht einmal ob der Ich-Sprecher seinen Heimatort tatsächlich wieder betreten hat.

	Martin Schulzes Ensembleinszenierung wirkt so spielerisch wie stringent. Das Ich teilt sich in eine Trias von gut frisierten jungen Männern mit Anzug und Krawatte, zwischen denen der meist geschwind gesprochene Text hin- und herspringt. Christian Bo Salle gibt den Schöngeist, Nico Holonics den jungenhaften Milden, Marek Harloff den Hitzkopf. Die Nora von Henrike Johanna Jörissen ist eine launige Diva des Arbeitermilieus. Ungeachtet des Schwangerschaftsbauchs, den sie sich am Anfang vorschnallt, raucht und trinkt sie. Derweil ihr der Umnachtung anheimgefallener Freund Mirko einer kindsgleichen Pflege bedarf, macht das Ich es sich behaglich in dieser Welt und träumt sich in eine Gemeinsamkeit mit Nora. Konsumfreude inklusive, verkörpert durch eine Unzahl von Kartons aus dem Elektronikmarkt. Schließlich wird offenbar, dass der Immobilienhändler skrupellos den Grund und Boden des Orts verhökert hat. Die Gardinen, mit denen der Bühnenbildner Daniel Roskamp den Raum durchzogen hat, lassen verschleierte Durchblicke und Schattenspiele zu.

	Das Stück ist enorm textreich, in der Druckfassung umfasst es 160 Seiten, für die Aufführung wurde es auf gut eineinhalb Stunden zusammengestrichen. Die Zahl der in der Nachempfindung eines Gedankenstroms angerissenen Handlungsstränge ist kaum überschaubar.
Nis-Momme Stockmann, seit seinem Auftritt auf dem Heidelberger Stückemarkt und der Einladung zum Berliner Theatertreffen 2009 eine Hoffnung, ist ein weiterer Wurf gelungen. Dieses charakteristisch stockmannsche Unikat erzählt unspektakulär vom landläufigen Leben und von der Verstrickung des Einzelnen: Ist das Individuum Opfer oder Täter? Es ist eine Komödie vom tiefsten Ernst, vom Abbildrealismus hebt es sich in seiner poetischen Welthaltigkeit wohltuend ab.
	
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<pubDate>Wed, 02 May 2012 11:01:54 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Gühlstorff / Schroeder: Koranschule ]]></title>
<description><![CDATA[Durchs muslimische MannheimVon Volker OesterreichImam Bektas Cezik und Theaterpublikum in einer Mannheimer Moschee. &copy; Foto: Christian KleinerNina Gühlstorff / Dorothea Schroeder: KoranschulePremiere: 05.05.2012 (Uraufführung)Theater: Nationaltheater MannheimHomepage: www.nationaltheater-mannheim.deRegie: Nina Gühlstorff / Dorothea Schroeder	Mir wird der Name „Uwais“ verpasst, meiner Frau klebt der Sticker „Hala“ während der dreistündigen Exkursion des Nationaltheaters durch das muslimische Mannheim am Revers. Andere heißen auf einmal Mustafa oder Jamila. Und los geht’s, um in Nina Gühlstorffs und Dorothea Schroeders Recherche-Projekt „Koranschule“ zu Fuß, per Taxi und per Straßenbahn einzutauchen in den Multikulti-Stadteil Jungbusch. In 16 „Lektionen“ des ambulanten Stationendramas sollen wir „dem Fremden mit maximaler Nähe“ begegnen. Rund neun Prozent der Mannheimerinnen und Mannheimer bekennen sich zum Islam. In deren Welt einzutauchen, ist das Ziel des Projekts. Klischees und Vorurteile gilt es zu erkennen und zu überwinden, aber so recht will das nicht gelingen. In einer Hinterhof-Moschee angekommen, erklärt uns ein freundlicher Imam, wie dem Propheten Mohammed vom Erzengel Gabriel der Koran offenbart wurde. Die Aura des Orts überhöht den Gehalt seiner Worte.

	Von Lektion zu Lektion bzw. von Station zu Station tauchen wir tiefer ein in die Gedanken um Kopftuch-Klischees, die Integrations- oder Rassismus-Debatte oder über extrem konträre Ansichten über die Geschlechterrolle. In der Moschee-Kantine, einem türkischen Friseursalon oder einer Privatwohnung erzählen uns verkleidete Ensemblemitglieder des Nationaltheaters die Biographien türkischstämmiger Mannheimer. Wir erfahren, wie ein erfolgreicher Kleinunternehmer selbst in die Ecke des Rassisten gedrängt wurde oder wie ein türkisches Partygirl aus freier Überzeugung zur orthodoxen Kopftuchträgerin wurde. Fertige Antworten, so wird uns versichert, wolle man uns nicht auftischen. Trotzdem kratzt vieles nur an der Oberfläche. Gespräche mit anderen Besuchern etwa über das Sarrazin-Buch haben mehr Tiefgang als das zufällig anmutende Biographie-Konfetti. Und der Bart des Schauspieler-Propheten, der ist sowieso nur angeklebt. Zurückgekehrt zum Nationaltheater, ruft uns ein Muezzin zum Gebet auf. Die Hälfte der Teilnehmer sinkt auf verteilten Gebetsteppichen in die Knie. Es sei alles bloß Fiktion, heißt es dazu – „es sei denn, Sie glauben dran“. Keine Fiktion ist indes der Imam, den wir schon aus Lektion 7 kennen. Die Grenzen zwischen religiöser Kontemplation und Showtime geraten ins Fließen.

	Allah ist groß, gewiss. Die Größe des „Koranschule“-Projekts darf indes bezweifelt werden. Eher ein Programm für Anfänger. Fortgeschrittenen, die tiefer in die Toleranzfrage einsteigen  wollen, empfiehlt sich weiterhin Lessings „Nathan“.


	
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<pubDate>Mon, 07 May 2012 16:08:41 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Marc Becker: Avanti Infantilitanti ]]></title>
<description><![CDATA[Parade der InfantilitantenVon Jens FischerMarc Beckers Infantilitätenrevue im Rahmen des Festivals "Pazz" am Oldenburgischen Staatstheater uraufgeführt. &copy; Foto: Andreas J. EtterMarc Becker: Avanti InfantilitantiPremiere: 21.04.2012 (Uraufführung)Theater: Oldenburgisches StaatstheaterHomepage: http://www.staatstheater.deRegie: Marc Becker	Da schleicht man sich endlich mal kurz hinfort aus der Kinderterrorzelle, dem turbulent harmonischen Heim, geht schön ins Theater, sucht im erwachsenen Miteinander emotionale, intellektuelle und ästhetische Anregungen – und dann das. Kindergeburtstag steht auf dem Spielplan. Wenn Marc Becker so ein Stück schreibt und selbst zur Uraufführung bringt, gibt es keine Kompromisse. Tapsig verlegen, aggressiv verschlagen, heulsusig bockig und keck schmollend krawallen sie herein, die Partygäste überreichen Sektkorken als Präsent, die mittels kindlicher Fantasie zu Star-Wars-Raumschiffen fürs galaktische Kriegspielen werden. Dotttdottt, diuuuu, pifffpaaaffff, boing, pufff, zisch uuaaaa, oing-boing. Das Libretto bleibt konsequent auf vorsprachlichem Niveau, gewürzt mit Lautmalereien der Comics. Zwischendurch werden auch Kinderlieder bis zur Unkenntlichkeit drangsaliert. 

	„Avanti Infantilitanti“, das ist pures Kinderrabatztheater. Ärgern, streiten, wehtun, krakeelen, ausgrenzen, herumalbern bis zum Umfallen. Rollenspielsituationen verselbständigen sich stets bis zur Eskalation und werden sofort in neue Tohuwabohu-Anlässe überführt. Ohne Andeutung einer dramatischen Entwicklung reiht Becker all das aneinander, addiert Kuchenschlacht, Sackhüfen, Topfschlagen, Grimassen-Soli und das Kammerkonzert für ein  Pupskissen-Quartett. Und wenn das Altherren-Rumpelrock-Duo im Bühnenhintergrund mal funky Riffs anschlägt, sprudelt – dideldumm, sexybumm – ein Spucke-Springbrunnen aus dem Mädchenmund: Los geht’s mit Doktorspielen. Killlekille, schon ist Pipi in der Hose, dann die Nase blutig.

	Darsteller und Regie zelebrieren prachtvoll diesen Kindergeburtstagsrealismus. Nur ganz dezent in Äußerlichkeiten wird die Bedeutungsebene des Abends angerissen. Die Kinderdarsteller tragen Erwachsenen-Kleidung, lesen Financial Times, plappern mal englische Worte und veralbern als Playbacksprecher eine von Kindern vorgelesene Debatte mit Karl Marxens Ausführungen zum falschen Bewusstsein. Ganz beiläufige Hinweise auf eine Kindheit, die ja längst nicht mehr den Kindern gehört, sondern zum Fetisch der Erwachsenen geworden ist, die vor dem Fluch des Alterns ihren Kult des Jungseins bis zum Kindischen treiben. 

	Dieses Phänomen, anderswo gern kritisch bis selbstironisch dargestellt, wird von Marc Becker spektakulös abgefeiert, um es gerade dadurch umso wirkungsmächtiger auszustellen. Denn das äußerst spaßige Infantilitätstheater funktioniert prima als 3-D-Projektionsfläche. Bedeutung erschließt sich eben nicht aus dem, was wie gemacht wird, sondern aus den Peter-Pan-Assoziationen, die von der Bühnensituation als solcher nahe gelegt werden. Wer kennt sie nicht, diese (häufig freiwillig kinderlosen) Flüchtlinge vor dem Erwachsenwerden, deren Über-Ichs einst Infantilität zu überwinden halfen, jetzt selbst infantil geworden sind und nun ebenfalls überwunden werden müssten. Statt dessen „Avanti Infantilitanti“: Leben als ewiger Kindergeburtstag endlos pubertierender Ich-will-Spaß-Greise, als Regression in abgesicherte Verhaltensmuster – erinnert an Tante Milla, für die in Heinrich Bölls Erzählung „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ an jedem Tag der Jahres der seligkeitstrunke, Realität verdrängende  Heiligabend inszeniert wird.


	
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<pubDate>Mon, 23 Apr 2012 15:24:18 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Eva Rottmann: Die mich jagen ]]></title>
<description><![CDATA[Ein bisschen vielVon Bettina Schulte"Die mich jagen" von Eva Rottmann. &copy; Foto: Theater Baden-BadenEva Rottmann: Die mich jagenPremiere: 06.05.2011 (Uraufführung)Theater: Theater Baden-BadenHomepage: http://www.theater.baden-baden.deRegie: Laura Huonker	Ein junges Mädchen, das sein Leiden an der Gleichgültigkeit der Welt hinter einer rotzigen Fassade versteckt; ein junger Mann, der schüchtern-verklemmt an die romantische Liebe glaubt; ein verwahrloster Rentner, der wie eine Spinne im Netz an seinem Wohnungsfenster hängt: Wäre doch gelacht, wenn sich daraus kein dramatisches Kapital schlagen ließe. Eva Rottmann, Jahrgang 1983, hat mit ihren Stücken schon mehrere Publikumspreise gewonnen: Für „Skills“ 2009 beim Stück Labor Basel, für „Unter jedem Dach“ 2010 beim Heidelberger Stückemarkt. Das Kammerspiel „Die mich jagen“, das jetzt in Baden-Baden uraufgeführt wurde, war eine Auftragsarbeit: ein Jugendstück, das nicht im charmanten neobarocken Theater, sondern im TIK, der in einem Nebengebäude untergebrachten Bühne für Junges Theater, gezeigt wird. 

	Lucia Becker hat auf die schmale Bühne einen dreiteiligen Container gebaut mit der verkommenen Wohnung (Achtung: Bierkasten!) des Alten Adam (Fritz Peter Schmidle), dem Hausflur mit Spinden für das Mädchen Charlotte (Anne Leßmeister) und der wohl situierten Wohnung des Jungen Jannik (Daniel Fischer). Denn in Rottmanns Drama geht es nicht nur um eine Ehe, die am aus der Not geborenen Geiz erstickt, was das Ende für eine Bratpfanne nach sich zieht, und um eine aufkeimende erste Liebe, sondern auch um den Kampf von Arm gegen Reich. Ein bisschen viel für eine gute Theaterstunde, die überdies mit einem (teichoskopischen) Polizeieinsatz und zwei Toten endet. Die Regisseurin Laura Huonker hat sich brav an die Vorlage gehalten, die vor allem am Anfang durch einen flotten Ton nahe am Jugendjargon hervorsticht, deren Plot sich aber zu hanebüchenen Konstruktionen versteigt. Warum sich Adam in der Wohnung und dann im Schrank von Jannik verbarrikadiert und wie die nicht existente Mutter von Norman Bates in Hitchcocks „Psycho“ in ein Etuikleid nebst Perlenkette zwängt, lässt sich weder logisch noch psychologisch nachvollziehen. Auch der Showdown, bei dem der alte Mann – so berichtet es Charlotte in der Rückschau – plötzlich „ganz ruhig da steht und brennt“, entbehrt jeder Wahrscheinlichkeit. Da wollte eine Jungdramatikerin tragisch poetisch sein und hat sich rettungslos im Ungefähren verloren. Die Regie kann da auch nichts mehr retten.
	
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<pubDate>Tue, 07 Jun 2011 15:51:08 +0100</pubDate>
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