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<title>Die Deutsche Bühne Kurzkritiken</title>
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<description>Kurzkritiken des Bühnenmagazins Die Deutsche Bühne aus den Sparten Schauspiel, Musiktheater und Tanz</description>
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<title><![CDATA[Dennis Kelly: Unser Lehrer ist ein Troll ]]></title>
<description><![CDATA[Trollige BluttatenVon Michael Laages"Unser Lehrer ist ein Troll" am Jungen Schauspiel Hannover. &copy; Foto: Arzu SandalDennis Kelly: Unser Lehrer ist ein TrollPremiere: 17.02.2012 (Deutschsprachige Erstaufführung)Theater: Staatsschauspiel HannoverRegie: Ricarda Beilharz	Also: Wer die lieben Heranwachsenden nochmal ins Norwegerpullöverchen gezwängt hat und nun auf ein liebliches Märchen mit Troll hofft am Jungen Schauspiel in Hannover, der sollte den Kids kurz vor Beginn vielleicht noch einen Beta-Blocker einwerfen – es geht wirklich rüde, ruppig und rabiat zu in der Schul-Farce „Unser Lehrer ist ein Troll“, freigegeben ab 12 Jahren, vom derzeit quasi überall gespielten englischen Erfolgsdramatiker Dennis Kelly. Im Kino heißt so etwas wahrscheinlich „Fantasy-Splatter“ &#8211; in der ersten Minute schon wird eine Frau (die bisherige Schuldirektorin) wahnsinnig, in der zweiten wird einem Achtjährigen erst der Kopf abgerissen und dann das Kind komplett verspeist – vom neuen Schuldirektor. Denn der ist ein Troll – in den weniger gemütlichen Sagen aus dem hohen Norden ist das ja Troll-Alltag: Kinder fressen. Nun also ist das Alltag in der Schule der schrecklichen Zwillinge Holly und Sean, die zu Beginn die Frau Direktor mit Teil 2 der bewährten Sesamstraßen-Strategie (Wer-wie-was-wieso-weshalb-warum) in den Irrsinn trieben; bis sie halt im Sandkasten saß, Sand fraß und muhte wie eine Kuh.

	Auffällig (und mit Sicherheit absichtsvoll) grund- und motivlos tritt „ein Troll“ die Nachfolge an. Wieso-weshalb-warum? Wollte die Schulverwaltung einen harten Hund für diese Schule, und es gab gerade keinen? Jedenfalls stellt der stellvertretende Chef der Vollversammlung einen richtigen Troll vor – der zunächst ein paar einfache disziplinarische Regeln austeilt (Schüler: niemals ungezogen sein; Lehrer: niemals ungezogen sein!) und dann, wie gesagt, den frechsten Schreier mit seiner fünf Meter langen,  blauen und mit Saugnäpfen bewehrten Zunge einen Kopf kürzer macht. Und dann, wie gesagt, der Rest … nur die Tennisschlappen sind selbst für Trolle unverdaulich.

	Noch ein paar Mal in 75 Minuten schlägt das Wesen dieser Art zu, auch unter Lehrern – denn das Ungezogensein hört nicht auf. Herr Troll führt abstruse Hierarchie-Regeln ein (etwa über Schlamm im Schuh) und schickt die Kinder in die Tiefen unter den früheren Spielplatz der Schule, um Gold zu schürfen. Auch das, weiß der Norwegen-Kundige, gehört zum Sagen-Profil von Trollen. Die Zwillinge hingegen finden mit vielfältigen Hilferufen (bei den Eltern, beim Schulrat, bei der Polizei, sogar beim „Prime Minister“ in 10 Downing Street) nirgends offene Ohren; überall nur Ahnungslosigkeit (über Trolle) und süßliches Salbadern (über Toleranz, auch Trollen gegenüber) … niemand wird ihnen helfen, die Folter zu beenden.

	Was erzählt Kelly eigentlich? Einen Alptraum jugendlicher Hilflosigkeit angesichts unerklärlicher Macht und Gewalt? Aber der Ruhm des Fabelwesens wächst ja mit jeder trolligen Bluttat – geht’s um Kompromisslerei? Die Story hat keinen wirklichen Ausgang – und Kellys   Rettungstrick ist denn auch haarsträubend schlicht: Sean lernt an einem Nachmittag mal schnell „Trollisch“ (das ist einfacher als zu befürchten!), und jetzt setzt die ganze Schule dem Direktor in dessen Sprache zu &#8211; die nämlich überwiegend aus dem Wort „Ak“ besteht. Dann kommt wieder Ernie und Berts „Wer nicht fragt, bleibt dumm“-Methode zum Einsatz – Warum frisst ein Troll Kinder? Ähhm … Warum müssen wir in Goldminen schuften? Tja … 

	Finale: Man argumentiert auf Augenhöhe. Nur vier Opfer waren leider zu beklagen bis dahin. Das ist kein Happy End; und auch die Mine arbeitet irgendwie weiter &#8211; Holly und Sean kriegen immerhin ein Denkmal ganz aus Grubengold. Die Inszenierung von Ricarda Beilharz sieht im Bühnenbild der Regisseurin demonstrativ unaufgeräumt aus, wie ein Kinderzimmer eben, durchsetzt mit Absurditäten (viel zu große und viel zu kleine Stühle); der im Erzähl-Ton geschrieben Text ist verteilt auf drei extrem flexible Ensemblemitglieder, die einen Marathon an Klamottenwechseln und Troll-Effekten bewältigen: Nadine Geyersbach, Christine Diensberg und Matthieu Svetchine. Dieses Trio werden die Kids sicher mögen – und die Erziehungsverpflichteten werden danach eine Menge zu erklären haben. Vor allem alles, was sie selbst nicht verstanden haben. ...]]> </description>
<pubDate>Tue, 21 Feb 2012 11:41:07 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Katharina Schmitt: Jugendbildnis  ]]></title>
<description><![CDATA[Du sollst Dir ein Bildnis machenVon Ruth BenderKatharina Schmitt: JugendbildnisPremiere: 18.02.2012 (Uraufführung)Theater: Thalia Theater, HamburgHomepage: http://www.thalia-theater.deRegie: Benedikt Haubrich	Eigentlich sieht man an diesem Theaterabend dem Entstehen einer Kunst-Installation zu: Im Innern des Zirkels, den die Zuschauer in der Garage im Thalia Gaußstraße bilden, hängt ein Ensemble aus Leuchtstoffröhren mit Haken. Nach und nach finden daran allerlei Gegenstände Platz, Erinnerungsstücke, die an eine namenlose Sie gemahnen sollen – und an denen sich vor allem die eigene Assoziation, die Geschichten des Betrachters entzünden: ein vergilbter Handschuh, ein geknülltes Taschentuch, ein Vierfarbstift, dessen Minen – bis auf die grüne – allesamt leer sind, ein Plastikregenmantel, ein Lippenstift&#8230; 

	Es sind sehr banale Dinge, die Katharina Schmitt in der Szenenfolge &#8220;Jugendbildnis&#8221;, entstanden als Auftragsstück für das Thalia Theater, als Zeugen eines auf unerklärte Weise verschwundenes Lebens anführt. Dinge ohne Merkmale oder individuelle Spuren. In jedem Krimi haben Lippenstiftreste und blutige Taschentücher mehr zu erzählen. Und auch das, was die drei Schauspieler (Marie Löcker, Nadja Schönfeldt, André Szymanski) dazu berichten, schwankt zwischen Unschärfe und Belanglosigkeit: Ein Kind auf Rollschuhen, mit Schultüte, roter Wollmütze. Eine Frau, die keine Geheimnisse hatte, aber jede Woche eine neue Haarfarbe.

	Aber genau darum geht es in der knappen Szenenfolge, die Schmitt aus den Ergebnissen eines Jugend-Schreibworkshops destilliert und die Regisseur Benedikt Haubrich geschickt zwischen Performance und Installation ansiedelt: um die Unzuverlässigkeit der Erinnerung, die Austauschbarkeit der Bilder, die Klischees, die in jedem Lebenslauf wohnen. Die Sprecher verlaufen sich in detailversessener Beschreibung – und nie ist so ganz klar, ob sie Individualität etablieren oder vortäuschen wollen, Erinnerungen anstoßen oder einfach Spuren verwischen. In dringlichem Tonfall („Sehen Sie“, „Erinnern Sie sich“) fordern sie die Zuschauer auf, sich ein Bildnis zu machen. Von der Verschwundenen, deren Schicksal sich an diesem Abend so wenig klärt wie ihre Identität? Oder von sich selbst?

	Rekonstruktion ist hier nicht der Punkt, und das ergibt ein reizvoll rätselhaftes Spiel. Wie Marie Löcker und Nadja Schönfeldt im animierenden Ton manipulativer Museumsführer das Banale mit Bedeutung aufblasen, die kleine Erinnerung zum großen Event wird. Wie Szymanski mit ein paar kleinen, eitel verhuschten Gesten von der Vorleserin erzählt, die ihm, dem kurzsichtigen Evolutionsbiologen aus seinen Fachbüchern vorliest – und das Interesse von der Erzählten sehr bald auf den Erzähler hinübergleitet.

	Fürs Theater ist die Sprache eigentlich zu blass, das Thema zu wenig geformt, fehlt die Person, die hier so bewusst verwaschen bleibt. Interesse wecken da höchstens Sätze wie „Sie hat an ihrem Verfall gearbeitet“ – und vielleicht belegt auch das nur unseren Zuschauer-Voyeurismus. Als Installation aber funktioniert das Stück in seiner offenen Form trefflich. Und Regisseur Haubrich gelingt ein reizvolles Vexierbild um trügerische Erinnerung und Selbstbespiegelung. Das ließe sich womöglich sogar ausbauen. Das Licht jedenfalls geht aus, als die Schauspieler fordernd ans Publikum herantreten, auf dem Weg, dem Spiel in der Realität eine neue Dimension zu erobern: „Und jetzt geben Sie uns etwas von sich&#8230;“ ...]]> </description>
<pubDate>Tue, 21 Feb 2012 13:10:33 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Fabrizio Gatti: Bilal - Leben und Sterben als Illegaler ]]></title>
<description><![CDATA[Im Konjunktiv des TraumesVon Jens FischerAmélie Miloy und Sven Brormann in "Bilal - Leben und Sterben als Illegaler" nach der Reportage von Fabrizio Gatti.  &copy; Foto: Landesbühne Niedersachsen NordFabrizio Gatti: Bilal – Leben und Sterben als IllegalerPremiere: 21.01.2012Theater: Landesbühne Niedersachsen Nord, WilhelmshavenHomepage: http://www.landesbuehne-nord.deRegie: Eva Lange	Die Empörung ist so einhellig wie die Ratlosigkeit. Was können wir schon gegen Armut, Hunger, all die bewaffneten Konflikte in Afrika tun – also verhindern, dass Menschen der Perspektivlosigkeit entfliehen und im angeblichen Paradies Europa so viel Geld verdienen wollen, damit den Familien daheim das Überleben möglich ist? Solche Flüchtlinge setzen ihr Leben aufs Spiel, wenn es auf schrottreifen Lkws durch die Wüsten geht, um dann auf kaum seetauglichen Booten den Sicherheitsgürtel der Festung Europa zu durchdringen. Die Endstation Sehnsucht bedeutet meist: aller Ersparnisse beraubt wieder zurückgeschickt oder als Billigarbeitskraft ausgebeutet zu werden. Migranten ohne Ausweispapiere, ohne Rechte, zur Unsichtbarkeit verdammt. 

	Einem solchen Höllentrip aus dem Senegal ans Mittelmeer schloss sich der italienische Journalist Fabrizio Gatti an, war Augenzeuge, wurde Chronist – und schrieb einen investigativen Reportageroman: sinnlich-plastisch in der Beschreibung, hintergründig fundiert in der Recherche. Ist solch literarischer Journalismus in andere Kunstformen übersetzbar? Brad Pitt spielt den Gatti und produziert ein aufwühlend die Realität nachstellendes Road-Movie? Oder Emigranten werden live auf die Dokutheaterbühne importiert? In Wilhelmshaven versucht es die Landesbühne mit einem emotionalisierten Politdrama, Flüchtlinge aus der Anonymität zu reißen, nur Kollateralschaden der Weltwirtschaft zu sein. Dramatisierer Peter Höner konzentriert sich in „Bilal – Leben und Sterben als Illegaler“ auf die Szenerie in der Oase Dirkou, letzte Station vor der Durchquerung der Ténéré-Wüste. Regisseurin Eva Lange entkleidet das Geschehen aller realistischen Ingredienzien. 

	Auf der leeren Bühne agiert das Ensemble ungeschminkt in deutschen Freizeitklamotten, gibt sich mit Schlafsack auf einen Abenteuertrip und wechselt zu unmerklichen Lichtwechseln unmerklich die Rollen – eben noch Migrant, schon Menschenhändler, dann korrupter Beamter. Allesamt irgendwie ähnliche Opfer der Tragödien Afrikas? Gewaltaktionen werden theatralisch abstrahiert, Leiden und Hoffen der Figuren fulminant ausgespielt wie im bürgerlichen Psychodrama. Auch so wird deutlich nicht die Realität der Flüchtlingskarawane illusioniert, sondern das, was unsere westliche Vorstellungskraft sich darunter vorstellen könnte. Eine Inszenierung im Konjunktiv des Traumes. Die Regie schiebt weitere surreale Sequenzen dazwischen, etwa Fantasien der Afrikaner vom reichen Westen. Irgendwie wirkt alles auch wie der Alptraum des Autors Gatti von seiner Undercover-Recherche. So richtig das inhaltlich scheint, so wichtig die Thematisierung auf der Bühne ist, so engagiert auch gespielt wird: Das empathiewillige Publikum erlebt keine Biografien zum Hineinfühlen/-denken, sondern narrativ nur locker verbundene Spotlights der Flüchtlingsproblematik und ins Beispielhafte verkürzte Figuren, die Szenen auch immer wieder moralisierend zuspitzen müssen: Warum wir das zulassen, das sei mit den Menschenrechten doch nicht vereinbar … Aber was wäre zu tun? Dass diese Frage dann unbeantwortet bleibt, mit wutdrängender Wucht ins Parkett weitergereicht wird, ist der Trumpf der Inszenierung. ...]]> </description>
<pubDate>Mon, 23 Jan 2012 13:00:13 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Ferdinand Raimund: Der Alpenkönig und der Menschenfeind ]]></title>
<description><![CDATA[Komisches MärchenspielVon Dieter StollDer Menschenfeind (Heimo Essl) aus Ferdinand Raimunds Märchenspiel randaliert am Staatstheater Nürnberg. &copy; Foto: Marion BührleFerdinand Raimund: Der Alpenkönig und der MenschenfeindPremiere: 11.02.2012Theater: Staatstheater NürnbergHomepage: http://www.staatstheater-nuernberg.deRegie: Georg Schmiedleitner	Vor der Premiere bot Regisseur Georg Schmiedleitner eine übermütige Wette an: In absehbarer Zeit werde dieses in Deutschland kaum noch aufgeführte Wiener Zauberspiel von Ferdinand Raimund ins Repertoire zurückkehren, und zwar geradezu zwangsläufig bei Martin Kusej in München. Es sei ein Stück voller unentdeckter Abgründe. Interessante Theorie zur überraschenden Produktion. Denn der österreichische Regisseur, der in Nürnberg seit 2001 bereits 17 Inszenierungen lieferte und so etwas wie die amtierende &#8220;Aufreger&#8221;-Marke des Staatstheaters ist, hat eher mit Schillers &#8220;Die Räuber&#8221; und der &#8220;Orestie&#8221; sein Profil geschärft. Andererseits liegt sein &#8220;Alpenkönig und Menschenfeind&#8221; im persönlichen Terminkalender stilistisch günstig zwischen den Wiener Josefstadt-Premieren von &#8220;Lumpazivagabundus&#8221; und &#8220;Kasimir und Karoline&#8221;. 

	So dramatisch hat Raimunds Posse von &#8220;Alpenkönig und Menschenfeind“ wohl noch nie begonnen: Eine Mauer stürzt ein, eine Seilbahn stürzt ab. Aber die zwei komischen Figuren, die da als überirdische Königsboten des Freiluft-Herrschers Astragalus aus den Trümmern klettern, sagen nur „Hoppla“ und die weißen Quader ergeben im Häufchen das wilde Gebirgs-Panorama für ein Albtraum-Reich auf Abruf. So gelassen sehen die Menschen ihre Katastrophen naturgemäß nicht. In Georg Schmiedleitners auf Comeback gepolter Inszenierung wird die Hypo Alpe Adria samt der ganzen wankenden Finanzwelt herbeizitiert und in schönster Satire-Logik abgehandelt: „Fast hätten wir die Bank saniert gehabt, wenn wir nicht gescheitert wären“. Womit die Nürnberger Neuinszenierung, knapp fünfzig Jahre nach der letzten dort am Schauspielhaus, stabil zwischen den Fronten positioniert wäre. Nostalgischer Schmäh und ätzender Witz werden als bunte Kette über die Zeitlosigkeit geworfen. Die menschlichen Abgründe, die der Regisseur ausloten wollte, sind freilich nur Fallgruben – gut gepolstert mit aufblasbaren Pointen. 

	Der sagenumwobene Alpenkönig, von Christian Taubenheim mit eisigem Blick und güldener Pappkrone ausgestattet, will nur ein wenig mit seinem Ruf als Schreckgespenst spielen. In Wirklichkeit hilft er zerrütteten Familien beim Sturz solcher Haustyrannen wie dem reichen Herrn Rappelkopf. Das ist ein wutschnaubender Sonderling mit Generalverdacht gegen jedermann, voller Angst um Geld und Leben. Heimo Essl spielt ihn mit der lauernden Unverschämtheit des Mächtigen, lenkt den Salon-Borderliner wie eine Dampfwalze über alle Gefühlsregungen hinweg. Frau, Tochter, Schwiegersohn und Dienerschaft sind einfach platt. Da müssen höhere Mächte ran. Also lässt der Alpenkönig den Menschenfeind ins eigene Spiegelbild schauen. Er tauscht mit ihm die Rollen und gibt nicht eher Ruhe, bis es dem Rappelkopf vor sich selbst graust. Danach kann der pensionierte Grantler  auf emotionale Rendite warten.

	Raimunds „romantisch-komisches Original-Zauberspiel“ hat nicht den aufsässigen Parodie-Humor von Johann Nestroy, denn dem Autor stand bei aller operettenseligen Kalauer-Freude der Sinn nach höherer Naivität. Georg Schmiedleitner sucht in diesem Geflecht von Poesie und Schwadroniererei etwas zu schnell den scharfen Ton, der den Schmerzpunkt der Erheiterung wach kitzelt. Das ist im Gemenge von Dialog-Geschossen und Frontal-Reimen (Waidmannslust auf Jägersbrust) gar nicht so einfach, gelingt aber mit anhaltender Lust am komödiantischen Detail bei allen Darstellern erfreulich oft. Wenn etwa der Kleinkrieg der Dienerschaft (Julia Bartolome als giftspritzend krähendes Stubenmädchen und Pius Maria Cüppers in der minderwertigkeitskomplexen Pose des „zwei Jahre in Paris gewesenen“ Butlers sind eine Wonne) wortgewaltig ausbricht, könnte das auch ein Casting fürs „Unterschichten-Fernsehen“ sein. Was freilich auch das Maß der Glaubwürdigkeit dieses Bühnen-Personals widerspiegelt.

	Den tätschelnden Trost von Couplets gibt es nicht in dieser Inszenierung, die ihre Grundsatz-Radikalität nicht einseifen lassen möchte, dafür Soundtrack nach Maß: Bettina Ostermeier und Paul E. Braun ziehen als lebende Tonspur mit Quetsche und E-Gitarre zielsicher durchs Spektakel und lassen die Tuba tuten als ob Siegfrieds Drache gleich um die Gebirgs-Ecke biegen würde. Das ganze Ensemble (mit Nicola Lembach, Anna Keil, Philipp Weigand, Daniel Scholz, Tanja Kübler und Thomas L. Dietz) findet im offenen, für schwindelerregende Luftsprünge aufgeschlossenen Bühnenbild von Florian Parbs entspannt zum wienerisch aromatisierten Tonfall, der geradezu eine Hommage ans Original ist. Am Ende bekommt der Rappelkopf sogar das verloren geglaubte Geld von der Bank zurück. Man hat es schon während der Aufführung allen Schmiedleitner-Aktionen trotzend geahnt und weiß es nun ganz sicher: Es ist halt doch ein Märchen. 

	Der Beifall war groß, man amüsierte sich über alle Attacken hinweg köstlich. Bis zu Martin Kusejs Zugriff  könnte es also noch etwas dauern. ...]]> </description>
<pubDate>Tue, 14 Feb 2012 11:42:18 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Witold Gombrowicz: Yvonne, Prinzessin von Burgund ]]></title>
<description><![CDATA[Fremd im BallonreichVon Michael ChlebuschAnnett Sawallisch (Yvonne), erschlagen von weißen Ballons. &copy; Foto: Dieter WuschanskiWitold Gombrowicz: Yvonne, Prinzessin von BurgundPremiere: 03.02.2012Theater: Theater ChemnitzHomepage: http://www.theater-chemnitz.deRegie: Mateja Koleznik	Am Anfang ist da nur Yvonne (irritierend entrückt: Annett Sawallisch), mit einem kleinen Koffer und einem geblümten Kleid, ganz zeitlos altmodisch. Erhellt wird sie von einem Spot und Musik vom Kroaten Coco Mosquito, die nach Tom Waits klingt und damit ebenso zeitlos altmodisch wirkt. Und wie Yvonne da so steht und schaut, bricht das Absurde über sie herein: Riesige weiße Ballons stürzen herab und bedecken den Bühnenboden, auf dem in Chemnitz mit „Yvonne, Prinzessin von Burgund&#8221; in den nächsten 90 Minuten eine surreale Groteske zu sehen sein wird.

	Diese Ballons sind ein System, das sich auf Yvonne niederschlägt. Hier heißt es Hof und Adel, könnte in der gezeigten Abstraktion aber auch Kapitalismus und Globalisierung sein; mit ihren einfachen, ästhetischen Bildern lassen die slowenische Regisseurin Mateja Koleznik und Bühnenbildner Henrik Ahr viele Deutungen des Settings zu. Unumstößlich wird jedoch klar: Yvonne gehört hier nicht her. Eine Fremde unter Aliens, Hofdamen und -herren die mit steriler Kleidung und Gebaren in die Szenerie treten. 

	Darunter, „Valentin raus!&#8221;, einer in höfischem Weiß – Guido Schikore als schreiend komischer Running-Gag, der sich immer wieder ins Bild schleicht und trotz kriecherischer Anpassung nicht dabei sein darf. Nur der Prinz (Sebastian Tessenow), rebellisch und unbedacht, bricht aus diesem Rahmen und holt Yvonne in die Familie, indem er sie aus einer Laune heraus zu seiner Verlobten erklärt. Stumm und stumpf steht sie fortan da, während sich die Bewohner des Ballonreichs um ihre angenommen Befindlichkeiten drehen; zunächst mit Verwunderung, später mit Wut und Verzweiflung: „Warum ist die so?“ hört man den König (facettenreich: Bernd-Michael Baier) fragen, der mit einer aus seinem Volk konfrontiert wird und merkt, dass er sie nicht versteht. In einem unbeobachteten Moment erwacht Yvonne und tanzt, nur um kurz darauf wieder in Lethargie zu verfallen. Bis zum Schluss bleiben sie und ihre Motive verschlossen. Derweil dreht der Hof durch. Yvonne weckt dort nicht nur das beruhigende Gefühl, besser zu sein, sondern durch ihr Schweigen bald auch Ängste und Triebe. Was weiß die? Was will die? Warum ist die so? Bald schon gibt es einige, die Yvonnes Tod wollen, einschließlich des Prinzen, dessen Laune inzwischen einer aus seinem Stand zuflog und der nicht will, dass Yvonne einen Teil von ihm mit nach draußen nimmt.

	Das Stück, das auf der Bühne nicht mehr als Ballons und Protagonisten in wechselnden Lichtstimmungen präsentiert, gewinnt sein Tempo nicht zuletzt aus der ausgefeilten Choreografie des Kroaten Matija Ferlin. Der schickt die Spieler von hier nach da und unsichtbar kriechend zwischen den Ballons umher. Das entlockt der eher eintönigen Szenerie Witz und Spielfreude, verdrängt aber nicht an allen Stellen den Wunsch nach mehr optischer Vielfalt. Ausgeglichen wird dies durch Witold Gombrowicz‘ 1937 geschriebene Vorlage, die den Zuschauer von komödiantischen Höhen in tragische Abgründe schickt und sich einer Genreeinordnung entzieht. Diese Unfassbarkeit des Stückes und die dem deutschen Zuschauer teils ungewohnten Nuancen, die das slowenisch-kroatische Team der Inszenierung mitgeben, machen die Chemnitzer „Yvonne“ insgesamt zu einem lohnenden Erlebnis, das gedanklich nachklingt. ...]]> </description>
<pubDate>Wed, 08 Feb 2012 16:20:20 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Nuran David Calis: Zoff in Chioggia ]]></title>
<description><![CDATA[Occupy ChioggiaVon Hans-Christoph ZimmermannEnsembleszene aus "Zoff in Chioggia" in Bochum. &copy; Foto: Arno DeclairNuran David Calis: Zoff in ChioggiaPremiere: 28.01.2012 (Uraufführung)Theater: Schauspielhaus BochumHomepage: http://www.schauspielhausbochum.deRegie: Nuran David CalisVorlage: Carlo Goldoni	Theken, Tische und Stühle stapeln sich zu gefährlichen Möbelhalden, die Decke hängt bedrohlich herab. Das Chaos zweier Familien hat eine Schneise der Verwüstung im Café Chioggia hinterlassen. Nun herrscht bis auf ein paar Urwaldgeräusche wunderbare Ruhe. Da erinnern sich plötzlich der Cafébesitzer Isidoro, das Paar Pasqua und Toni und die vollbusige Madonna, die sowieso schon Liebesverhältnisse überkreuz unterhalten, plötzlich an früher, an uneingelöste 68er-Utopien – und beginnt gemeinsam zu kuscheln. 

	Das Chaos als Madeleine zu einer Utopie mit hohem Kuschelfaktor. Nuran David Calis’ „Zoff in Chioggia“ will hoch hinaus an diesem Abend. Während Carlo Goldonis Stück „Viel Lärm in Chiozza“ die Liebeshändel zweier Fischerfamilien zwischen Volksstück und Sozialstudie meint, geht es im Bochumer Schauspielhaus ums große Ganze: Calis hat die Konstellationen und die Funktionen der Figuren verändert; der Name Chioggia bezeichnet hier zwar nur ein Café, steht aber für den „Schoß der Gesellschaft“. Der Komödienstoff wird zur Großmetapher für Arbeits-, Lieblosigkeit, Utopie- und Sinnverlust und was der Defizite mehr sind hochgejazzt. 

	Aus Goldonis Fischern ist eine prekäre Kleinstadtgesellschaft geworden, in der jeder einen Job sucht und alle irgendwie im Café Chioggia arbeiten, in dem sich aber keine Gäste einfinden. Besitzer Isidoro (Jürgen Hartmann) versucht, seinen Laden, der in Irina Schicketanz’ Ausstattung mit grauen Normtischen, metallkühlen Theken und Wintergarten von Fabrikschlotidylle allzu cool aussieht, mit Werbeauftritten in Internet vollzukriegen. Das Problem: Seine Mitarbeiter. Da ist die allein erziehende Küchenchefin Madonna im Leopardendress (Veronika Nickl), die sich ihrer drallen Sinnlichkeit allzu bewusst ist. Ihr Sohn Fortunato (entrückt: Marco Massafra) glaubt sich von Aliens verfolgt, während ihre in Leder gewandete Tochter Checca (blass: Barbara Hirt) Gesellschaftskritik von der Stange übt („Immer höher, immer schnell geht nicht mehr“). Madonnas Widersacherin ist die Thekenchefin Pasqua, von Barbara Engelhart als Motorradbraut gespielt, hinter deren rotziger Breitmäuligkeit die Verzweiflung nistet und die auf dem Klo einen Selbstmordversuch unternimmt. Ihr allzu lethargischer Sohn Beppo (Matthias Eberle) liebt Checca und ihre fluchtwillige Tochter Lucietta (Constanze Wächter) wiederum den bodenständigen Titta Nane (überzeugend: Krunoslav Šebrek). Jede der Figuren darf in Monologen ein Bulletin zur Gefühls- und sonstigen Lage absondern, wobei vor allem Pasquas bärtiger Philosophenehemann Toni (gutmütig: Werner Strenger) durch langatmige Lexikonsätze über Aufklärung und Brückenbau auffällt. 

	Die Charaktere wirken ausgestanzt, Konfektionsware in der Warteschleife der Unzufriedenheit. Aufgemischt wird der Mikrokosmos dann durch die Ankunft des turko-italienischen Barmanns Toffolo (Ismali Deniz), der scheinbar die Liebesverhältnisse durcheinander bringt – doch auch er entpuppt sich letztlich als ein Gestrandeter. Calis reichert das szenische Geschehen zwar mit Einlagen der Hiphop-Tänzer der Gruppe Pottporus/Renegade an, lässt Lieder intonieren und Videoseinspielungen projizieren. Doch bei aller Ironie, der Zugriff auf den Stoff ist von einer erstaunlichen Naivität, die sich bis zum Aufruf einer Occupy Chioggia-Bewegung steigert, in der sich 68er-Utopien und aktueller Protest friedlich vereinen. Am Ende haben die alten Liebes-Konstellationen Bestand, man baut gemeinsam das derangierte Café wieder auf und entdeckt in den Zuschauern den erwünschten Besucherstrom. Wenn alles nur so einfach wäre! ...]]> </description>
<pubDate>Mon, 30 Jan 2012 12:00:58 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Friedrich Hebbel: Die Nibelungen ]]></title>
<description><![CDATA[Vollgastheater Von Jens FischerFriedrich Hebbel: Die NibelungenPremiere: 21.01.2011Theater: Theater BremenHomepage: http://www.bremertheater.comRegie: Herbert Fritsch	Betrug, Verrat, Mord, Rache, Gier, aber auch ein wenig Liebe treiben die Horror-Mär einer untergangssüchtigen Gesellschaft voran, die sich Treue bis in den sinnlosen Tod schwört. Ein dramatisches Menetekel, das vom letalen Kreislauf aus Gewalt und Vergeltung erzählt, vor dem Hang der Menschheit zu selbstmörderisch verbohrten Ideen warnt, das Christentum als Erlösung anbietet – und Opfer der deutschen Sehnsucht nach einem Nationalmythos, schließlich Nazi-ideologisch kontaminiert wurde. Gegeben wird Hebbels monumentale Dramen-Trilogie „Die Nibelungen“. Auftritt Siegfried: Herein tanzt federnden Schrittes ein Superheld im güldenen Muskelkostüm. Vor Kraft und Eitelkeit fast berstend, zelebriert er Superstar-Gesten und Bodybuilder-Posen für den verzückt jauchzenden Hofstaat der Burgunder, inklusive tuntig lechzendem Bat(d)man Hagen. Recken sind Gecken, Helden nur Trottel und Frauen natürlich Knallcharginnen: Kriemhild, die rapunzelige Blondine, und Brunhild, ein Nina-Hagen-Double als Machtzicke. Mehr davon? Ist jetzt noch irgendetwas anderes zu erwarten als eine weitere Klassikerverjuxung? Also schnell das Positive: Derart leidenschaftlich folgte das Bremer Schauspielensemble selten einem Regisseur, war schon sehr lange nicht mehr so quietschvergnügt präsent, so überbordend spielwütig.

	Man kann „Die Nibelungen“ im historischen Gewand zeigen, sie in unserem Jahrhundert aufmarschieren lassen oder in einem abstrakten politischen Denkraum ansiedeln. Die Ergebnisse sind auf deutschen Bühnen recht ähnlich, meist handelt es sich um bedrückende Distanzierungsversuche vom Teutonischen. Wie auch bei Frank Castorfs Volksbühnen-Inszenierung 1995 mit Herbert Fritsch als Hagen. Dieser versucht’s nun also frei von fast allen Hintergedanken, verfrachtet in entzückender Unbekümmertheit das gesamte Personal mit ästhetisch atemberaubender Konsequenz in eine eigene Wirklichkeit: ein Fantasy-Comic-Spiel. Keine großen Erklärungen, keine falschen, ach, überhaupt keine Gefühle. Rasend fix geht’s von einer schrillschraubigen Szene zur nächsten. Maßloses Vollgastheater. Und ein irrwitziger Maskenball: grellbunt typisierende Kostümpracht, tolldreiste Perückenkreationen. Dazu setzt der darstellerische Wahnwitz auf farcenhafte Grimassenschnitzerei, Gestenklamauk, Körperslapstick. Hinreißend, diese puppenlustige Dauerexaltiertheit! Nur lässt sich nicht sagen, gegen/für wen oder was da geblödelt, gerast, gebrüllt, getobt, warum die Wort-Partitur so hochgeschwind erledigt wird.

	Abtritt Siegfried. Der finale Blutrausch wird noch fix im Kochtopf illustriert, in dem die Nibelungen brutzeln, schon erscheinen die Darsteller – reanimiert im Latex-Design, befeuert von Techno-Beats – zu einem ausgelassenen Ritual-Getanze auf der Bühne, hören eine halbe Stunde lang nicht damit auf, treiben so das Publikum aus dem Theater. So viel Aussage muss dann doch noch sein, mag Fritsch gedacht haben: Liebe Zuschauer, macht doch einfach Party, habt Spaß ohne dieses finstere Nibelungen-Deutschtum. ...]]> </description>
<pubDate>Mon, 18 Apr 2011 19:37:51 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Tobias Rausch: Oder Bruch ]]></title>
<description><![CDATA[Die Deichgrafen vom OderbruchVon Barbara BehrendtMarco Matthes, Friedrich Rößiger, Juschka Spitzer, Barbara Heynen und Bernd Stempel in "Oder Bruch" am DT Berlin. &copy; Foto: Arno DeclairTobias Rausch: Oder BruchPremiere: 07.02.2012 (Uraufführung)Theater: Deutsches Theater, BerlinHomepage: http://www.deutschestheater.deRegie: Tobias Rausch	Tobias Rausch ist ein Experte für Recherche-Stücke: In „Alles Offen“ befragte er Zeitzeugen der Wende, für „einsatz spuren“ sprach er mit Soldaten, die in Afghanistan im Einsatz waren. Sein jüngstes Projekt „Oder Bruch“ hat nun das schlimmste Oderhochwasser seit Menschengedenken zum Thema. 30.000 Soldaten setzte die Bundeswehr 1997 für ihren größten Katastropheneinsatz ein, 114 Menschen starben damals, die Bevölkerung spendete gigantische 50 Millionen Euro für die Flutopfer. 

	Hundert Interviews haben Rausch und sein Team nun 15 Jahre später geführt, mit Evakuierten, Helfern, Ministerpräsidenten, Spendenkommissaren und Soldaten. Dokumentation der Zeitgeschichte also zum traurigen Jubiläum? Zum Glück mehr als das. 

	Quer über die Bühne verläuft ein Deich, überzogen mit einer beige-grünen Blümchentapete, wie man sie aus unsanierten DDR-Häusern kennt. Darüber türmt sich eine Monsterwelle – oder rollt sich nur ein Stück Tapete ab? Mit einfachen ästhetischen Mitteln arbeitet Rausch und mischt auf der Bühne sinnvoll die Metaphern: Droht der Deichbruch, stemmen die Schauspieler des Deutschen Theaters und der koproduzierenden Neuen Bühne Senftenberg in weißer Helferuniform Löcher aus dem Holzkonstrukt – kommen die Häuser ins Spiel, kann durch einen Handgriff ein Fenster mit Gardine eingelassen werden, schon entsteht ein Wohnzimmer. 

	In 14 Sequenzen illustrieren die Schauspieler unterschiedlichste Blickwinkel. Da ist der Teenager, der im überschwemmten Haus nur um sein Visum für die USA bangt. Da ist der Rentner, glücklich, endlich eine Aufgabe als Deichläufer zu finden. Später wird es bewegender, wenn Barbara Heynen als alte Frau sich bei der Evakuierung durch das Militär an 1945 erinnert fühlt, als sie über die Oder fliehen musste. 1997 wurden die Menschen im Oderbruch, einem Gebiet, das unterhalb des Flussspiegels liegt, teils mit Gewalt aus ihren Häusern geholt – „das war keine Evakuierung, das war eine Vertreibung.“ Rausch lässt den Abend nicht in Pathos abgleiten: Auf eine nachdenkliche Szene folgt meist eine Art Schildbürgerstreich. So zumindest könnte man es nennen, wenn Marco Matthes, komödiantisch bestens aufgelegt, mit Berliner Schnauze das Organisationschaos beim THW zu erforschen versucht. Und Bernd Stempel erzählt als Hausverlierer mit erfrischendem Galgenhumor, wie er im Wohnzimmer den Goldfisch aus Nachbars Teich vorbeischwimmen sah. 

	Manchmal droht die Aufführung sich im Anekdotischen zu verlieren. Letztlich jedoch behält Rausch die großen Themen im Auge, die das Stück über eine Geschichtsstunde hinausheben: Es geht um Heimatverlust, Solidarität, Profitgier und Existenzangst. Um den Kampf gegen die Natur, um menschliche Ohnmacht. „Das Wasser hat ein älteres Gedächtnis als wir“, sagt Barbara Schnitzler, „als ob es sich erinnern würde, sucht es immer wieder sein altes Bett.“ Und das steht, allen Begradigungsversuchen vergangener Jahrhunderte zum Trotz, dort, wo die Menschen des Oderbruchs wohnen und leben. Das Wasser wird wieder kommen.  

	(Die Produktion ist eine Kooperation des Deutschen Theaters Berlin mit der Neuen Bühne Senftenberg) ...]]> </description>
<pubDate>Thu, 09 Feb 2012 10:29:01 +0100</pubDate>
<link>http://die-deutsche-buehne.de//Kurzkritiken/Schauspiel/Tobias%20Rausch%3A%20Oder%20Bruch/</link>
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<title><![CDATA[Rafael Spregelburd: Die Dummheit ]]></title>
<description><![CDATA[Gar nicht so dummVon Detlev BaurSophie Basse, Holger Kraft und Lutz Wessel in der Wuppertaler Inszenierung von Rafael Spregelburds "Die Dummheit". &copy; Foto: Uwe StratmannRafael Spregelburd: Die DummheitPremiere: 25.03.2011Theater: Wuppertaler BühnenHomepage: http://www.wuppertaler-buehnen.deRegie: Christian von Treskow	Für die ganz große Dummheit bedarf es ziemlich ausgeprägter Intelligenz. So etwa lässt sich Rafael Spregelburds Stück „Die Dummheit“ resümieren. In vier Motels um Las Vegas herum spielen sich in diesem filmisch wirkenden Konstrukt diverse Geschichten ab, die weniger oder mehr miteinander verschränkt sind: Es geht um einen irren Professor, der die Weltformel gefunden haben dürfte, sie aber unbedingt noch geheim halten will; es geht aber auch um zwei windige Kunsthändler, die um jeden Preis viel Geld mit einem höchst dubiosen „Werk“ verdienen wollen – und um deren reiche Opfer. Andererseits tauchen auch vier geistig einfach strukturierte Glücksspieler aus der tiefsten Provinz auf, und drei Polizisten samt ihren zwei Damenbekanntschaften und einem überraschenden Geldfund. Das aus dem argentinischen Spanisch übersetzte Stück wirkt mit seinem Personal und in seiner Bauweise ziemlich amerikanisch – und überladen mit Bedeutungsschwere um die Klischeefiguren herum.

	Die Inszenierung des Wuppertaler Schauspielintendanten Christian von Treskow und seines spielfreudigen Ensembles entwickelt aus diesem kruden Werk auf der Breitwand-Bühne des Kleinen Schauspielhauses dann allerdings einen überraschend unterhaltsamen und leichtgewichtigen Szenenreigen. Auf Kristina Böchers Bühne findet sich in der Mitte ein helles Schlafzimmer mit wechselndem, projiziertem Bild über dem Bett und sehr einfachen Sitzgelegenheiten an beiden Seiten (Terrassen). Die fünf Akteure – Sophie Basse, Maresa Lühle, Lutz Wessel, Hendrik Vogt und Holger Kraft – entwickeln in jeweils vier bis fünf Rollen eine immense Spielfreude. Von Anfang an wird klar, dass synchron schwadronierende Kunsthändler, softe Cops, eine unerträglich lallende Kino-Platzanweiserin oder ein japanischer Kunstliebhaber mit herrlichem Film-Akzent Figuren einer von Comic, Hollywood und Slapstick-Komödie geprägten Kunstwelt sind. Gerade dadurch sorgt das szenische Durcheinander aber nicht nur für drei unterhaltsame Komik-Stunden, sondern macht die irren Figuren und ihre Geschichten auf ihre Weise verständlich. Und erklärt damit ein wenig auch unsere immer wieder erschreckende Welt, in der die Menschen immer wieder dümmer zu sein scheinen, als man einzusehen vermag. ...]]> </description>
<pubDate>Wed, 27 Apr 2011 15:51:52 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Jürgen Berger: Tomorrow, maybe ]]></title>
<description><![CDATA[Sehnsucht nach Gerechtigkeit
Von Andreas FalentinDie Tänzer Phon Sopheap und Noun Sovitou in der Aachener Uraufführung "Tomorrow, maybe Über – Leben in Diktaturen. &copy; Foto: Wil van IrselJürgen Berger: Tomorrow, maybe. Über - Leben in DiktaturenPremiere: 23.09.2011 (Uraufführung)Theater: Theater AachenHomepage: http://www.theater-aachen.deRegie: Ludger Engels	Drei Kontinente, drei Länder, eine Situation, ein Thema. Der Journalist und Autor Jürgen Berger und der Regisseur Ludger Engels stellen einen auf dokumentarischem Material basierenden Theaterabend über den Aufbruch aus Diktaturen zur Diskussion. Dabei geht es ihnen nicht in erster Linie um politische Stellungnahme; vielmehr werden die szenischen Vorgänge zugespitzt auf eine einzige Frage, die nach der Legitimation von Gewalt als Mittel zur Etablierung einer „gerechten Gesellschaft“.

	Argentinien, 1977. Die Militärjunta regiert. Täglich verschwinden Menschen. Jürgen Berger versucht, die Atmosphäre aus Angst und Wut in einem, um ein geplantes Attentat kreisenden Einakter für fünf Personen wieder zu geben. Ludger Engels lässt holzschnittartig vom Blatt spielen auf einer Bühne ohne Eigenschaften, die Christin Vahl mit einem beigen Faltenvorhang umgeben hat. Dennoch werden Klischees nicht immer vermieden. So wird der von Torsten Borm als richtungslose Machtmasse hingestellte Botschafter unnötig mit Herrenmenschenrassismus aufgepeppt. Die unglücklich ausgehende Liebesgeschichte hingegen berührt. Alle Figuren haben stille, intensive Momente, in denen die Orientierungslosigkeit von Menschen, die ihre Gefühle einer Ideologie unterordnen, schmerzhaft deutlich wird.

	Das Publikum verlässt das Theater, muss durch einen Sicherheitscheck, wird in einen langen, engen Bus gepfercht und hört einen thematisch stimmigen aber substanzarmen, kabarettistisch-polemischen Monolog über Joschka Fischer. Die Reise endet in einer Ansammlung dunkler, flacher Gebäude, der Gallwitz-Kaserne. Über fünf Wände in der „Halle 16“ laufen Projektionen von Landschaften, nicht eben blühend, aber exotisch schön und fruchtbar. Berger und Engels sind 2010 nach Kambodscha gereist und haben die erst jetzt einsetzende Aufarbeitung der Greueltaten der Roten Khmer aus den Jahren 1975 bis 1978 mit der Kamera begleitet. Gesichter erscheinen auf einzelnen Wänden. Opfer der Schreckensherrschaft erzählen ihre Leidensgeschichte. In der Halle zeigen zwei junge Tänzer eine fantastische, im klassischen „Khmer-Tanz“ wurzelnde Tanzperformance. Das Ganze ist ein Wandelgarten, eine begehbare Installation. Der Zuschauer kann tun, was er will, auch zum Erfrischungsstand gehen. Es wird kaum etwas verkauft.

	Den Schluss bildet ein 30-minütiger, von Jürgen Berger aus den Memoiren Nelson Mandelas kompilierter Monolog. Thema und Hauptfrage des Abends sind hier, im Umfeld des Apartheidregimes, noch stärker präsent als in den anderen Teilen, neu hinzukommen Witz und Esprit, die allerdings in der gewählten, stilisierten Darstellungsform unterbelichtet bleiben. Ludger Engels hat den Monologtext, analog zur behaupteten inneren Gespaltenheit Mandelas, auf die Schauspieler des Abends verteilt. Dazu bewegen sie eine Handpuppe und eine, aus einzelnen Körperteilen bestehende, riesige Puppenskulptur.

	Diesem letzten Teil eignet, wie dem ganzen Abend, etwas skrupulös Tastendes, eine Tendenz zur bloßen Andeutung, die gleichzeitig Hauptstärke und -schwäche von „Tomorrow, may be“ ist. Das Theater tritt bewusst hinter seine Inhalte zurück, maßt sich nicht an, Lösungen zu präsentieren, stellt keine Forderungen, bezahlt diese Selbstbeschränkung aber mit einem, mit der Nichtausschöpfung der Mittel einhergehenden, Verlust an Vitalität. So gelingt voll überzeugend nur der mittlere, der Kambodscha-Teil, wo dokumentarisches Material berührend direkt und Hoffnung evozierend auf künstlerische Lebendigkeit trifft – eine Wertung, die die Relevanz und Seriosität des Unternehmens keinesfalls in Frage stellt. ...]]> </description>
<pubDate>Mon, 26 Sep 2011 10:36:34 +0100</pubDate>
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