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<title>Die Deutsche Bühne Kurzkritiken</title>
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<description>Kurzkritiken des Bühnenmagazins Die Deutsche Bühne aus den Sparten Schauspiel, Musiktheater und Tanz</description>
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<title><![CDATA[Jsohua Sobol: Der Kaufmann von Stuttgart ]]></title>
<description><![CDATA[Verstaubte GefühleVon Elisabeth MaierTilmar Kuhn und Reinhart von Stolzmann im "Kaufmann von Stuttgart". &copy; Foto: Sabine HaymannJoshua Sobol: Der Kaufmann von StuttgartPremiere: 02.05.2013 (Uraufführung)Theater: Schauspielbühnen StuttgartHomepage: http://www.schauspielhaus-komoedie.de/Regie: Manfred Langner	Hinter verschlossenen Türen des herzoglichen Gemachs wird ein Mädchen vergewaltigt. Der jüdische Finanzmakler und Machtmensch Joseph Süß Oppenheimer hat Magda an den sexbesessenen Karl Alexander abgetreten. Tränenüberströmt und voller Blut tritt die junge Schauspielerin Sarah Härtling aus dem Raum. Drastische Bilder wie dieses setzt Regisseur Manfred Langner in seiner Uraufführung von Joshua Sobols „Der Kaufmann von Stuttgart“ an den Schauspielbühnen Stuttgart sparsam, aber wirkungsvoll. Eiskalt verschachert Oppenheimer, den Tilmar Kuhn vom Klischee des verschrobenen Juden befreit, die Kindfrau an den Herrscher. Markus Gehrlein als aalglatter Vater und höfischer Intrigant sieht teilnahmslos zu, weil ihm ein Posten winkt.

	Das neue Stück des Theaterprovokateurs Sobol, der seit seinem Welterfolg „Ghetto“ 1984 an der Berliner Volksbühne in der Regie Peter Zadeks in vielen Stücken jüdische Geschichte aufgearbeitet und damit auch Proteste in Israel auslöste, besticht durch Tiefe. Antisemitismus, der sich bis heute in die Köpfe der Menschen frisst, bringt Schauspielbühnen-Intendant Langner zwar zur Sprache. Sein historisierender Ansatz übertüncht aber den nackten Judenhass, der sich in der Wahrnehmung des Juden Süß offenbart. 1940 hat Veit Harlan die Figur im nationalsozialistischen Propagandafilm als Sündenbock und Zerrbild auf Zelluloid gebannt. Das Bild geistert bis heute durch manche Köpfe.

	Mit solchen Klischees bricht das Stück des 73-Jährigen. In Langners Inszenierung gehen sie unter: Tilmar Kuhn porträtiert die umstrittene Figur, die 1738 in Stuttgart erhängt wurde, als smarten Geschäftsmann. Intelligent führt er die Geschäfte des katholischen Herzogs Karl Alexander, den Michael Hiller als überforderten Taschenspieler und Lüstling zeigt. Der hochgewachsene Beau Oppenheimer verzaubert nicht nur seine schöne Gefährtin Luzie, bei Kim Zarah Langner eine Taktikerin, sondern auch die Frauen am Hof, die sich für ihn opfern. Wie stark sich Süß assimiliert hat, zeigen Dialoge mit seinem Onkel Landau. Reinhart von Stolzmann vermittelt die orthodoxe Philosophie des Juden souverän. Er warnt seinen Neffen davor, sich von der Macht vereinnahmen zu lassen. Als der gestürzte Financier am Ende in Festungshaft sitzt, lässt ihn der jiddische Patriarch fallen.

	Mit hohen Mauern, einem Kronleuchter und musealem Mobiliar fesselt Beate Zoffs Bühnenbild die Handlung zu sehr an die Historie. Der Blick auf aktuelle Bezüge und latenten Rassismus, den Sobols Stück in mancher Hinsicht eröffnet, wird so verstellt. Das gilt auch für Uschi Haugs aufwendige Kostüme und gepuderte Perücken. Da verstaubt manches brennende Gefühl. Mit jiddischer Musik setzen die musikalische Leiterin Heike Rügert und das Trio Meschugge sinnliche Akzente. Carmen Voigts Choreographie lässt die Schauspieler streckenweise in emotionale Grenzbereiche vordringen, die ansonsten in der geschichtsverliebten Regiearbeit Langners zu kurz kommen.       
    
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<pubDate>Fri, 03 May 2013 15:09:29 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Alexander Moltschanow: Mörder ]]></title>
<description><![CDATA[SpaßspielVon Björn HayerAlexander Moltschanow: MörderPremiere: 18.04.2013 (Deutschsprachige Erstaufführung)Theater: Staatstheater MainzHomepage: http://www.staatstheater-mainz.comRegie: Philipp Löhle	Eigentlich hatten sie alle Visionen, träumten vom eigenen Landhaus, Reichtum und Familienglück im Grünen. Die Realität in Alexander Molschanows Stück „Mörder“ sieht hingegen anders aus. Andrej, Oksana und Seka kommen alle aus dem studentischen Milieu und leiden doch an der Perspektivlosigkeit ihrer Generation in einem Russland, das der Jugend kaum etwas zu bieten. Um an Geld zu kommen und die Tristesse zu besiegen, spielt Andrej, bis ihn seine Schulden gegenüber Seka einholen.

	In der deutschsprachigen Erstaufführung am Mainzer Staatstheater inszeniert Philipp Löhle die Komödie im trashigen Ost-Block-Atmosphäre. An der Hinterwand ein billiges Wandposter mit Südseepalmen und Sonnenuntergang, ein Tisch, ein Paar Stühle, eine minimalistische Requisite. Zu russischem Pop und Discolicht kommen die gescheiterten Helden auf die Bühne: Andrej (Felix Mühlen) und Seka (Zlatko Maltar) in Jogginghose und Prolo-Unterhemd, während dessen Oksana (Lisa Mies) im kurzen Rock sich schlampig auf dem Tisch räkelt. Danach geht es ums Eingemachte: Andrej soll endlich die „Knete“ herausrücken, die er seinem Spielfreund noch schuldet. Alternativ steht noch ein Mord an einem noch größeren Schuldner Sekas zur Option. Das kommt für den coolen Habenichts jedoch nicht infrage. Da bleibt nur noch Mutti, zu der es kurzerhand aufzubrechen gilt.

	Was dann passiert, ist schnell erzählt. Zunächst widerwillig soll Oksana ihn auf die Reise durch Russland begleiten, beide keifen sich an und werden zuletzt doch ein Liebespaar, das durch einen klugen Coup am Ende zu reichem Gewinn kommt. Zugegeben: Molschanows Textgrundlage ist schwach, zumal schon nach der ersten Szene klar wird, dass die kaugummikauende Tussi und der Harte-Schale-Weicher-Kern-Typ Andrej über Umwege zusammenfinden werden. Dennoch hauchen die engagierten Darsteller ihren holzschnittartigen Figuren Leben ein. Insbesondere Lisa Mies spielt die Rolle einer mehr oder weniger versoffenen Tanz- und Partynudel umwerfend. Auch die Sprache zwischen Kanak Sprak und Jugendsprache, zwischen „Vollhorst“  und „Vollpfosten“, ist den beiden Kerlen geradezu ins Blut übergegangen. Ein Höhepunkt verspricht auch die Szene bei Andrejs Mutter, der die beiden eine junge Liebe vorzuschwindeln versuchen, um möglichst die Schuldensumme aus ihr herauszuleiern. Dieses Szene sind kaum an Komik zu überbieten. Bei Ankunft der beiden öffnet sich eine Tür, Rauch tritt hindurch auf die Bühne. Zu sehen ist Seka als übergewichtige, Ostblock-Hausfrau verkleidet, Herd und Kochtopf hat sie gleich umgehängt – wahrlich keine Traumschwiegermutter. Die Skepsis gegenüber Oksana ist vorprogrammiert. Aber mehr ist von solch einer klischierten Dramaturgie nicht zu erwarten. Immerhin bietet Mainz Slapstick auf, und das vom Feinsten. Gutes Unterhaltungstheater eben, mehr aber auch nicht.  
    
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<pubDate>Mon, 22 Apr 2013 10:45:31 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Marcus Orths: Die Entfernung der Amygdala ]]></title>
<description><![CDATA[Auf den Brettern der LebensphilosophieVon Björn Hayer"Die Entfernung der Amygdala" am Theater Baden-Baden &copy; Foto: Jochen KlenkMarkus Orths: Die Entfernung der AmygdalaPremiere: 26.04.2013 (Uraufführung)Theater: Theater Baden-BadenHomepage: http://theater.baden-baden.deRegie: Katja Fillmann	Nina Krohn (Catharina Kottmeier) steckt in einer existenziellen Zwickmühle: Um ihren lebensbedrohlichen Hirntumor entfernen zu können, müssen die Ärzte zuerst die davor liegenden Amygdala, ein für Emotionen zuständiges Gehirnareal, entfernen. Geht sie diesen Weg, wird sie leben, aber ohne Bewusstsein. Nutzt sie die ihr noch verbleibende Zeit ohne Operation, wird sie sterben, aber als Mensch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Die Uraufführung „Die Entfernung der Amygdala“, ein ungemein reflektierter Bühnenerstling des Autors Markus Orths in Baden-Baden, versteht sich als ein philosophisch-bioethisches Laboratorium, das stets nach den heutigen Möglichkeiten menschlicher Autonomie fragt.

	Nina ist zerrissen, bereitet aber alles für ihr baldiges Ableben vor. Bereits die erste Szene spielt in einem Beerdigungsinstitut. Ein weißer Sarg kommt aus dem Boden gefahren. Zusatzoptionen, wie die Erstellung eines passenden Grabsteins via Mausklick werden besprochen. Unverhoffter Dinge geht die Protagonistin wenig später ins Netz, sucht auf „Akademikertreff.de“ nach geeigneten Damen, die ihren Mann und Philosophen Paul (Thomas Höhne) nach ihrem Tod versorgen können. Felix Grüning, der mit Mikrofonstimme ihr Smart-Phone verkörpert, ist ein wahrer Lichtschein dieser Aufführung. Obgleich sich der mobile „Gott“ als allwissende Universalmaschine zu erkennen gibt, kann er Ninas Dilemma nicht lösen. Selbst wenn die Regisseurin Katja Fillmann diesen findigen Technikus mit frohlockendem Charme und Slapstick auf die Bühne bringt, offenbart sich darin jedoch das kritische Potenzial des Stückes. Es ist eine witzig-herbe Absage an ein mechanistisches Weltbild, in dem der Mensch selbst von der Maschine überwunden zu sein scheint.

	Die Bühne wird dabei in lässiger Manier zum Schauplatz weltanschaulicher Diskussionen. Als Nina über das Internetportal auf die Neurochirurgin Jasmin (Anne Leßmeister) stößt, glaubt sie mit ihr nicht nur eine geeignete Partie für Paul, sondern zugleich eine kompetente Medizinerin für ihr Problem gefunden zu haben. Doch der Philosoph, der übrigens als einziger noch nichts von Ninas Tumor weiß, und idealistische Kämpfer für Geist und Seele und die Rationalistin geraten aneinander. Willensfreiheit hin oder her. Als die Todgeweihte in verzweifelter Lebensgier zuletzt noch mit dem Bestatter (Oliver Jacobs) buchstäblich in die Kiste (nämlich im Totenhemdchen im Sarg) springt, überkommt auch die anderen beiden das Begehren, das ihnen ihr Gewissen jedoch versagt. Komik und Melancholie liegen in dieser Tragischen Komödie nah beieinander. Besonders delikat mutet vor allem eine Videoprojektion an: Während Nina hinter einer durchsichtigen Leinwand wie eine Leiche auf einem Obduktionstisch liegt, sieht der Zuschauer eine den gesamten Bühnenraum bedeckende Nahaufnahme ihres Gesichts. Doch das Bild ist keineswegs statisch, es wandelt sich zum Gesicht des greisen Vaters. Da er als geistig umnebelter Pflegefall ans Bett gefesselt ist, suggeriert dessen Projektion auf das Gesicht der Tochter deren grauenhafte Zukunft. Diese ist klar dem Leben zugewandt, aber zugleich einer Existenz ohne Bewusstsein. Das Ende lässt die Regisseurin zuletzt glücklicherweise offen. Dass Nina so oder so ein Tod bevorsteht, ist sicher. Nur die Frage nach dem Wie scheint eine genuin ethische zu sein. In Baden-Baden wird Philosophie lebbar und geht mit dieser fabelhaften Aufführung weit über die Bühne hinaus.
    
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<pubDate>Mon, 29 Apr 2013 10:08:13 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Anthony Neilson: Edward Gants Bravourstücke der Einsamkeit ]]></title>
<description><![CDATA[Schaubude am StaatsschauspielVon Jens FischerDie schrägen Bravourstücke des Edward Gant in der Cumberlandschen Galerie des Schauspiels Hannover. &copy; Foto: Isabel Machado RiosAnthony Neilson: Eward Gants Bravourstücke der EinsamkeitPremiere: 19.04.2013 (Deutschsprachige Erstaufführung)Theater: Staatsschauspiel HannoverHomepage: http://www.schauspielhannover.deRegie: Juliane von Sievers	Als Fernsehen und 3-D-Kino noch nicht über das Monopol auf verblüffende Schauwerte verfügten, reisten in Zeiten des viktorianischen Sentiments diverse Freak-Variétés durchs Königreich, sorgten mit aberwitzigen Possen und Zurschaustellung lebender Kuriositäten als menschlicher Wunder für Furore. Eine Zeit, in der auch die gründerzeitliche Postmoderne mit dem Bau der Cumberlandschen Galerie in Hannover triumphierte, von der heute noch das mit barocken, gotischen, romanischen Spielereien geschmückte Treppenhaus existiert – und zum Staatstheater gehört. Ein ideales Bühnenbild fürs Eröffnungsszenario von „Edward Gants Bravourstücke der Einsamkeit“, mit denen Anthony Neilson auf die Schaubudenästhetik des 19. Jahrhunderts verweist. 

	„Doch die Abartigkeiten dieses Abends sind keine Abartigkeiten der Gestalt, sondern solche von Herz und Geist“, erklärt der Conferencier auf den Treppenstufen. Drei seiner lässig schäbigen Angestellten umkreisen ihn und einander als Planetendarsteller des Sonnensystems. Dann locken sie wie auf dem Jahrmarkt das Publikum in die Show. Schwarz, schwärzer, britisch ist der Humor. Kommt das Stichwort Abtreibung, wird ein Fötus am Halsband einer Frau sichtbar. Erst aber kümmert das Mädchen Sanzonetta unter weißem Spitzentuch vor sich hin, ein lebendige Pizza ist ihr Gesicht: mit Pickeln übersät wie von Mozzarella-Hügeln. Sie treten, monströs mutiert, sogleich  höchstselbst auf, ihr Sirenengesang fordert zum Ausdrücken auf – und siehe da, statt eitrigem Glibber gebären sie funkelnde Perlen. Die bösartig eigennützige Schwester nutzt das aus, wird reich und berühmt durch den Perlenhandel, muss der so hässlichen wie gutherzigen Sanzonetta aber den anvisierten Ehemann überlassen, der später seine Liebe einer noch edleren Perlenproduzentin zuwendet: einer Auster &#8230; ach, welch moralische, funkelnd morbide Moritat, ihr Herz pocht romantisch. Und pocht weiter im Panoptikum auf der dunklen Seite des Entertainments. Auftritt einer Fettklöpsin, die mit einem Donut als Ehering aufwartet, einen  Bienenstich dann aber nicht im Mund, sondern am Hals erlebt und ihren allergischen Schocktod mit einer Breakdance-Einlage illustriert. 

	Katja Gaudard gestaltet hinreißend die beiden Frauenrollen, brilliert auch als Ziege, Huhn und Teddy. Aber plötzlich ist Schluss mit der Groteskkomik. Selbstreferenzielle Kommentare der Mimen weiten sich zur Debatte über Sinn und Unsinn des Theaters. Die Schauspieler treten aus dem Vaudeville-Spiel, kritisieren diesen „Mischmasch aus absurden Geschichten und billigen Anspielungen“, fordern mehr Realismus auf der Bühne, der „mit der wirklichen Einsamkeit wirklicher Menschen“ zu tun habe. Showmaster Gant behaupt: „In einer Welt, wo uns der Tod zu jeder Sekunde im Nacken sitzt, ist selbst der kleinste Akt der Kreativität etwas Wunderbares, etwas Mutiges. Dass dieses Publikum heute Abend gekommen ist, um mit uns zu träumen – schon das ist ein Akt des Mutes, der Hoffnung: ein Bravourstück der Einsamkeit.“ 

	So viel Theaterliebe rührt uns Theaterliebhaber naturgemäß. Aber nicht ohne Aber. Der Nebel fließt apart milchig über den Bühnenboden, Schneeflocken und Regentropfen gleiten magiewillig über die Szenerie, Glasmusik erregt sanft die Luft, aber mit drei verschiebbaren Stellwänden ist das Bühnenbild so karg wie die Inszenierung ausgenüchtert wirkt. Den Pointen mangelt es an der erschreckenden List des Makaberen. Und Dieter Hufschmidts Conferencier ist so gar nicht der maliziös enigmatische Galan, nur ein Geschichten erzählender Biedermann. Den Melodramoletten fehlt zudem die süffige Atmosphäre, das Traum-Aroma – oder wenigstens ein fantastischer Tim-Burton-Touch. Selten so intensiv wie an diesem Abend wünschte man sich bei einer deutschsprachigen Erstaufführung, dass sie englischer wäre. Trotzdem: Mit einem düster-frisch schillernden Farbton bereichert sie die Vielfalt des Hannoveraner Schauspielangebots. 
    
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<pubDate>Mon, 22 Apr 2013 15:42:57 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[ Feridun Zaimoglu/Günter Senkel: Alpsegen ]]></title>
<description><![CDATA[Gestrandet an der Nachtseite MünchensVon Anne FritschKristof Van Boven, Benny Claessens und Peter Laib in "Alpsegen" an den Münchner Kammerspielen.Feridun Zaimoglu, Günter Senkel: AlpsegenPremiere: 15.04.2011 (Uraufführung)Theater: Münchner Kammerspiele, MünchenHomepage: http://www.muenchner-kammerspiele.deRegie: Sebastian Nübling	Es ist – wenn überhaupt – ein düsterer Segen, der über ihnen liegt. Über all den Gestalten, die Feridun Zaimoglu und Günter Senkel in ihrem Stück „Alpsegen“ durch ein München schicken, in dem es nie wirklich hell werden mag, in dem die Nacht den Tag sticht, in dem finstere Mythen der Realität die Schau stehlen. Zu dumpfen Tubaklängen lässt Sebastian Nübling, der die Uraufführung an den Kammerspielen inszeniert, sie alle auf Knien durch den Bühnenraum rutschen, beten und bitten, bis sie den Zuschauern vor die Füße purzeln, einer nach dem anderen noch einmal abstürzt. Es ist nicht das erste Mal und wird auch nicht das letzte Mal sein. Das sieht man ihnen und dem Raum an, in dem sie gestrandet sind: Muriel Gerstner hat einen kahlen, staubigen Festsaal auf die Bühne gebaut. Ein bisschen verlassenes Hofbräuhaus, ein bisschen Residenz, ein bisschen Noblesse von gestern. Oder vorgestern.

	Es ist ein Blick von außen, den sowohl die Autoren als auch das Produktionsteam über die bayerische Landeshauptstadt schweifen lassen. Zaimoglu und Senkel lassen sich im Fönsturm von Figuren wie der Mondhellen, der Wäscherin an der Furt oder der langen Agnes in eine alpenländische Mythenwelt hinunterziehen, die kaum ein Eingeborener bis in den hintersten Winkel erforscht hat. Ihnen stellen sie die realen Bewohner und Besucher der Stadt gegenüber: die abgeklärte Wirtin, ihre trunkenen Gäste, den Familienvater, der gerne mit dem italienischen Eisverkäufer Flavio ein Liebeswochenende verbringen würde, seine Hemmungen aber nicht ablegen kann, und seinen Sohn, der den Vater im Auftrag der Mutter finden soll – und in der Großstadt ganz eigenen Verlockungen erliegt.

	„Alpsegen“ ist ein sperriger Text, ein Fremdkörper in der Heimat, ein Konvolut aus Themen und Motiven, die nicht zusammen gehören, nicht zusammen wollen. Es ist ein Text, den man sich an keinem anderen Theater als eben diesen holländisch-münchnerischen Kammerspielen unter Johan Simons vorstellen kann und will. Denn was Nübling mit seinem fantastischen Ensemble daraus zaubert, ist ein Ausflug in die Nachtseite dieser Stadt, ist ein irrlichterndes und faszinierendes Erlebnis, das einen trotz all seiner Rätsel und Wirren in seinen Bann zieht, sich in die Seele frisst.
    
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<pubDate>Thu, 28 Apr 2011 10:24:00 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Tobias Rausch: Oder Bruch ]]></title>
<description><![CDATA[Die Deichgrafen vom OderbruchVon Barbara BehrendtMarco Matthes, Friedrich Rößiger, Juschka Spitzer, Barbara Heynen und Bernd Stempel in "Oder Bruch" am DT Berlin. &copy; Foto: Arno DeclairTobias Rausch: Oder BruchPremiere: 07.02.2012 (Uraufführung)Theater: Deutsches Theater, BerlinHomepage: http://www.deutschestheater.deRegie: Tobias Rausch	Tobias Rausch ist ein Experte für Recherche-Stücke: In „Alles Offen“ befragte er Zeitzeugen der Wende, für „einsatz spuren“ sprach er mit Soldaten, die in Afghanistan im Einsatz waren. Sein jüngstes Projekt „Oder Bruch“ hat nun das schlimmste Oderhochwasser seit Menschengedenken zum Thema. 30.000 Soldaten setzte die Bundeswehr 1997 für ihren größten Katastropheneinsatz ein, 114 Menschen starben damals, die Bevölkerung spendete gigantische 50 Millionen Euro für die Flutopfer. 

	Hundert Interviews haben Rausch und sein Team nun 15 Jahre später geführt, mit Evakuierten, Helfern, Ministerpräsidenten, Spendenkommissaren und Soldaten. Dokumentation der Zeitgeschichte also zum traurigen Jubiläum? Zum Glück mehr als das. 

	Quer über die Bühne verläuft ein Deich, überzogen mit einer beige-grünen Blümchentapete, wie man sie aus unsanierten DDR-Häusern kennt. Darüber türmt sich eine Monsterwelle – oder rollt sich nur ein Stück Tapete ab? Mit einfachen ästhetischen Mitteln arbeitet Rausch und mischt auf der Bühne sinnvoll die Metaphern: Droht der Deichbruch, stemmen die Schauspieler des Deutschen Theaters und der koproduzierenden Neuen Bühne Senftenberg in weißer Helferuniform Löcher aus dem Holzkonstrukt – kommen die Häuser ins Spiel, kann durch einen Handgriff ein Fenster mit Gardine eingelassen werden, schon entsteht ein Wohnzimmer. 

	In 14 Sequenzen illustrieren die Schauspieler unterschiedlichste Blickwinkel. Da ist der Teenager, der im überschwemmten Haus nur um sein Visum für die USA bangt. Da ist der Rentner, glücklich, endlich eine Aufgabe als Deichläufer zu finden. Später wird es bewegender, wenn Barbara Heynen als alte Frau sich bei der Evakuierung durch das Militär an 1945 erinnert fühlt, als sie über die Oder fliehen musste. 1997 wurden die Menschen im Oderbruch, einem Gebiet, das unterhalb des Flussspiegels liegt, teils mit Gewalt aus ihren Häusern geholt – „das war keine Evakuierung, das war eine Vertreibung.“ Rausch lässt den Abend nicht in Pathos abgleiten: Auf eine nachdenkliche Szene folgt meist eine Art Schildbürgerstreich. So zumindest könnte man es nennen, wenn Marco Matthes, komödiantisch bestens aufgelegt, mit Berliner Schnauze das Organisationschaos beim THW zu erforschen versucht. Und Bernd Stempel erzählt als Hausverlierer mit erfrischendem Galgenhumor, wie er im Wohnzimmer den Goldfisch aus Nachbars Teich vorbeischwimmen sah. 

	Manchmal droht die Aufführung sich im Anekdotischen zu verlieren. Letztlich jedoch behält Rausch die großen Themen im Auge, die das Stück über eine Geschichtsstunde hinausheben: Es geht um Heimatverlust, Solidarität, Profitgier und Existenzangst. Um den Kampf gegen die Natur, um menschliche Ohnmacht. „Das Wasser hat ein älteres Gedächtnis als wir“, sagt Barbara Schnitzler, „als ob es sich erinnern würde, sucht es immer wieder sein altes Bett.“ Und das steht, allen Begradigungsversuchen vergangener Jahrhunderte zum Trotz, dort, wo die Menschen des Oderbruchs wohnen und leben. Das Wasser wird wieder kommen.  

	(Die Produktion ist eine Kooperation des Deutschen Theaters Berlin mit der Neuen Bühne Senftenberg)
    
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<pubDate>Thu, 09 Feb 2012 10:29:01 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Franz Kafka: Das Schloss ]]></title>
<description><![CDATA[VerSchlossenVon Detlev BaurK. telefoniert mit dem Schloss. Eine Szene mit Moritz Grove und weiteren Ensemblemitgliedern aus "Das Schloss". &copy; Foto: Paul LeclaireFranz Kafka: Das SchlossPremiere: 23.09.2011 (Uraufführung)Theater: Ruhrtriennale, Jahrhunderthalle, BochumHomepage: http://www.ruhrtriennale.deRegie: Nurkan Erpulat	K. meint als Landvermesser zum Schloss berufen worden zu sein. Nach anfänglichem Zögern wird das auch von allen Dorfbewohnern akzeptiert, aber Näheres zu erfahren, geschweige denn einmal ins Schloss zu gelangen, erweist sich in Franz Kafkas Romanfragment als unmöglich. Kafkas Werk ist einerseits ungemein zeitgemäß, da die bürokratischen Verwicklungen und Ratlosigkeiten selbst erfahrener Beamter über den Gang der Dinge uns angesichts von abstrakter und doch wirksamer Globalisierung, undurchschaubarem Internet und hilfloser Stadtverwaltungen wohl bekannt vorkommen. Andererseits kann einem die überdeutliche Figurenzeichnung Kafkas gerade angesichts einer komplexen Wirklichkeit leicht auf die Nerven gehen. Jens Hillje und Nurkan Erpulat, die im letzten Jahr erfolgreich den Film „Verrücktes Blut“ zum packend-zeitnahen Bildungs- und Immigrationsdrama machten, interessiert an Kafkas Romanversuch jedoch primär die Situation des Außenseiters K. In der Produktion des Deutschen Theaters, die erstmals bei der Ruhrtriennale zu sehen ist, wird der Außenseiter bereits vor Beginn des eigentlichen Romanspiels ausfindig gemacht, und auf verschiedene Arten, bis hin zur Bewunderung an den Rand der sechsköpfigen Gruppe gedrängt. Moritz Grove als K. schafft es überzeugend, als intellektuell und auch elitär wirkender Fremder die Figur tatsächlich ins Zentrum des Spiels zu rücken, obwohl er durch das weitgehend dialogische Spiel nicht mehr die Perspektive für den Zuschauer zentral prägt, wogegen in Kafkas Text ja alles aus K.’s Schatten heraus erzählt wird.

	Je weiter die Handlung fortschreitet, umso weniger passen Textvorlage und Anliegen der Inszenierung aber zusammen. Ein erbaulicher Kinderchor deutet nur einmal die ungreifbare Aura der Schlosswelt dar, ist ansonsten aber mehr akustisch schmückendes Beiwerk. Das Spiel der Erpulat erfahrenen Seseke Terziyan wirkt bei aller Könnerschaft pathetisch übertrieben. Letztlich findet das häufig zwischen zuweilen heruntergelassenen Glaswänden (Bühne: Magda Willi) oder im rieselnden Theaterschnee ablaufende Spiel trotz beeindruckender Darsteller nicht das rechte Verhältnis zur Textvorlage, die es packend deuten will, sich aber dann doch nah an deren Ablauf hält. So bleibt ähnlich wie bei der Leipziger Filmadaption der Verdacht, dass Romane oder Filme auf der Bühne eine deutliche Reibung mit ihren Vorlagen erfordern. Andernfalls besteht die Gefahr, dass sie zu, gut erträglichem, aber wenig ergreifendem Handlungstheater werden.
    
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<pubDate>Mon, 26 Sep 2011 11:26:19 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Virginie Despentes: King Kong Theorie ]]></title>
<description><![CDATA[Urwald-Sex und FrauenfrageVon Michael LaagesKatharina Kummer, Martin Reik und Annemie Twardawa bespielen die "King Kong Theorie" am Neuen Theater Halle. &copy; Foto: Falk WenzelVirginie Despentes: King Kong TheoriePremiere: 12.11.2011 (Deutschsprachige Erstaufführung)Theater: Neues Theater, HalleHomepage: http://www.kulturinsel-halle.deRegie: Claudia Bauer	Das Material hat&#8217;s unbedingt in sich: wie in ihrem Debütroman “Baise moi/Fick mich” (1993) breitet die französische Autorin Virginie Despentes auch in dem neuen und sehr viel schmaleren Text mit dem sehr viel längeren Titel “King Kong Theorie oder Ich komme als Opfer einfach nicht glaubwürdig genug rüber” (2008) eine gehörige Menge sexueller Abenteuer und Phantasien aus. Und sie stellt politisch ziemlich inkorrekte Überlegungen darüber an, wie sich Frauen unter dem Einfluss sexueller Gewalt womöglich ganz selbstverständlich von der erzwungenen hin zur professionellen Lust-Gewährung entwickeln; konkret: von der Vergewaltigung zur Prostitution. Vermischt sind diese Beschwörungen weiblicher Wege durch die Labyrinthe der Erotik mit dem Film-Mythos des haarigen Affen. King Kong wird bei Despentes zur Projektion verschiedener Theorien – jenseits der vertrauten vom schwarzen Sex-Protz, der allen Weißen Angst einjagt. Ist er nicht viel mehr, nämlich das Unausgelebte schlechthin? Und könnte er womöglich sogar weiblich sein?

	Das ist auf den ersten Blick also kein Stoff, der sich einfach so inszenieren ließe. Claudia Bauer, zwischen Jena, Stuttgart und Schwerin seit langem eine der erfahrensten Regie-Frauen der jüngeren Generation, rückt King Kongs Spuren (und damit den verschiedenen Despentes-Theoremen) mit kräftigen Besteck zu Leibe. Vor allem setzt sie mit Martin Reik einen sehr kräftigen Mann ins Zentrum weiblicher Nabelschau; Betroffenheit und Kitsch haben folglich nicht die Spur einer Chance. Katharina Kummer und Annemie Twardada umgeben diesen leibhaftigen King namens Kong ihrerseits wie Projektionen. Und wenn die drei gemeinsam von Vergewaltigung und schmerzhaftester Sexualität erzählen, dann kommen noch ein paar distanzschaffende Waffen hinzu. Denn Hendrik Scheel hat für diese Koproduktion mit dem Puppentheater der Kulturinsel Halle verschiedene Arten von unbelebten Spiel-Figuren entworfen, und Kostüme obendrein, in denen die Spieler ihrerseits zu Puppen werden können, die anderen Puppen zuschauen – mit der Video-Kamera. Das erweitert den Zuschauer-Blick über den Stück-Text hinaus.

	Und das ist gut so. Denn trotz kräftiger Striche ist das noch immer kein sonderliches starkes Stück; doch es gewinnt im Spiel des Trios auf der Bühne allemal. Despentes kehrt ihr Innerstes nach außen, aber die Inszenierung schaut von draußen drauf. Der Raum in den Kammerspielen erinnert sehr entfernt an Arztpraxis und/oder Hobbywerkstatt, Reik (bekanntermaßen auch ein profunder Soul-Sänger) hat das Keyboard dabei und stimmt gelegentlich ruppig-raue Gesänge an. Immer wieder verwandelt sich die Trio-Truppe hinein in die Rollen von Opfern und TäterInnen, hinein ins Weibliche und wieder heraus – und ohne diese angriffslustige Form von Verspieltheit wäre der Text nicht sehr viel mehr als viel Papier und Spekulation: über Urwald-Sex und Frauenfrage. Dad as aber im Theater belebt wird, ist es durchaus ansehbar.
    
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<pubDate>Tue, 15 Nov 2011 11:59:59 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Rocko Schamoni: Dorfpunks ]]></title>
<description><![CDATA[Sie schlagen und sie lieben sichVon Volker OesterreichRocko Schamoni: DorfpunksPremiere: 28.11.2010Theater: Theater HeidelbergHomepage: http://www.theaterheidelberg.deRegie: Tomas Schweigen	Die echten Punk-Veteranen sind ja auch schon so weit, dass sie Ü50-Parties besuchen können. Bereits Anfang der 1980er Jahre ebbte die Welle ab. Genau in dieser Zeit des Übergangs spielt Rocko Schamonis 2004 veröffentlichter Roman „Dorfpunks“. Eine typische „coming of age“-Geschichte, in der die Hormone munter drauflos sprudeln, als hieße das Werk im Untertitel „Punkfrühlings Erwachen“. Der Roman sorgte für einiges Aufsehen, floppte 2008 im Hamburger Schauspielhaus, wurde 2009 von Lars Jessen verfilmt – und kann jetzt in einer neuen Spielfassung auch im Heidelberger Theaterkino begutachtet werden. Erarbeitet wurde sie vom Regisseur Tomas Schweigen gemeinsam mit dem Ensemble.

	Da stehen sie nun, die sieben Teenies, wollen raus aus der miefigen Langeweile und rein ins unangepasste Abenteuer. Sie bekennen sich zu den Punk-Regeln, nach denen der Dilettantismus zelebriert werden muss, immer schön gegen den bürgerlichen Mainstream gerichtet. Auf der Bühne wird von den rotzigen, meist aber auch hilflos bemühten und deswegen komischen Ausbruchsversuchen der Dorfpunks aus dem Rückblick erzählt. Eineinhalb Jahrzehnte danach trifft sich die Clique von einst in ihrem Club „Meier’s“ wieder und erinnern sich in der Art einer „sentimental journey“ an die ach so wilde, aber im Grunde ziemlich öde Jugend. Mit Stammtisch links, Cola-Stehtischen rechts und einer kleinen Rocker-Bühne im Hintergrund hat Susanne Hiller den Dorf-Club-Chic scheußlich-schön nachempfunden. Das Ensemble tanzt darin den Pogo, man schlägt sich, man verträgt sich, die Teenies schmachten sich an, man drischt auf die Instrumente, aber zu einer stimmigen, das Publikum animierenden Form findet die Truppe nicht. Die Inszenierung holpert trotz ihrer forcierten Dynamik unbeholfen über die Bretter. Lange Erzählpassagen dienen als Kitt, obwohl kaum etwas zu kitten ist. Manches klingt wie von Wikipedia abgeschrieben. Nur kurz können Einzelne aus dem chargierenden Cliqueneinerlei ausbrechen: etwa Simon Bauer, der gleich zu Beginn den Fünfkäsehoch-Macho karikiert, oder Natalie Mukherjee, die als charmantes Temperamentsbündel punktet. In solchen Szenen funktioniert die Chose. Aber auch nur dann.
    
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<pubDate>Thu, 07 Apr 2011 17:38:05 +0100</pubDate>
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<title><![CDATA[Friedrich Dürrenmatt: Die Ehe des Herrn Mississippi ]]></title>
<description><![CDATA[Zeugnis des IrrtumsVon Jens FischerDas tapfere Ensemble in "Die Ehe des Herrn Mississippi" am Hamburger Thalia Theater. &copy; Foto: Fabian HammerFriedrich Dürrenmatt: Die Ehe des Herrn MississippiPremiere: 13.04.2013Theater: Thalia Theater, HamburgHomepage: http://www.thalia-theater.deRegie: Christine Eder	Ein Doppelmord, wie komisch. Herzlich willkommen in der Groteske. Die erbarmungslos auf ihren Vorteil bedachte Anastasia beseitigt ihren Gatten zugunsten eines anderen Opfers ihrer Lust, vergiftet den Angetrauten aber auch für seine Fremdgeherei mit der Gattin des Staatsanwaltes. Der diese wiederum aus Gerechtigkeitswahn hinrichtet. Und um Anastasias Hand fleht. „Ich habe mich verurteilt, sie zu heiraten.“ Ehe als Sühne der Verbrechen. Und als Form der doppelten Vertuschung verheißt sie Straffreiheit. Wohl nur Shakespeares Richard III. legt ähnlich heimtückische Heiratsanträge auf die Bühnenbretter. Allerdings lebensstrotzend, nicht so ausgedacht böse wie in Friedrich Dürrenmatts 1950 entstandener  Salonkrimikomödie „Die Ehe des Herrn Mississippi“, eine satirische Abrechnung mit dem Dogmatismus politischer Überzeugungen. 

	Sie landete beim schrankenlosen Online-Voting zur Spielplangestaltung des Thalia Theaters auf Platz eins. Durch dieses netzdemokratische Experiment sollten populäre Partizipationsformen ausprobiert, Menschen der Generation Facebook fürs Theater aktiviert werden. Klappte das? Soll sich ein Kulturdienstleister so dem Zeitgeist anbiedern? Kann man über Kunst überhaupt abstimmen? Könnte es subversiv inspirierend sein, wenn Mehrheitsmeinung mal ganz offensiv auf die Theaterproduktion gehetzt wird? Die Antwort ist jeweils: nein. Auch das Thalia-Team weiß jetzt, dass Demokratie immer nur die Herrschaft derjenigen ist, die am besten die öffentliche Meinung manipulieren, in diesem Fall also ihre sozialen Netzwerke am dynamischsten für die Schrullen der eigenen dramatischen Vorlieben aktivieren können. Aber der Intendant hatte die Aufführung der Siegerstücke versprochen. 

	Also ran an Dürrenmatt. Christine Eder wurde engagiert, die ja für hektisch schrille Persiflagen von Texten bekannt ist. Jetzt lässt sie erstmal das Biedermeierwohnzimmer der Handlung als Pop-up-Buch aufklappen (Bühne: Jakobus Durstewitz), Rockmusik dröhnt. Aber dann wird durchaus mit dem Geist der Vorlage gespielt, der parodistischen Überhöhung. Mal klamottig beschleunigt, mal ironisch melancholisiert, mal mit krachender Komik poltert Dürrenmatts boulevardesker Dramenversuch à la „Arsen und Spitzenhäubchen“ als Labiche-Farce auf die Bühne. 

	Vier Weltverbesserer-Karikaturen buhlen um Anastasia, der Umstände halber, aus brennender Begierde oder purer Berechnung. Als Instanz der Realität ist sie Pragmatikerin ihres Egoismus, will verführt werden und dabei ihre persönlichen Vorteile realisieren. Ein nicht ganz so politisch korrektes Frauenbild, aber egal. Drumherum toben fantastisch tollkühn die Männer bedingungslos zu ihrer Wahrheit, wollen radikal zurück nach vorn: Ideale von gestern für die Zukunft reaktivieren. Der christliche Eiferer möchte mit dem Gesetz Moses die Transzendenz wieder im Leben verankern, ein Freund geht zwecks irdischer Gerechtigkeit für den Kommunismus auf die Barrikaden, ein anderer hat sich närrisch eingesponnen in den Romantik-Kokon wahrer Liebe (zum Niederknien tragikomisch: Mirco Kreibich). Am Ende gewinnt Position vier: ein Realpolitiker, also opportunistischer Karrierist, stellt mit seinem gnadenlosen Machtinstinkt alle kalt – und wird bejubelter Präsident. 

	Kann eben öffentliche Meinung für sich am besten manipulieren … so argumentiert das Stück gleich noch gegen sein Online-Voting. Ein weiterer Grund für die Wiederentdeckung – kreative Herausforderung oder zeitgenössische Relevanz – lässt sich nicht entdecken. Trotz aller dramaturgischen Rechtfertigungsrhetorik des Theaters, es würden Menschen porträtiert, wie wir sie kennen: scheiternde Kämpfer für eine bessere Welt. Die Stück-Konstruktion ist doch eher plump, die Szenerie arg angestaubt, die Dialoge klingen papieren. Die Regie macht das Beste daraus, führt mit dem komödiantisch virtuosen Ensemble den manischen Idealismus der krass unverbesserlichen Überzeugungstäter höchst vergnüglich ad absurdum. Etwas wenig für die große Bühne, aber allemal ein formidabler Late-Night-Spaß. 
    
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<pubDate>Mon, 15 Apr 2013 12:21:05 +0100</pubDate>
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