"The Dark Ages" im Marstall des Münchner Residenztheaters

"The Dark Ages" im Marstall des Münchner Residenztheaters

© Foto: Thomas Dashuber
Schauspielkritik

Lächelnde Erben

von Detlev Baur

Milo Rau: The Dark Ages

Premiere: 11.04.2015 (Uraufführung)
Residenztheater, München
Homepage: http://www.residenztheater.de

Regie: Milo Rau

“Und mein Vater lächelt nur so.” Mit diesem Kommentar zu einer kurzen Videoeinspielung beendet die Schauspielerin Valery Tscheplanowa das Kammerspiel “The Dark Ages” im Marstall des Münchner Residenztheaters. Sie ist eine von fünf Akteuren, die im nachgebauten Büro des Bosniers Sudbin Music von ihren Lebensgeschichten und damit von der Geschichte Europas berichten. Musics NGO setzt sich für Hinterbliebene serbischer Konzentrationslager während des Bosnien-Kriegs in den 1990er Jahren ein. Der zurückhaltende, freundlich-bestimmte Gastgeber ist der einzige nicht-professionelle Schauspieler im Ensemble.

Manfred Zapatka hingegen gehört wie Tscheplanowa zum Ensemble des Münchner Residenztheaters und beginnt seine Erzählung mit Kindheitserinnerungen an Bombenangriffe auf Bremen und die schwierigen Nachkriegsjahre mit dem aus dem Krieg zurückgekehrten Vater. Der zweistündige Abend besteht ausschließlich aus solch kurzen Lebensgeschichten, wobei das Gesicht des jeweils Sprechenden (durch Live-Video) auf eine Leinwand über dem Büroraum projiziert wird. Außer bei den beiden Darstellern mit “Heimspiel” ist das mit einer Übertitelung ins Deutsche verbunden.

Denn neben Music sprechen auch die Schauspielerinnen Vedrana Seksan und Saja Mitrovic bosnisch bzw. serbisch. Seksan erlebte als junge Frau die Belagerung Sarajewos, agierte auch als Nachrichtensprecherin in einem eiskalten Studio, während Mitrovic die Bombardierung Belgrads durch NATO-Bomben erlebte und als Jugendliche diese Zeit durchaus als aufregend empfand.

Das auch sprachlich Fremde der Sprecher verliert sich jedoch bald. Durch die klug komponierten Texte und das zurückhaltende Sprechspiel ziehen alle fünf die Aufmerksamkeit auf sich. Und begegnen den überwiegend erschütterten Erlebnissen – auch im geordneten Deutschland können Erbstreitigkeiten im Hause Zapatka für erschütternden Unfrieden sorgen – mit einem zaghaften, unsicheren Lächeln, wie es auch am Ende des in Russland gebliebenen Vaters von Valery Tscheplanowa steht. Das Lächeln steht für die Frage, ob die Erinnerungen an die politisch vorgeprägten privagen Erinnungen den nun schön oder furchtbar sind.

Unterstützt von wenig Musik und einigen Dokumenten wie Fotos, einem Geschoss (das im Bett der Mutter in Sarajewo gelandet war) oder sparsam eingesetzten privaten oder nachrichtlichen Videos, stehen ganz die individuellen Menschen oder vielmehr ihre Geschichten im Mittelpunkt von “The Dark Ages”. Interessant ist schon, wie potenzielle Kriegsgegner einander intensive zuhören. Dass sie im engen Büro nicht direkt miteinander ins Gespräch kommen, ist womöglich gerade eine der Stärken des Abends. Denn die Berichte knüpfen durchaus einen Faden unter den Figuren – und mit den Erlebnissen der Zuschauer. Auch die Frage, wie weit das Erzählen von sich selbst eigentlich Theaterdarstellung sei, wird durch die Konstruktion des Abends vorsichtig angerissen und nicht abschließend beurteilt. Am ausdrücklichsten noch spricht Valery Tscheplanowa – ist es bei diesem Abend angemessen, sie als besonders fesselnd zu beschreiben ? – über das Theater. Wenn sie einen Puppentheaterabend nachspielt, in dem eine Kopfschmerztablette Selbstmord begeht, oder wenn sie erzählt, wie sie mit dem gerade verstorbenen, aber auf Video konservierten Dimiter Gotscheff gemeinsam die “Hamletmaschine” spielt.

Über Shakespeares “Hamlet” treffen sich auch die Geschichten der Vaterländer und der toten Väter, von denen viel die Rede ist. Auch dieser Verweis ist jedoch eher schweizerisch zurückhaltend eingebaut. Und so ließe sich dem Stück und seiner Inszenierung durchaus vorhalten, dass da drei Bosnienkriegsleidende und zwei Münchner Schauspieler zu einem recht allgemeinen Abend zusammengespannt werden, ohne dass über die individuellen Geschichten hinaus viel verdichtet würde. Da werden keine Kriegsverbrecher enttarnt und potenzielle Konflikte unter den Versammelten sind kaum angedeutet. Der letzte europäische Krieg des vergangenen Jahrhunderts bleibt so nur ein begrenzter Ausgangspunkt. Und die Texte sind keine Dichtung von literarischem Format. Als leises Schauspiel, in dem die Lautstärke durchgehend sehr zurückgenommen ist, bleibt “The Dark Ages” jedoch beeindruckendes Theater.

Im Anschluss zur Premiere fand im Residenztheater ein Konzert der slowenischen Band “Laibach” statt. Von ihr stammte auch der Soundtrack zur Aufführung: “Jeder tötet, was er liebt”. Während der in “The Dark Ages” aber noch leise war, wurde dieses zweistündige Nachspiel sehr laut und grell, allerdings im Spiel mit martialischen und germanophilen Motiven auch keineswegs eindeutig. Zu Beginn stand noch eine irritierende Filmeinspielung der fünf Akteure, die in Manier einer Shakespeareschen Königsfamilie einen Appell an Deutsche und Europäer richtete, einen “Marshallplan der Seele”. Ein verquerer Ausstand: zwei Vorhänge zu und viele Fragen offen.