Auch eine Art Teamarbeit: Eine Szene aus der vielbeachteten Inszenierung von Ibsens „John Gabriel Borkmann“ am Prater der Berliner Volksbühne.

Auch eine Art Teamarbeit: Eine Szene aus der vielbeachteten Inszenierung von Ibsens „John Gabriel Borkmann“ am Prater der Berliner Volksbühne.

© Foto: William Menke
Leseprobe

Saisonbilanz

LEP: Saisonbilanz – der Schwerpunkt im Heft 8/2012

Neustarts in Jena, Halle, Stuttgart und Mainz; Trends im Jungen Schauspiel, Abschied von Matthias Lilienthal und die Saison der “Ringe”.


Weitere Artikel des Schwerpunkts

Wenn man die Autorenumfragen der letzten zehn Jahre Revue passieren lässt, zeichnet sich erstaunlich klar der Weg des Theaters weg von der thematischen Selbstbezüglichkeit und der ästhetischen Verspieltheit der Postmoderne ab (vergl. Autorenumfrage DDB 8/2005: Postmoderne bye bye). Bislang führte dieser Weg zu einer fruchtbaren Neudefinition des Theaters sowohl gegenüber der Gesellschaft wie auch gegenüber der Wirklichkeit. Gegenüber der Gesellschaft: Das Theater reagierte auf die soziale, demographische und migrantische Differenzierung der Stadtgesellschaften mit einer Vielfalt neuer ästhetischer Formen, die man unter dem weiten Oberbegriff eines Theaters der sozialen Aufmerksamkeit zusammenfassen kann. Gegenüber der Wirklichkeit: Ein Stück weit verabschiedete sich das Theater von seinem Anspruch auf Deutungshoheit gegenüber einer so komplexen wie inkohärenten sozialen Wirklichkeit. Stattdessen vertraute es auf eine Vielfalt dokumentarischer Formen, darunter partizipative Projekte, die es erlauben, Vertreter sozialer Gruppen in das Theaterkunstwerk hinein­zuholen und sie damit von Objekten der Aussage eines Autors in Subjekte zu verwandeln, die als Zeugen ihrer eigenen Anliegen und Situation im Theater auftreten.

Schon an dieser knappen Beschreibung sieht man, dass dieser Weg das Formenrepertoire des Theaters enorm erweitert hat. Was eine Bereicherung darstellt, aber auch eine Herausforderung – und das wiederum nicht nur für die Logistik des Theaters, sondern mehr noch für seine dramaturgische Selbstreflexion. Zu einem Theater gehört ein öffentliches Profil. Es reicht nicht, ein Sammelsurium einzelner Produktionen herauszubringen, die man für sich genommen gut findet. Vielmehr muss man diese Vielfalt in einem kommunikativen Gesamtkonzept zusammenfassen, dessen einzelne Elemente einander kommentieren, relativieren, ergänzen – und sich dadurch stärken. Einfacher gesagt: Man muss vieles bringen und dabei doch genau wissen, warum man gerade dieses bringt. Solch eine dramaturgische Selbstbegründung aber wird je anspruchsvoller, je breiter das Spektrum ist.

Profil, Repertoirevielfalt, Ensemble

Über Jahre waren es die Namen großer Künstler, die das Image des Theaters prägten: Peter Stein, Claus Peymann, Hans Neuenfels, Peter Konwitschny. Wenn heute die Profile von Häusern stärker wahrgenommen werden als die Namen einzelner Künstler, dann hat das genau mit der beschriebenen Diversifizierung (Autorenumfrage in DDB 8/2010) zu tun. Für das Theater Freiburg steht eben nicht ein Name, sondern ein Konzept von Theater. Und wenn Jossi Wieler in dieser Umfrage der meistgenannte Name ist, dann steht das nicht allein für den Regisseur mit einer bestimmten Handschrift, sondern für den Leiter eines Opernhauses, der ein bestimmtes Modell von Musiktheater vertritt. Das Stadttheater bis hin zum großen Staatsopernhaus wird als Gesamtkunstwerk wahrgenommen, das in seiner diversifizierten Vielfalt die Differenzierung der Gesellschaft spiegelt und in einem kommunikativen Konzept bündelt. Die Autorschaft für dieses Konzept hat nicht einer allein, sondern das Kollektiv der an einem Haus versammelten Menschen. Dass unter diesem Aspekt die Begriffe Repertoire und Ensemble wieder in den Blick unserer Autoren geraten, ist nicht verwunderlich. Dass sie sich aber nun auch in der Oper wieder durchsetzen, ist erstaunlich. Erstaunlich ist auch, dass selbst einzelne Produktionen aus der Perspektive des Theater-Ensemble-Gesamtkunstwerks wahrgenommen werden.

Joachim Lange schreibt über Benedikt von Peters „La traviata“-Inszenierung an der Oper Hannover: „Hier kamen ein radikaler Regieansatz, mit Nicole Cheavalier eine grandiose Sängerdarstellerin, ein Intendant, der bereit ist Risiken einzugehen, und ein aufgeschlossenes Publikum zu einer Sternstunde zusammen.“ Tobias Gerosa ist der Chor an der Staatsoper Stuttgart so wichtig, dass er ihm eine Stimme in der Kategorie Schauspiel (!) schenkt: „Der Chor der Staatsoper Stuttgart in Bellinis ,La sonnambula‘: so lebendig, so genau und so packend können Kollektive individuell spielen – und dabei hervorragend Singen.“ Und Andreas Falentin votiert unter Ausstattung/Theatrale Raumsituation gar für den Zuschauer: „Ein alter, neuer Protagonist. Immer häufiger, nicht nur in Benedikt von Peters ausgezeichneter ,Intolleranza‘-Inszenierung, wird das Publikum Teil des Bühnenbildes. So begreift es sich bewusst als Teil der Aufführung, ja gestaltet sie mit. Dazu kommt ein Trend zu Ausstattungen, die weder Dekoration oder Bedeutungsträger sein wollen noch Instrument des Erzählens. Das Musiktheater von Heiner Goebbels, die sinnlich prallen Spielräume von Katrin Brack, die lichten Abstrakta von Stefan Heyne, die klaren Architekturen von Stefan Braunfels, die Kulturgeschichtsfragmentausstellungen von Heike Scheele: Es werden Reize gesetzt, Einstiege in Assoziationsketten zur Verfügung gestellt und Atmosphären als Reibungsflächen geschaffen, gewissermaßen als Hilfestellung. Konkrete Räume entstehen erst im Kopf des Zuschauers, gespeist aus seinem Vorwissen, seinen Erfahrungen, seinem Gefühlshaushalt, geformt durch seine Gedankenarbeit.“

Damit sortiert sich die deutsche Theaterlandschaft neu. Denn für ein besonders kluges Konzept braucht man nicht zwingend besonders viel Geld. Über das am Rande der finanziellen Existenzmöglichkeit agierende Nordharzer Städtebundtheater in Halberstadt und Quedlinburg schreibt Reinhard Wengierek: „200-jährige Tradition, Musiktheater, Schauspiel, Tanz, Chor und Orchester, reduziert einschließlich aller Gewerke und Verwaltung auf 80 feste Mitarbeiter (mit neuerdings bis zu 20 Prozent Gehaltsverzicht). Als Landesbühne permanent unterwegs nicht nur in Sachsen-Anhalt, trotzdem beständig auf der kommunalpolitischen Abschussliste. Eine tapfer verteidigte Feste der Kunst (Intendant und Musikdirektor Johannes Rieger: ,Ich möchte mich nicht immer dafür entschuldigen müssen, dass ich Kunst mache.‘). Und stets im Bündnis mit der Bürgerschaft, wie etwa die Aktion Kultur-Aktie oder Unterschriften-Sammlungen. Solcherart solidarische Initiativen sind ein klares Plebiszit für das Theater. Rieger wird so vehement wie künstlerisch originell gestützt von Sebastian Fust (Schauspieldramaturg, Autor). Das Theater arbeitet massenkompatibel, schielt aber dennoch nicht ausschließlich nach der Quote, die von der lokalen Politik immer noch als allein selig machend betrachtet wird, sondern bietet maßvoll mutig Novitäten und Raritäten in Oper und Schauspiel.“

Gesamtleistung: Jossi Wieler und die Staatsoper Stuttgart

In dieser Kategorie ist das kein Jahrgang der knappen Ergebnisse. Allein hier verbucht die Staatsoper Stuttgart unter Jossi Wieler entweder direkt oder aber als Teil des „Gesamtkunstwerks Staatstheater Stuttgart“ (Elisabeth Feller) acht Stimmen, dazu kommen fünf Voten unter Oper, deren Begründungen immer wieder auch das von Jossi Wieler und Sergio Morabito vertretene Gesamtkonzept würdigen (siehe auch der Artikel auf Seite 36 in diesem Heft). Und auch die drei Stimmen für die Leitende Regisseurin Andrea Moses sind eine Bestätigung dafür, dass hier ein Zentrum zeitgemäßen Musiktheatermachens entsteht. Dazu noch zwei Stimmen für Ausstattung und Schauspiel (siehe oben): das macht 18 Stimmen für die Oper Stuttgart.

Elisabeth Maier schreibt: „Stuttgart spielt wieder an der Spitze der deutschen Opernhäuser mit. Mit einem starken Leitungs-Team, zu dem auch die Regisseurin Andrea Moses gehört, zeigt Opernchef Jossi Wieler ein ästhetisch bemerkenswertes und politisch inspiriertes Musiktheater, das neue Formen bewusst integriert. Dabei setzt er auf Opern und auf Komponisten unterschiedlicher Epochen, die abseits des gängigen Kanons liegen. Die irische Komponistin und Performerin Jennifer Walshe hat ein Auftragswerk für die Junge Oper geschaffen, das sich mit dem Sein im Zeitalter von Cyber-Identitäten auseinandersetzt. Mit qualitativ anspruchsvollen Projekten wie diesem punktet die Stuttgarter Oper in künstlerischer Hinsicht. Zugleich öffnet sie die Sparte der jungen Generation.“ Georg Rudiger ergänzt: „Auf Selbstdarstellung wird bei Jossi Wieler verzichtet, die inhaltliche Arbeit rückt wieder in den Vordergrund. Wer aus zwei so schwierigen Stoffen wie Arnold Schönbergs Monodram ,Die glückliche Hand‘ und Leos? Janác?eks Opernrarität ,Osud‘ einen bewegenden musiktheatralischen Abend machen kann, weckt Hoffnungen.“ Und noch Hartmut Regitz zum „Gesamtkunstwerk“ der drei Stuttgarter Sparten: „Die Oper Stuttgart hält den Ensemblegedanken hoch, und Jossi Wieler macht eigentlich mit jeder Aufführung seines Hauses Schlagzeilen. Hasko Weber zeigt im Schauspiel, dass man aus der Not eine Tugend machen kann, und Reid Anderson, Intendant des Stuttgarter Balletts, ist bei allem Traditionsbewusstsein so innovativ, dass er den Weggang eines seiner Haus-Choreografen ohne Schwierigkeiten verschmerzen kann.“

Auf Platz zwei in dieser Kategorie: Die Münchner Kammerspiele unter der Intendanz von Johan Simons, „da innerhalb einer reichen Auswahl an Stücken, Veranstaltungen und Programmen … nahezu alle Ausdrucksfacetten des Theater-Spiels, bisweilen sogar in spartenübergreifenden Inszenierungsansätzen, immer wieder aufs Neue für Besuchs- und Wiedersehenslust, Überraschungen, Diskussionsstoff und Entdeckungen sorgen. In diesem kleinen Haus rumort es kräftig – fürs Publikum und gegen eingefahrenes Schubladendenken“ – so unsere Autorin Vesna Mlakar. Und Manfred Jahnke ergänzt: „Spielplandramaturgie, Ensemblepflege und Publikumskommunikation spielen sich dabei immer mehr als eine Einheit ein.“ Das Ergebnis: Vier Stimmen unter Gesamtleistung, drei unter Schauspiel und eine unter Ausstattung.

Auf Platz drei steht mit vier Stimmen unter Gesamtleistung das Staatstheater Karlsruhe. Wir zitieren Elisabeth Maier: „Der Neustart von Peter Spuhler und seinem Team ist nicht zuletzt deshalb gelungen, weil der neue Intendant von der hervorragenden Ensemblearbeit seiner Vorgänger Achim Thorwald und des Schauspieldirektors Knut Weber profitiert. Gerade im Schauspiel haben die bekannten Gesichter dem Publikum den Neustart leicht gemacht. Ballettdirektorin Birgit Keil führt ihre erfolgreiche Arbeit weiter. Dass der neue Intendant eine Kinder- und Jugendtheatersparte (auf Kosten des Schauspiels) etabliert hat, öffnet das zuvor sehr opernlastige Haus einem breiten Publikum. Mit einem Projekt der postdramatischen Dokumentartheatermacher Rimini Protokoll, ,100 Prozent Karlsruhe‘, ebnen Spuhler und Schauspieldirektor Jan Linders den Weg für ein ,Volkstheater‘. Das setzen sie unter anderem mit Spielplan-Konferenzen des Publikums und mit theaterpädagogisch betreuten Laiengruppen um. Dieser erweiterte Kulturbegriff erschließt weitere Publikumsschichten. Mit einer neu etablierten Studio-Bühne schaffen sie einen Raum für neue Dramatik, der sich kontinuierlich beim Publikum durchsetzt. Konsequent praktiziert die Bühne europäische Zusammenarbeit mit den französischen Nachbarn.“

Weitere mehrfach genannte Bühnen in dieser Kategorie: Das Thalia Theater Hamburg (dreimal für die Gesamtleistung, fünfmal für Schauspiel, einmal für Ausstattung). Barbara Behrendt: „Starke Regisseure und ein Spitzenensemble. Allein schon wegen der zwei hoch couragierten Marathon-Inszenierungen ,Faust I + II‘ und ,Immer noch Sturm‘ eine herausragende Spielzeit am Thalia.“ Zumindest einmal allerdings hat sie sich aber auch geärgert über das Thalia, ebenso wie Michael Laages, und zwar über „die Schnaps­idee“, so Laages, „sich per Internet den halben neuen Spielplan vom ,Publikum‘ vorsortieren zu lassen; die Entscheidung über ein künstlerisches Theater-Profil ist keine Frage von Mehrheiten, zumal solchen, die nicht viel wert sind, da sie (wie im Hamburger Fall) umstandslos steuerbar sind.“ Das Schauspiel Frankfurt erreichte acht Nennungen in drei verschiedenen Kategorien, und die Oper Frankfurt, Spitzenreiter mehrerer früherer Umfragen, immerhin noch fünf.

Provinz: Theater Freiburg

Wir haben zu dieser Kategorie in der Einleitung schon einiges vorweggenommen, allerdings noch nicht den klaren Sieger mit vier Stimmen in dieser Kategorie und je einer unter Oper und Ausstattung. Das Theater Freiburg steht geradezu beispielhaft und als Vorreiter für die eingangs erläuterten Entwicklungen. Georg Rudiger: „Das Stadttheater Freiburg definiert das Prinzip Stadttheater neu. In welcher Zukunft wollen wir leben?, fragt Intendantin Barbara Mundel seit ihrem Dienstantritt 2006 – und bearbeitet in dem Drei-Sparten-Haus ganz aktuelle Fragen. Da kann auch mal eine Klimakonferenz auf der Bühne nachgespielt werden. Im Stadtteil Haslach wurde in dieser Spielzeit mit dem Finkenschlag eine stillgelegte Kneipe als Außenspielstätte wiederbelebt und direkter Kontakt mit den Bewohnern des multikulturellen Stadtteils gesucht. Dass mit zwei großen, ausverkauften ,Ring‘-Zyklen auch traditionelles Musiktheater auf höchstem Niveau in Freiburg zu erleben ist, zeigt die enorme Bandbreite des Stadttheaters.“

Mit drei Nennungen unter Provinz oder Off haben sich zwei weitere kleine Häuser die Aufmerksamkeit in dieser Umfrage gesichert: das Theater Hagen, „weil es mit viel Engagement geschafft hat, sich erneut als Vier-Sparten-Haus zu behaupten, und das in einer Stadt, die es Kulturschaffenden (finanzpolitisch / gesellschaftlich) nicht leicht macht“ (Isabell Steinböck). Und das Theater Konstanz dank seiner „mutigen Spielplandramaturgie mit klaren Schwerpunkten (diese Spielzeit: Afrika), mutigen Handschriften von Regisseuren wie Mario Portmann, sowie eine offensive Publikumskommunikation in die Stadt und in die Region hin­ein“ (Manfred Jahnke).

Das Schauspielhaus Chemnitz vereint fünf Stimmen in fünf Kategorien auf sich – Michael Chlebusch schreibt: „Das Haus hat mit seiner Verbindung von Bühnen- und Rahmenprogramm ein überzeugendes Gesamtkonzept geboten. Vor allem die Gewinnung von Nachwuchspublikum wird hier engagiert angegangen. Mit der Eröffnung der neuen Spielstätte Ostflügel für junge Stücke und Regisseure, dem Einzug des Figurentheaters in das Haus und der Nachtschicht-Show- und Veranstaltungsreihe ist ein vielschichtiges Programm geboten, dass lückenlos alle Altersgruppen im Haus hält.“ Mit vier Stimmen in drei Kategorien dabei: das Theater Heidelberg. Volker Oesterreich: „Holger Schultzes neuem Team ist es gelungen, in der sanierungsbedingten Übergangsphase mit einer überzeugenden Ensemblearbeit neue Publikumsschichten zu gewinnen. Beeindruckend vor allem das neue Schauspiel-Ensemble mit einer differenzierten Altersstruktur und dem Talent zum fein nuancierten Spiel.“ Und Frieder Reininghaus lobt in der Oper den „Mix aus Produktionen wie dem von Irene Dische und Elfriede Jelinek zu Schubert-Musik getexteten Schneider-Schwerte-Singspiel ,Der tausendjährige Posten‘, der Uraufführung ,Las Cartas del Frida‘ (Marcela Rodríguez) oder zirkuszeltmäßig aufbereiteten Klassikern wie ,Ariadne auf Naxos‘ (Cornelius Meister, Lorenzo Fioroni).

Noch ein Blick auf zwei Häuser im Osten des Landes: „Die Neue Bühne Senftenberg versteht es seit Jahren, für ein kleinstädtisch-ländliches Publikum ein anspruchsvolles Programm zu machen. Sie beschäftigt sich mit den Problemen und Erfahrungen ihres Publikums, ohne dieses mit Einverständnistheater zu bedienen. Dabei arbeiten an der Neuen Bühne alle seit Jahren am Rande der kräftemäßigen Überforderung, und dennoch gelingt hier lebendiges Theater, das schauspielerisch, thea­tralisch und dramaturgisch überzeugt. Die Neue Bühne Senftenberg ist ein Beispiel dafür, wie ein Theater für eine Region als identitätsstiftendes Kulturzentrum auch heute noch wichtig sein kann: Indem es gutes Theater macht“ (Hartmut Krug). Und Michael Laages schaut auf das Neue Theater Halle: „Das Team um den neuen NT-Intendanten Matthias Brenner hat die Herausforderung des Wiederbeginns offensiv lokal angenommen – und mittlerweile steigt die Wahrnehmung auch darüber hinaus. Carsten Brandaus ,Fabelhafte Familie Baader‘, in Halle uraufgeführt, wurde eingeladen nach Berlin zu den Autorentheatertagen, Leipzigs Ex-Intendant Wolfgang Engel bescherte Halle zum Saisonfinale einen sehr stimmigen ,Othello‘ (und zwar jenseits der leidigen Blackfacing-Debatte, die daraufhin losbrach!), Jo Fabian kam nach Halle, und Brenners eigenes Team kämpft mit Energie und Erfolg um den Theaterstandort Halle.“

Off: Wolfgang Borchert Theater, Metropoltheater München

Dies ist und bleibt die Kategorie der knappen Voten – aus nahe liegenden Gründen, denn hier ist die Vielfalt besonders groß und die regionale Reichweite auch ambitionierter Theatermacher oft nur gering. Deshalb ist es bemerkenswert, dass hier ein Privattheater zwei Stimmen auf sich ziehen konnte: das Wolfgang-Borchert-Theater Münster, dem Marieluise Jeitschko attestiert: „Intendant Meinhard Zanger und seine kleine Truppe gucken mit ansteckender Leidenschaft über den Tellerrand, dampfen große Klassiker – ob von Shakespeare oder Lessing – zum passgenauen Kleinformat für die Kammerbühne ein oder wandern einfach aus – z.?B. für einen traumhaft gelungenen ,Sommernachtstraum‘ in den stillgelegten Gasometer der Stadt.“ Ein Dauergast im oberen Feld dieser Kategorie ist das Metropoltheater München, über das Anne Fritsch nur staunen kann. „Der ist schon ein Phänomen, dieser Jochen Schölch! Da ist sein Metropoltheater gerade ein bisschen in der Aufmerksamkeit zur Seite gerutscht ob der vielen Premieren, die die großen Häuser herausbringen, und dann zaubert er plötzlich so einen kleinen Abend wie ,Unser Kandidat‘ mit seinen Schauspielstudenten hervor, der leicht und charmant die ganz großen Fragen nach Glück und Sinn aufreißt und manch hoch subventionierte Produktion alt aussehen lässt.“

Rechnerisch, wenn auch in verschiedenen Kategorien genannt, landet das Theaterhaus Stuttgart in dieser Kategorie ganz oben. Es ist dreimal genannt; zudem wird der an dieser kreativen Spielstätte residierende Choreograf und Leiter der Theaterhaus Company Gauthier Dance Eric Gauthier (siehe weiter unten, unter „Tanz“ und das Porträt in DDB 3/2012) noch zweimal genannt.

Auch hier noch zwei Einzelvoten mit interessanten Begründungen: Hartmut Regitz hat es das Berliner Theater unterm Dach angetan; „Pankow ist pleite, und der Bezirk will deshalb seine Kultureinrichtungen aufgeben – darunter das Theater unterm Dach, einst ein Domizil von Jo Fabian. Liesel Dechant lässt sich, der Solidarität anderer Bühnen sicher, deshalb nicht entmutigen und ermuntert dennoch Anja Schneider zu ihrer ersten Regie-Arbeit: ,Nachtgeschwister‘, das Psychogramm einer literarisch-erotischen Obsession.“ Und Susann Winkel macht uns auf die Soziokultur-Initiative Schwarzwurzel e.V. im thüringischen Steinach aufmerksam: „Im Sommer 2011 gestalteten Regisseure aus Berlin mit den Bewohnern Steinachs und der Umgebung ein Stationen-Theater im gesamten, stark von Abwanderung betroffenen Ort. Seine zentralen Themen: Der Wegzug, der Mief der Provinz, der Leerstand und die Sehnsucht nach der Heimat. Zu sehen gab es unter anderem ein Fußballspiel mit dem sinnträchtigen Titel ,Steinach gegen den Rest der Welt‘.“

Schauspiel: Michael Thalheimer

Kein klares Ergebnis – das ist ungewöhnlich in dieser Kategorie! Zwar steht Michael Thalheimer hier mit drei Nennungen an der Spitze, aber da hatten wir schon deutlichere Ergebnisse – Stefan Michalzik schreibt bündig: „Michael Thalheimers Theaterästhetik wirkt so klar und einfach wie kühn – und packend!“ Bemerkenswert auch, dass hier eine Produktion Aufmerksamkeit erregt, die unsere Autoren als Gesamtkunstwerk aus Regie und Ausstattung wahrnehmen: Die Inszenierung von Ibsens „John Gabriel Borkmann“, die Vegard Vinge, Ida Müller und Trond Reinholdtsen (Regie) sowie Vegard Vinge und Ida Müller (Bühne) am Prater der Berliner Volksbühne herausgebracht haben – mehr dazu unter Ausstattung.

Daneben ist dies die Kategorie der Doppelvoten mit starken Begründungen. Für Luk Perceval „mit seiner reduktionistischen, buddhistisch motivierten Konzentration auf den Menschen im Hamburger ,Kirschgarten‘ und im ,Macbeth‘ bei der Ruhrtriennale. Konsequent geht da einer seinen schon recht langen Weg radikal weiter, macht brennend intensives Theater unter fast völliger Umgehung von Oberflächenreizen jeglicher Art“ (Andreas Falentin). Oder für Nicolas Stemann: „Die drei Stunden ,Faust I‘ mit Philipp Hochmair, Sebastian Rudolph und Patrycia Ziolkowska gehören zum Intelligentesten und Unterhaltsamsten, das ich seit Längerem erlebte. Und im Anschluss dreieinhalb Stunden ,Faust-II‘-Revue, vollgestopft mit gängigen, verrückten oder total überrumpelnden Überraschungseiern von Goethe & Stemann. Eine modellhafte Verquickung von klassischem Einfühlungstheater und postmoderner Verfremdung“ (Reinhard Wengierek). Und schließlich für Milo Rau „mit ,Hate Radio‘. Anders als beim Theater der Experten des Alltags oder anderen dokumentarischen Theaterformen gibt es bei Milo Rau keinen Originalitätsdrang, und während viele Regisseure (wie Castorf) ihre Inszenierungen mit plakativen Thesen und Reizwort-Zitaten aufzupeppen suchen, zeigt Milo Rau ein rekonstruierendes Theater der ernsthaften Recherche. Diesem ,normalen‘ Theater … ist mit ,Hate Radio‘ erneut eine Inszenierung gelungen, die Ereignisse analytisch dokumentiert, indem sie diese ohne Scheu vor Emotionalität lebendig nachspielt und zugleich kommentiert“ (Hartmut Krug).

Bemerkenswert sind aber auch noch die vier Voten in drei Kategorien für Martin Kus?ej am Bayerischen Staatsschauspiel. Dazu Klaus Kalchschmidt: „Ein Aufbruch in neue Welten mit einem gigantischen Premierenreigen, in dem selbst das im besten Sinne Fragwürdige – Bieitos ,Kirschgarten‘ oder Thalheimers ,Sommernachtstraum‘ – eine entschiedene, aufregende Sprache spricht.“ Und schließlich noch Stefan Keims lesenswertes Einzelvotum für „Kay Voges und sein unglaublich engagiertes Ensemble am Schauspiel des Theaters Dortmund (siehe auch Seite 44). Sie haben fast während der gesamten Saison neue Wege in der Verbindung von Film und Schauspiel gefunden. Trashfilmikone Jörg Buttgereit hat mit seinen Livehörspielen in einem Kinosaal nicht nur einen der lustigsten und ungewöhnlichsten Abende der Spielzeit geschaffen, sondern auch eine ganz eigene Form. Voges hat mit seinem Ibsen-Double ,Nora‘ und ,Gespenster‘ sowie ,Der Meister und Margarita‘ große Inszenierungen abgeliefert. Mit Marcus Lobbes und Martin Laberenz arbeiten junge Regisseure mit extremen Handschriften am Haus, dazu kommen genau gedachte und spielerisch hochwertige Stadtinterventionen.“

Oper: Jossi Wieler, Andrea Moses, Stefan Herheim

Hier überschneidet sich im Falle der Oper Stuttgart die Auswertung stark mit der Kategorie Gesamtleistung, selbst die Begründungen unserer Autoren beziehen sich meist sowohl auf Jossi Wieler als Regisseur wie auch aufs Haus. Wir zitieren Tobias Gerosas Votum für „das Konzept der Oper Stuttgart unter der Leitung Jossi Wielers: Der Intendant inszeniert regelmäßig nur noch hier, wenige Gäste, viel Ensemble und nach bisherigem Eindruck eine beeindruckende Genauigkeit!“ Und Reinhard Wengiereks Begründung zu Andrea Moses: „Moses bringt große Werke aus dem klassischen Repertoire (Strauss, Wagner, Puccini, Berlioz, Mussorgskij) in packende Übersetzungen, in die wiederum frappierend geschickt gegenwärtige Erfahrungen verwoben sind. Dabei sind obendrein so kühn wie sensibel und vor allem überzeugend ,postdramatische‘ Verfremdungen ins Spiel verstrickt.“

Auch Stefan Herheim konnte drei Stimmen auf sich vereinen, dazu Wolfgang Behrens über Herheims „Xerxes“ an der Komischen Oper Berlin: „Mit handwerklicher Brillanz und viel Ironie wird hier die Barockoper dekonstruiert, ohne sie zu verraten. Herheim tappt nicht in die Psychologisierungsfalle, sondern führt auf intelligente und geradezu hedonistische Weise das System der barocken Affekte vor.“

Tanz: Martin Schläpfer, Eric Gauthier, Christian Spuck, Alain Platel

Hier liegt wieder einmal Martin Schläpfer mit drei Stimmen vorn – Melanie Suchy schreibt: „Nach wie vor: Martin Schläpfer mit dem Ballett am Rhein Düsseldorf-Duisburg, der unnachgiebig Qualität einfordert und Schritt für Schritt einen Weg verfolgt, der beim Gehen entsteht, nicht beim Anlehnen. Er stellt großartige Dreierprogramme namens ,b‘ zusammen und choreografiert dem Publikum die Augen auf.“ Auch Eric Gauthier, Compagniechef am Theaterhaus Stuttgart, ist dreimal genannt, davon einmal im Bereich Off-Theater. Je zwei Stimmen bekommen Alain Platel und Christian Spuck, Hauschoreograf in Stuttgart und ab Herbst Ballettdirektor in Zürich. Elisabeth Feller: „Spuck zeigte in seiner letzten Stuttgarter Arbeit, ,Das Fräulein von S.‘, dass er aus einer komplizierten Vorlage (E.T.A. Hoffmanns Novelle) Teil­aspekte herausgreifen und eine Geschichte erzählen kann, die in der Art ihrer verrätselten Darstellung das literarische Original auf neue, ungewohnte Weise erleben lässt. Spuck vertraut auf die Vorstellungskraft des Publikums: Dieses soll Situationen suchen und anhand der abstrakten Bewegungen herausfinden, wo die Geschichte stattfindet.“

Ausstattung: Vegard Vinge?/ Ida Müller

Abgesehen von den vier Voten für Vegard Vinge/Ida Müller (plus zwei Schauspiel) ergibt die Auszählung zwar eine Menge Einzelnennungen, aber kein klares Ranking. Wir zitieren Wolfgang Behrens zu dieser nicht nur außergewöhnlich langen Veranstaltutung: „Seit dem Tod Einar Schleefs hat es nicht mehr einen solchen Furor auf deutschsprachigen Bühnen gegeben. Oszillierend zwischen Formbewusstsein und Maßlosigkeit, aufschließender Ibsen-Interpretation und megalomanischem Exzess, penetrantem Ärgernis und soghaftem Gesamtkunstwerk ist Vinge/Müllers ,Borkman‘ eigentlich nicht das Theaterereignis des Jahres, sondern das der letzten zehn Jahre.“ Und Hartmut Krug zur Ausstattung: „Eine Bühne, die Puppentheater, Avatar-Landschaft, Comic-Welt auf mehreren Wahrnehmungs- und Darstellungsebenen ansiedelt, wobei Video nicht wie so oft als Hilfsmittel wirkt, sondern eine vollständig integrierte Theaterform unter mehreren ist.“

Enttäuschung: Stuttgarter Sanierungs-Trauerspiel

Nein, nicht der „Kulturinfarkt“: Vielmehr ist auch in dieser Kategorie die baden-württembergische Landeshauptstadt ganz vorne dabei; die meisten der Autoren sind schockiert von dem Mix aus Pfusch und mangelnder Aufsicht, an dem die Sanierung des Schauspielhauses Stuttgart gescheitert ist. Elisabeth Maier schreibt: „Die bittere Schadensbilanz: Die Drehbühne rattert und muss teilweise von Hand betrieben werden, im Zuschauerraum stehen unbequeme Plastikstühle. Eine weitere monatelange Schließung ist unvermeidbar. Der designierte Weimarer Intendant Hasko Weber muss in seiner letzten Spielzeit monatelang auf der Probebühne der Oper in der Nebenspielstätte Nord spielen. … 24 Millionen Euro Steuergelder sind in den Sand gesetzt, die Nachbesserungen für mindestens 5,5 Millionen Euro gehen wohl auch noch auf Kosten der Steuerzahler. … Da haben Stadt und Land eine miserable Figur gemacht, denn man fragt sich: Weshalb haben die Kontrollmechanismen allesamt versagt?“

Bemerkenswert ist diesmal aber auch, dass neben dem immer wieder und aus nachvollziehbaren Gründen angeprangerten kulturpolitischen Versagen auch künstlerische Fehlleistungen den Unmut der Autoren erregen. Jörn Florian Fuchs etwa ärgert sich über „die läppischen Wagner-Ringe in Frankfurt (Vera Nemirova), München (Andreas Kriegenburg) oder Berlin (Guy Cassiers)“. Andreas Falentin missfällt „die schrecklich konventionelle Staats­opernarbeit in den großen Städten, vor allem in München und Hamburg“. Wolf-Dieter Peter rügt „angesichts des künstlerischen Niveauverlustes die eitle Selbstgefälligkeit der Münchner Staatsopernintendanz“. Und Joachim Lange findet, dass „die Oper Leipzig seit Jahren mehr mit Personalien als mit einem durchgängig überzeugenden Programm aufwartet.“ Auch die Kölner Kulturpolitik enttäuscht unsere Autoren, und zwar nicht nur die Soap Opera, die die Stadt mit ihrem Opernintendanten Uwe Eric Laufenberg veranstaltet, sondern auch, dass den Kölner Bühnen „klammheimlich ein Drittel ihres Tanzetats gestrichen wird, und alle Welt schaut nur auf das Theater mit der Oper“ (Melanie Suchy).

Zum Schluss, auch als Mahnung an uns selbst, zitieren wir noch einmal Elisabeth Feller: „Man kann es nicht genug wiederholen: Das Fehlen einer Debattenkultur in den Feuilletons und der diesbezüglich immer weniger werdende Platz. Vertiefte, längerfristige Auseinandersetzungen werden so verunmöglicht (Tenor: Das liest heute keiner mehr!). Insbesondere für regionale Bühnen ist eine kritische, langfristige Begleitung unverzichtbar. Doch Rezensionen werden immer mehr zugunsten von Vorschauen geopfert. Und falls es Kritiken doch gibt, müssen sie auf eine ,kompatible‘ Länge gestutzt werden. Tenor: Lange Texte sind dem Publikum heute nicht mehr zuzumuten. Wirklich nicht?“ So weit die mehr oder weniger knappe Zusammenfassung der Saisonbilanz unserer Autoren.

Über den Autor

Detlef Brandenburg ist Chefredakteur der Deutschen Bühne.

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