Wir lesen im Kaffeesatz: Was bringt die neue Spielzeit in Schauspiel, Musik- und Tanztheater? Wo gehen neue Teams an den Start und welche jungen Talente gilt es zu entdecken? Wir werfen prognostische Blicke.
Wir reden hier jetzt mal nicht von „jungen Regisseuren“. Denn erstens stellt sich unter dem Klischee „jung“ sowieso jeder etwas anderes vor. Und zweitens waren in den letzten Jahren manche medialen Entdecker neuster Talente derart eifrig, dass kein Hochschulanfänger mehr sicher vor ihnen war. Die hier mit Blick auf einige ihrer Produktionen der kommenden Saison vorgestellten Regisseure haben zwar alle die gesetzte 40 noch nicht erreicht. Doch sie können bereits auf belastbare Inszenierungs-Erfahrungen, einige auch an großen Häusern, zurückblicken. Sie sind keine Stars, widersetzen sich aber erkennbar den Inszenierungsroutinen des „Repertoirebetriebes“. Dieser Überblick erhebt weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf die Behauptung eines „Stils“. Er will aber an einigen bemerkenswerten Beispielen eine Haltung dingfest machen, die Hoffnung macht: Man könnte sie als unkonventionelle Ernsthaftigkeit beschreiben, ein Arbeiten aus genauem Hinschauen, präzisem Nachdenken und vitaler Bühnenenergie. Gerade aus dieser Genauigkeit heraus können eigenwillige Arbeiten entstehen, die Aufmerksamkeit erregen – und diese auch verdienen.
In der vergangenen Saison wurden wir zum Thema „Junge interessante Regisseure“ vor allem in Heidelberg fündig (vergl. DDB 6/2011). Dort hatten Intendant Peter Spuhler und sein Operndirektor Joscha Schaback den Beweis angetreten, dass junges unkonventionelles Musiktheater auch am Stadttheater eine Heimat hat. Und das Schöne ist, dass das jetzt, mit dem Weggang von Spuhler, nicht etwa zu Ende ist, sondern dass sein Nachfolger Holger Schultze und dessen Opernchef Heribert Germeshausen genau da weitermachen. Mit Lydia Steier (*1978) zum Beispiel, die zum Heidelberger Opernsaisonstart am 1. Oktober Verdis „Aida“ in Szene setzt. Steier stammt aus Hartford, Connecticut (USA) und kam 2002 als Fulbright-Stipendiatin nach Berlin. Ihre Inszenierung von Ionescos „The Lesson“ wurde 2005 mit dem HAU 100 Regiepreis für Freies Theater in Berlin ausgezeichnet, an der Staatsoper Stuttgart arbeitete sie als Choreografin an Calixto Bieitos „ Holländer“ und an „La Juive“ von Jossi Wieler und Sergio Morabito mit. In der vergangenen Saison zeigte sie in Bremen eine „Madama Butterfly“, in der Puccinis zarte Geisha zur gestandenen US-Nachtclub-Diva und deren kleiner Sohn zur ansehnlichen Teenager-Tochter mutierten– beide gingen am Ende weniger an Pinkertons Herzlosigkeit zugrunde als vielmehr an den fiesen Machenschaften des Unterwelt-Tycoons Yamadori. Eine zweifellos gewöhnungsbedürftige, gleichwohl äußerst bildstark umgesetzte Lesart. In 2011/12 inszeniert Lydia Steier auch Mozarts „La finta giardiniera (10. November, Bayerische Theaterakademie) und Leos? Janác?eks „Kátja Kabanová“ (10. März, Staatstheater Oldenburg).
Apropos Oldenburg: noch eines der Theater, bei dem ein Blick aufs Opernprogramm immer lohnt. Hier treffen wir Alexander Fahima (*1980) wieder, der in der letzten Saison in Heidelberg einen klug dekonstruierten „Otello“ gezeigt hatte und nun Ulrich Kreppeins „Die Versuchung des heiligen Antonius“ realisiert – gemeinsam mit einem ganzen Team von jungen Stipendiaten der Akademie Musiktheater heute, die von der Deutsche Bank Stiftung finanziert wird. Premiere in Oldenburg ist am 8. Mai. Und wir treffen dort auch Lorenzo Fioroni (*1972), der am 22. Januar Puccinis „La Bohème“ herausbringt. Er ist vielleicht der Erfahrenste der hier vorgestellten Regisseure: geboren in Locarno, ausgebildeter Cellist, studierte dann Opernregie an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater Hamburg und arbeitete u.a. mit Ruth Berghaus und Götz Friedrich. Seit 2000 macht er eigene Regiearbeiten in Oper und Schauspiel: in Münster, Osnabrück, Kassel oder an der Deutschen Oper Berlin, und er deckt eine enorme Spannweite von Puccini bis Wagner, Donizetti bis Poulenc ab. Er ist ein Regisseur mit der Intelligenz für eigenwillige Konzepte und dem Sinn für starke Bilder. Am Stadttheater Augsburg wird er am 22. Oktober Bizets „Carmen“ inszenieren. Da er auch zu den Regisseuren zählt, mit denen Tatjana Gürbaca, die neue Operndirektorin am Staatstheater Mainz (vergl. Interview in DDB 6/2011), eine feste Zusammenarbeit anstrebt, bringt er dort am 17. März Ligetis „Grand macabre“ heraus. Und am 20. Mai hat seine Inszenierung von Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ Premiere – in Heidelberg, wo sonst?
Es gibt noch mehr Gründe, dorthin zurückkehren: Nadja Loschky (*1983) zum Beispiel, die 2009 mit Monteverdis „Poppea“ ihre praktische Diplomprüfung abgelegt hat und in Osnabrück (wo der künftige Heidelberger Intendant Holger Schultze bislang wirkte) mehrere unkonventionelle Opernprojekte herausgebracht hat. In der vergangenen Saison hat sie mit einer bildstarken, symbolisch aufgeladenen „La traviata“ das Osnabrücker Publikum begeistert. Und in Kassel (wo übrigens auch Fioroni einige seiner besten Inszenierungen gemacht hat) hat sie einen geistreich-spielerischen Gounod-„Faust“ inszeniert. In der kommenden Saison inszeniert sie in Heidelberg Bizets „Carmen“ (Premiere: 29.1.) und in Kassel Benjamin Brittens Shakespeare-Oper „A Midsummer Night’s Dream“ (2.6.). Und am 30. Oktober bringt sie am Kinder- und Jugendtheater der Komischen Oper Berlin Christian Josts „Mikropolis“ auf die Bühne. Alle hier vorgestellten Regisseure zeichnet aus, dass sich der Respekt vor den jeweils inszenierten Werken bei ihnen nicht etwa in bequemer Oberflächenpflege ausdrückt, sondern in einer intensiven Befragung. Das kann gerade bei altgewohnten Repertoirestücken spannend sein, weil hier die neue Lesart in Konflikt zur vertrauten Inszenierungstradition tritt – sei es im Sinne einer neuen Form von Werkgerechtigkeit, sei es im Sinn einer produktiven Irritation. Ersteres trifft oft auf die Arbeiten der in Hannover geborenen Elisabeth Stöppler (*1977) zu, die mit ihrer szenisch und interpretatorisch starken Handschrift Aufmerksamkeit erregt hat: Glucks „Orphée“, Verdis „Traviata“ und Massenets „Werther“ in Oldenburg, ein eindrucksvoller „Peter Grimes“ am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen, in der vergangenen Saison aber auch das unkonventionelle Projekt „Neunzehnhundert– ein ewiges Lied“ an der Oper Frankfurt zu Musik von Zemlinsky, Schönberg und Mahler (vergl. DDB 3/2011). In 2011/12 begegnet sie uns an der Dresdner Semperoper wieder, wo am 30. September ihre Inszenierung von Verdis „Un ballo in maschera“ Premiere hat, sowie am Staatstheater Nürnberg (Gioacchino Rossinis „Guillaume Tell“ am 3. März) und erneut am Musiktheater im Revier (Antonín Dvor?áks „Rusalka“ am 29. April).
Auch Benedikt von Peter (*1977) hat sich oft mit Repertoire-Opern auseinandergesetzt: „Eugen Onegin“ in Heidelberg, „Fidelio“ an der Komischen Oper Berlin, Verdis „I masnadieri“ an der Oper Frankfurt, Poulencs „Les Dialogues des Carmélites“ am Theater Basel. Zudem ist er ein Regisseur mit ausgeprägtem Interesse für Zeitgenössisches. An der Hamburgischen Staatsoper erarbeitete er Alexander Munos „D’un carnet d’un damné“ sowie Peter Eötvös’ „Angels in America“, 2006 eröffnete er die Spielzeit am Theater Heidelberg mit „Chief Joseph“ von Hans Zender. Und mit Luigi Nonos „Intolleranza 1960“ riss er die Zuschauer in der vergangenen Saison an der Staatsoper Hannover mitten hinein ins Bühnengeschehen und machte aus Nonos Anklage von Not, Vertreibung und Ausbeutung ein buchstäblich hautnahes Musik- und Aktionserlebnis (vergl. DDB 11/2010)– eine der stärksten Inszenierungen der vergangenen Saison! Was er am 17. September in Hannover aus Verdis „La traviata“ macht, dürfte, ob irritierend oder nicht, ebenso sehenswert sein wie seine „Lohengrin“ Premiere am 1. April am Staatstheater Karlsruhe.
Drei weitere Regisseure mit ausgeprägtem Interesse am Zeitgenössischen: Jörg Behr (*1972) hat in der vergangenen Saison am Theater Bonn Georg Graewes Kammeroper „Barbara Strozzi“ auf höchst eigenwillige Weise zum Bühnenleben verholfen (vergl. DDB 6/2011). Schon sein Studium hatte er 1997 mit der Inszenierung von Mozarts „Zaide“ in der Fassung von Luciano Berio abgeschlossen, er war wie Alexander Fahima Stipendiat der Stiftung Musiktheater heute, des Forums Neues Musiktheater Stuttgart und der Akademie Schloss Solitude. Er inszenierte u. a. am Theater Freiburg „Hyperion“ von Bruno Maderna und „Arianna“ von Benedetto Marcello, am Theater Krefeld/Mönchengladbach „Die Geschichte vom Soldaten“, an der Kleinen Szene der Semperoper Dresden die Uraufführung „Quicksilver“ von Georg Graewe, die Schweizer Erstaufführung der „Drei Wasserspiele“ von Detlev Glanert in Zürich sowie Poulencs „Dialogues des Carmélites“ am Staatstheater Oldenburg. In der kommenden Saison ist im Frühjahr am Theater Augsburg seine Inszenierung von Hans Werner Henzes „Boulevard Solitude“ geplant.
Ein Faible für Sperriges und Zeitgenössisches hat auch Michael von zur Mühlen (*1979) – auch wenn er die größte Aufmerksamkeit mit dem zweifelhaften Skandal um seine Inszenierung von Wagners „Holländer“ an der Oper Leipzig erreicht hat. Dabei ist auch er gar kein wilder Provokateur, eher einer, der genau nachdenkt und dabei konsequent ist. Auch er war Stipendiat am Forum Neues Musiktheater der Staatsoper Stuttgart und erarbeitete dort eine szenische Fassung von „Vanitas“ mit Musik von Salvatore Sciarrino sowie die Uraufführung von Lucia Ronchettis „Last Desire“. Mit der Uraufführung von „Der Sonne entgegen“ am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen setzte er die Arbeit mit Ronchetti fort. Weitere Inszenierungen waren u. a. „Der Fall des Hauses Usher“ an der Neuköllner Oper, das Opern-Pasticcio „Wachsfigurenkabinett“ an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin sowie „La Bohème“ und Giuseppe Porsiles „Spartakus“ in Heidelberg. An der Oper Bonn inszeniert er am 29. Oktober ein Schumann-Projekt der Komponisten Karola Obermüller, Annette Schlünz, Peter Gilbert, Georg Katzer und Sergej Newski.
Florentine Klepper (*1975) machte 2005 mit ihrer bildstarken Inszenierung von Dieter Schnebels „Majakowskys Tod“ am Münchner Gärtnerplatz auf sich aufmerksam, 2007 folgte Nonos „Intolleranza“. Neben Repertoire-Inszenierungen und Arbeiten im Schauspiel sucht auch sie immer wieder die Herausforderungen des Zeitgenössischen und der Projekte – so auch am 12. Mai bei der Münchener Biennale und danach am 16. Juni an der Oper Frankfurt, wenn sie die von beiden Institutionen koproduzierte Oper „Wasser“ aus der Taufe hebt: ein Werk des Heidelberger Komponisten Arnulf Hermann und des Münchener Lyrikers Nico Bleutge, das sich mit dem Orpheus-Stoff auseinandersetzt. Und am 29. März bringt Klepper am Schauspiel in Basel ihr Projekt „Utopia – Vom besten Zustand“ nach utopischen Texten von Thomas Morus bis Beatrice Fleischlin heraus.
Zu guter Letzt noch mal zurück zum Repertoire und zu Tobias Kratzer (*1980), der in der vergangenen Saison einen eindrucksvoll eigenwilligen „Rosenkavalier“ am Theater Bremen inszeniert hat: ein Mann für opulente Schauwerte, die meist aber sehr genau auf das Werk bezogen bleiben. Auch sonst hat Kratzer Sinn für Effekte: Beim internationalen Regiewettbewerb ring.award trat er 2008 in Graz unter dem Pseudonym Ginger Holiday und als Erfinder der Künstlerkollektivs ATEF (bestehend aus Kratzer, Ausstatter Rainer Sellmaier und dem Dirigenten Martin Wettges) gegen sich selbst an. Er gewann für seine Inszenierung von Giuseppe Verdis „Rigoletto“ den 1. Preis und erhielt außerdem alle im Rahmen des Wettbewerbs vergebenen Sonderpreise. In der kommenden Saison inszeniert er Brecht/Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ (28.4. an der Oper Leipzig) und Erkki-Sven Tüürs „Wallenberg“ (7.7. am Staatstheater Karlsruhe). Und damit sind wir auch wieder bei Peter Spuhler, der im Sommer dort seine neue Intendanz antritt und hoffentlich so mutig bleibt, wie er in Heidelberg war.
Der Artikel stammt von Detlef Brandenburg, seit Oktober 1996 Chefredakteur der Deutschen Bühne. Er ist vor allem im Musiktheater, aber auch im Schauspiel unterwegs.