Aller Anfang ist leicht, wohnt ihm ja bekanntlich ein Zauber inne. Auch Matthias Faltz, neuer Intendant des Hessischen Landestheaters Marburg, legte im vergangenen Herbst einen viel versprechenden Saisonstart hin. Er schickte Gaukler durch die Universitätsstadt, die in einem bunten, lautstarken Umzug von einer Spielstätte – dem Theater am Schwanhof – zur nächsten – der Stadthalle – tänzelten und einstimmten auf den ersten Paukenschlag der Spielzeit 2010/2011. Faltz ließ kurzerhand die ungemütliche Stadthalle ausräumen, setzte das Publikum auf die Bühne und schaffte so einen fantastischen, leeren Aktionsraum für seinen „Black Rider“, der nun in gespenstischem Nebel seine weiten Bahnen ziehen konnte. „Diesen Überraschungseffekt hat man natürlich nur einmal“, bekennt der Intendant im Gespräch.
Das rabenschwarze Kultmusical von Robert Wilson zu Texten von William S. Burroughs und mit der unverkennbaren, kantigen Musik von Tom Waits entpuppte sich rasch als Renner der Saison. Kein Wunder, gelingen Faltz dank ausgefeilter Lichtregie starke Bilder. Doch darüber hinaus gibt sein junges Ensemble, in das sich die altbewährten Kräfte aus der Ära Dennewitz nahtlos einfügen, auch in puncto Gesang eine beeindruckende Visitenkarte ab – allen voran Oda Zuschneid als Stelzfuß sowie Gergana Muskalla und Sven Mattke als Liebespaar, das zueinander nicht finden darf.
Auffällig umfangreich ist das erste Spielzeitheft der neuen Mannschaft, die im vergangenen Spätsommer zu großen Teilen das Team um Ekkehard Dennewitz ablöste, der 19 Jahre erfolgreich die Landesbühne geleitet hatte. Sieben Schauspieler konnten bleiben, auch die Dramaturgie – teilweise in neuer Funktion – ist übernommen worden. Insgesamt wurde das Ensemble auf 19 festangestellte Mitglieder aufgestockt, bei Bedarf werden Gäste engagiert. Man hat sich allerhand vorgenommen, will die „Vielfalt der Theaterformen“, wie Faltz es nennt, in ihrer ganzen Bandbreite zeigen. Das gelingt natürlich nur teilweise, denn die Vielzahl der Produktionen – auch das Kinder- und Jugendtheater will bedient sein – geht manchmal auf Kosten der Qualität.
Wie knapp die Probenzeit an einem Abstecherbetrieb bemessen sein kann, ist eklatant bei „Effi Briest“ zu sehen – die Romanadaption in der schwachen Regie von Kerstin Weiß sollte eigentlich den stilvollen Fürstensaal des Landgrafenschlosses hoch über Marburg füllen. Faltz weiß um diesen Flop, gesteht auch ein, dass „Der Selbstmörder“ – eine satirische Komödie nach Nikolaj R. Erdmann – beim Publikum „nicht so gut angekommen ist“. Bei dem Projekt „Licht und Träume – Musik im Licht der Dunkelheit“ trennte man sich sogar vom Regisseur, dem Kabarettisten Lars Reichow, und konnte in der Kürze der restlichen Probentage nur noch eine arg abgespeckte Version auf die Bühne der Stadthalle bringen.
Aber das Scheitern gehört zum Handwerk, und Faltz weist zu Recht auf die Erfolge seiner ersten Spielzeit an neuer Wirkungsstätte hin. „Wir haben es geschafft, viel mehr junge Leute durch die Art der Inszenierungen ins Theater zu holen.“ Eine Verjüngungskur also nicht nur fürs Ensemble, sondern auch fürs Publikum, das die neue Frische sichtbar genießt und schätzt, die sich ebenfalls im ansprechend gestylten Foyer des Theaters am Schwanhof widerspiegelt. 400000 Euro haben sich die Geldgeber diesen aufwendigen Umbau kosten lassen, der die Zuschauer nun mit einem kräftig roten Portal und Lounge-Atmosphäre empfängt. Auch sonst kann der Intendant fürs Erste zufrieden sein. Die Finanzen sind mit einem Etat von 3,3 Millionen Euro stabil – 59 Prozent davon trägt das Land Hessen und 41 Prozent die Stadt Marburg. In den ersten fünf Monaten kamen 4500 Besucher mehr, die Zahl der Abonnenten ist leicht gestiegen. Das 16. Hessische Kinder- und Jugendtheaterfestival erweist sich, jetzt unter dem neuen Namen „KUSS – kuck! schau! spiel!“, wiederum in diesem Frühjahr als sichere Bank. Wie schon in den Vorjahren beträgt die Auslastung 99 Prozent, so gut kommen die bundesweit eingeladenen Produktionen unter der eingespielten Festivalleitung von Jürgen Sachs beim Nachwuchs an.
Mit einem allerdings hat der 50-jährige Faltz, der zuvor schon das Junge Staatstheater Wiesbaden leitete, in Marburg nicht gerechnet: „Dass es letztendlich eine Menge Energie verbraucht, um sich immer wieder ins Gespräch zu bringen.“ Das Marburger Publikum sei schwer zu packen, findet er, und dass es eine Menge an attraktiven Freizeitangeboten in der Stadt an der Lahn gäbe. „Auch die Vernetzung mit der Uni dauert länger als gedacht“, meint er. Doch die erste konkrete Zusammenarbeit zeichnet sich nun endlich ab.
Die künstlerische Bandbreite spiegelt sich in den unterschiedlichen Handschriften der Gastregisseure wider. Gerald Gluth-Goldmann lässt „Hamlet“, übrigens der einzige Klassiker im Repertoire, von einer Frau (Annette Müller) spielen. Bei André Rößler agieren die Darsteller in Sartres Stück „Die schmutzigen Hände“ zwischen den Zuschauern. Sie klettern über Sitze, verkriechen sich am Boden oder nehmen brav bis zum nächsten Auftritt auf ihrem Stuhl Platz. Mit dieser Vorstellung ist das Theater Marburg übrigens zur Woche junger Schauspieler an die Akademie nach Bensheim eingeladen und darf sich dort mit Inszenierungen vom Schauspiel Frankfurt und Schauspielhaus Wien messen. Besonders interessant fällt die Zusammenarbeit mit Hans-Jochen Menzel aus, Dozent für Puppenspiel an der Berliner Ernst-Busch-Schule. Für seine ansprechende Interpretation von „Prometheus. Die Titanenschlacht“, einer Mythologiebearbeitung des 1984 verstorbenen DDR-Autors Franz Fühmann, hat er drei Puppenspielerinnen von der Hochschule mitgebracht, die der alten Erdenmutter Gaia äußerst pfiffig Lebendigkeit einhauchen. Frech und kurzweilig ist diese Begegnung von Göttern in Menschengestalt und Puppen mit Eigenleben geraten. Auch Stephan Suschke versteht es, mit „Baal“ einen Glanzpunkt zu setzen. Der langjährige Mitarbeiter von Heiner Müller am Berliner Ensemble hat sich zum Start seiner Reihe mit Brecht-Inszenierungen in Marburg ausgerechnet das schwer spielbare, erste Stück des Dramatikers gewählt – und kann mit seiner puristischen Version voll überzeugen. Suschke rückt die wunderbare Sprache Brechts in den Mittelpunkt. Dafür hat ihm der renommierte Bühnenbildner Momme Röhrbein eine Art Hörspielstudio gebaut, das aber auch – passend zu diesem Roadmovie – an einen Zug erinnert. In der Enge des Abteils eskalieren die Gefühle und wenn Martin Maecker die Texte des saufenden Weiberhelden spricht, dessen Absturz vorprogrammiert ist, dann kriecht er geradezu in sein Mikrofon. Nach diesem gelungenen Auftakt darf man gespannt sein auf Suschkes zweite Brecht-Inszenierung, „Der gute Mensch von Sezuan“, die am 9. September die zweite Spielzeit von Faltz einläuten wird.
Doch zuvor will der ideenreiche Theatermacher mit seinem motivierten Team noch einen unvergesslichen Marburger Theatersommer entfachen. Die ganze Stadt soll zur Bühne werden. Fire-Dancer, die spanische Truppe Olé und Studenten der Theaterwissenschaft aus Gießen nehmen die idyllische Flussbühne gegenüber der Mensa in Beschlag. Und der Regie führende Chef selbst hat sich für sein Open-Air-Spektakel den romantischen Marktplatz mit seinen Fachwerkhäusern auserkoren. Für seinen „Don Juan“ –Premiere ist am 17. Juni – hat er erneut das phänomenale Lichtteam des „Black Riders“, René Liebert und Andreas Mihan, gewinnen können. Ein Chor der Bürgerinnen wird auftreten, und selbst der Oberbürgermeister der Stadt, Egon Vaupel, gibt sich als Steinerner Gast die Ehre.