Plötzlich ist es da, in allen Medien und auf allen Festivals, das Ballhaus Naunynstraße. Zwar existiert die Bühne unter ihrer Leiterin Shermin Langhoff als Produktionsort eines sogenannten „postmigrantischen“ Theaters schon seit November 2008 (siehe DDB 3/2009), doch die sich zum Hype auswachsende öffentliche Wahrnehmung des Theaters begann nach Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab.“ Weil mitten in der Debatte um diese Kampfschrift Anfang September 2010 in Duisburg „Verrücktes Blut“ (als Koproduktion mit den Ruhrfestspielen) zur Uraufführung kam. Und das Stück, das zeigt, wie eine Lehrerin ihre Schüler mit Schiller überzeugt, schlug ein wie eine Aufklärungsbombe.
Regisseur Nurkan Erpulat und Dramaturg Jens Hillje haben den Plot eines französischen Films zu einem rasanten Versuch über Projektion und Identität, Wertestrukturen und deutsche „Leitkultur“ weiterentwickelt. Als einer Lehrerin, die hilflos mit ihren aggressiven Schülern kämpft, eine Pistole in die Hände fällt, zwingt sie mit dieser und mit pädagogischem Furor ihre Schüler – allesamt schlichteste Klischees sogenannter Integrationsverweigerer – durch die Beschäftigung mit Theaterszenen von Schiller zur Auseinandersetzung mit eigenen Verhaltensweisen und Überzeugungen. Stück und Inszenierung spielen nicht nur mit den Vorurteilen des Publikums, sondern auch mit denen ihrer Figuren. Dabei werden in immer neuen Wendungen viele Klischees bedient, nur um diese zu zerschlagen. Es ist ein hochintelligentes, sinnliches Diskurstheaterstück, ganz ohne postmoderne oder ironische Meriten oder Mätzchen. Mit intensiven, ja, wahrhaftig oder gar „authentisch“ wirkenden Schauspielern, angeführt von der von schauspielerischer Energie schier berstenden Sesede Terziyan als Lehrerin. „Verrücktes Blut“ ist auf allen Festivals zwischen München und Heidelberg, Mülheim und Bern präsent, schlug die Einladung zum Kinder- und Jugendtheatertreffen in Berlin aus und nahm die zum „großen“ Theatertreffen an, – und ist in Berlin immer ausverkauft.
Die öffentliche Wahrnehmung hätte das Ballhaus Naunynstraße schon länger verdient gehabt. Denn was hier im kleinen 99-Plätze-Haus in Kreuzberg entsteht, ist oftmals großartiges politisches und poetisches Gegenwartstheater. Als 1973 der türkischstämmige Schriftsteller Aras Ören fragte, „Was will Niyazi in der Naunynstraße“, erzählte er in seinem Poem von der Fremdheit und Identitätssuche türkischer Gastarbeiter in Kreuzberg. Zwei Generationen später stehen auf der Bühne des Ballhaus Naunynstraße andere Geschichten im Scheinwerfer: Es geht um Menschen, die (selbst)bewusst in Deutschland leben. In Deutschland schwirren die Begriffe nur so herum, wenn es um den immerhin zwanzig prozentigen Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund geht (darunter 2,5 Millionen mit teils türkischen Wurzeln). Die Gastarbeiter der ersten Jahre wurden erst zu Ausländern, dann zu ausländischen Mitbürgern, schließlich zu Migranten und, so sie in Deutschland geboren waren, zu Menschen mit Migrationshintergrund. Das Profil des Hauses wird mit dem Hilfsbegriff „postmigrantisch“ bezeichnet, weil man inter- und transkulturelle Arbeiten für ein polymigrantisches Publikum zeigt. Hinter diesem Sprachgeklingel verbirgt sich eine große Unsicherheit gegenüber einem einfachen Tatbestand. Gegen diese Unsicherheit setzt das Ballhaus einen vielfältigen Spielplan (mit rund einem Dutzend immer wieder aufgenommenen Inszenierungen), der mit dem alten sozialkulturellen türkischen Betroffenheitstheater der 70er und 80er Jahre nichts mehr zu tun hat. Weder wendet man sich nur nach innen, in die türkische Gemeinde, noch werden hier Integrationsfragen als Problemberichte behandelt. Es geht also nicht um Ehrenmord, Zwangsheirat und Kopftuchzwang, sondern eher um ein selbstverständliches und oft auch erfolgreiches Dasein in Deutschland.
Die 40-jährige Theaterleiterin Shermin Langhoff, die mit neun Jahren aus dem türkischen Bursa nach Nürnberg kam, dort die Türkei Filmtage mitbegründete und ab 2004 etliche interdisziplinäre Theaterfestivals am Berliner HAU kuratierte, hat für das Ballhaus ein Netzwerk von Kulturschaffenden der zweiten und dritten Migrantengeneration zusammen gezogen. Da sich Künstler mit türkisch-migrantischem Hintergrund zuerst in Film und Fernsehen durchsetzten, arbeiten an Shermin Langhoffs Bühne viele Filmregisseure erstmals für das Theater. Während sie im Film schon länger Erfahrungen und Erfolge vorweisen können, haben sich die deutschen Stadttheater lange nicht für sie und ihre Geschichten und Haltungen interessiert. Die aber sind Hauptthema im Ballhaus. In „Klassentreffen – Die 2. Generation“ stehen sechs Experten des Alltags aus der zweiten deutschtürkischen Generation auf der Bühne und erzählen von ihrer Lebenswirklichkeit als erfolgreicher Musikproduzent, Abgeordneter, Taxiunternehmer oder als Polizeikommissarin. Und in „Ferienlager – Die 3. Generation“, spielen uns jugendliche Deutschtürken mit viel körperlichem und musikalischem Elan Geschichten aus ihrem Leben vor, ohne in die Authentizitätsfalle zu geraten. Dieses Theater fungiert zugleich als Identitäts- wie als Informationsmaschine, betont Frau Langhoff. „In Stoffen wie ‚Verrücktes Blut’ und in ‚Ferienlager’, wo wir auch mit jugendlichen Darstellern arbeiten, kommen durchaus auch deren Erfahrungen zu Tage. Das sind traumatische und dramatische Erfahrungen, die jeder andere in ihrem Alter auch haben könnte, jenseits von der Herkunft. Wir zeigen jetzt nicht die Erfolgstürken, das ist nicht unser Konzept. Natürlich interessiert uns das Leben mit all seinen Brüchen, Widersprüchen. Insofern ist es um so schöner, wenn trotzdem am Ende ein Gefühl von neuen, gemeinsamen Räumen geschaffen ist, als eben die Reproduktion und die Bemühung um die immer gleichen Ghettogeschichten vom Rande der Gesellschaft.“
Das Spektrum der Themen und künstlerischen Handschriften ist weit, und man wagt immer wieder Experimente. Nicht alle gehen gut aus, doch das Publikum, darunter mittlerweile viel Kulturbürgertum, ist mit zuweilen ethnographischer Begeisterung mit allen Inszenierungen einverstanden, ohne dass ich bei einer der regelmäßig stattfindenden Publikumsdiskussionen je ein kritisches Wort vernommen hätte. Dabei hätte man sich z.B. zur ungeschickten Inszenierung und zur unpraktischen Bühnensituation von „Schnee“, der an sich klugen Adaption von Orhan Pamuks Roman, durchaus kritische Anmerkungen gewünscht.
Ein Schmuckstück des Spielplans ist das musikalische Schauspiel „Lö Bal Almanya“. Nurkan Erpulat hat es als furiosen, marthaleresken Durchgang durch sechzig Jahre türkischer Gastarbeitereinwanderung gestaltet. Deutsche Volkslieder sind darin nicht nur Kommentare, sondern zugleich Beispiele für kulturelle Aneignung und von Veränderungen. Indem die ersten Gastarbeiter, historisch korrekt, wie beim Pferdekauf auf ihre körperliche Verwendungsfähigkeit geprüft werden. Beim Gesang von „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt“, oder wenn Sesede Terziyan eine furios wütende Parodie auf die Islamkritikerin Necla Kelek auf die Bühne knallt, dann kommen in diesem assoziativ entstandenen Stück mit seinem dokumentarischen Material auch Aggressionen hervor.
Ob in Dokumentationstheater, Roman-Adaption oder Komödie, ob in der Reihe akademie der autodidakten, in der jugendliche Laien sich in unterschiedlichsten Projekten mit Film, Tanz und Theater versuchen können: Immer sucht das Haus interkulturellen Diskursen und Bildern auf den Grund zu gehen. Und in allen Inszenierungen, in denen mit Profis mit und ohne migrantischen Hintergrund, aber auch in denen mit Laien, spielen individuelle Lebenserfahrungen eine entscheidende Rolle. Shermin Langhoff sieht ihr postmigrantisches Spezialitätentheater aber bewusst als eine Übergangsform. „Ich würde mittlerweile sagen, dass vielleicht dieses gemeinsame neue Deutsche nicht nur die Eingliederung des Postmigrantischen braucht in den Stadt- und Staatstheatern, sondern dass es selbst eigentlich das Konzept sein müsste. Eigentlich wäre ich jetzt so vermessen zu sagen: Jedes Theater in Deutschland müsste sich erstmal per se als postmigrantisches verstehen.“