Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann, gibt es nicht nur im Film. Im Büro von Christian Seeler, Intendant des Ohnsorg-Theaters, tauchte eines Tages ein gut gekleideter, smarter Mittdreißiger auf und fragte ohne Umschweife nach dem Gang der Geschäfte. Er stellte sich als Mitarbeiter der alstria office reit AG vor, der neuen Eigentümerin jener Immobilie, zu der auch das Hamburger Volkstheater gehörte. Christian Seeler erinnert sich an das Gespräch vor vier Jahren. „Unumwunden formulierte er die Gretchenfrage: Muss es dieser Standort bleiben?“ Die Intention des Besuchs war klar, der Investor will das Theater als Mieter so bald wie möglich loswerden und den bis 2015 laufenden Vertrag vorzeitig beenden, um die attraktiven Flächen in der Innenstadt einer anderen Nutzung mit deutlich höheren Mieteinnahmen zuzuführen. Das Angebot: Ein neues, schlüsselfertiges Theater in zentraler Lage, mit einem Vertrag von 30 Jahren Laufzeit und einer stabilen Miete, dafür war das Unternehmen bereit, 15 Millionen Euro auszugeben. Bliebe das Theater am alten Standort, würden die Mietkosten nach 2015 um ein Vielfaches steigen. Christian Seeler nahm das Angebot an. Und so erweiterte sich sein Jobprofil in den vergangenen zwei Jahren um Aufgaben wie das Auswählen eines Farbtons für den Schriftzug an der neuen Fassade und Streitgespräche mit dem Architekten über die funktionale Gestaltung der Sitze. Vom genervten Hausplaner musste er sich zuletzt sagen lassen: „Kümmern Sie sich doch um Ihre Kunst!“
In Ausschließlichkeit geht das wieder nach dem 28. August 2011. An diesem Tag wird das neue Ohnsorg-Theater eröffnet, mit Shakespeares „En Sommernachtsdroom“ in der Regie von Michael Bogdanov. Zum ersten Mal inszeniert der Wahlhamburger mit walisischen Wurzeln an der Bühne, die sich der niederdeutschen Sprache verschrieben hat – es gibt eine große Schnittmenge zwischen Englisch und dem norddeutschen Dialekt. Mit „plattdeutsch“ wurde das Ohnsorg-Theater berühmt, dafür steht die Bühne seit über 100 Jahren. 75 Jahre davon spielte das Volkstheater im Standort Große Bleichen, einer Einkaufsstraße in Hamburgs Innenstadt, umringt von noblen Geschäften und edlen Passagen. Die neue Spielstätte liegt in einem Gebäudekomplex neben dem Hauptbahnhof, die eine Achse mit dem Deutschen Schauspielhaus und der Hamburger Kunsthalle bildet, eine gute Adresse im doppelten Sinn: Der Hachmannplatz wird mit dem Umzug des Ohnsorg-Theaters Heidi-Kabel-Platz heißen.
Heidi Kabel machte plattdeutsches Theater weit über Hamburgs Grenzen hinaus bekannt, vor allem durch die ab 1954 vom Nord-Westdeutschen Rundfunk aufgezeichneten und regelmäßig im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlten Theaterstücke, ihr „Tratsch im Treppenhaus“ genießt Kultstatus; im Alter von 95 starb die Volksschauspielerin 2010 in ihrer Heimatstadt. Doch auch Namen wie Henry Vahl, Hilde Sicks, Edgar Bessen und Heidi Mahler prägten das Profil der Bühne überregional. Als Dramatische Gesellschaft Hamburg 1902 von Dr. Richard Ohnsorg gegründet, stand die niederdeutsche Sprache von Anfang an im Zentrum des Bühnengeschehens. Nach Ohnsorgs Tod 1947 übernahm Hans Mahler die Intendanz, ihm folgten auf diesem Posten Günther Siegmund und Konrad Hansen. In den 1970er Jahren gingen weiterhin vor allem unbeschwerte Komödien über die Bühne, das Spektrum erweiterte sich indes um zeitkritische Stücke junger Autoren, die aus dem Englischen, Niederländischen und Hochdeutschen übersetzt wurden. Goethes „Faust“ und Shakespeares „King Lear“ op platt klingen sicher ungewohnt, eroberten in den 1980er Jahren aber ein neues Publikum; Ilo von Jankos Inszenierung „Der zerbrochene Krug“ wurde zu den Ruhrfestspielen Recklinghausen eingeladen. In die einzige ernsthafte Krise rutschte das Ohnsorg-Theater 1994/95 unter der Leitung von Thomas Bayer, der mit seinen radikalen Veränderungen gründlich scheiterte. Ihm folgte 1996 Christian Seeler; er führt das Haus seither mit einem sicheren Gespür für das richtige Maß an bewährter Ohnsorg-Tradition und frischem Nordwind.
Als jugendlicher Liebhaber kam der 1958 in Hamburg geborene Christian Seeler 1982 nach der Schauspielausbildung ins Haus. Nachwuchs mit einem Faible für plattdeutsche Mundart war seinerzeit selten; ab 1984 übernahm er auch die Geschäftsführung. Nach einem Intermezzo von vier Jahren Selbständigkeit kehrte Seeler 1996 als Intendant ans Ohnsorg-Theater zurück. Sofern plattdeutschem Theater noch das Image eines Laienspiels anhaftete – Christian Seeler räumte damit endgültig auf. „Wir bewegen uns heute gleichberechtigt auf Augenhöhe mit anderen Privattheatern, und das Ohnsorg-Theater gehört zu den profiliertesten in Deutschland. Wir spielen auf ganz hohem Niveau, und das hat sich herumgesprochen.“ Bedeutende Stationen auf diesem Weg waren Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“, übersetzt „Utmustert“ (ausgemustert), oder auch „Slagsiet“ (Schlagseite) als Übertragung der „Katze auf dem heißen Blechdach“ von Tennessee Williams. Präg-
nante plattdeutsche Titel sind dabei von kaum zu überschätzender Wirkung, wenn sie nicht zünden, bleibt das Publikum weg. So geschehen bei „Othello dörf nich platzen“ – Othello schreckte ab und platzte. Andere Klassiker der Weltliteratur sorgten in der Ohnsorg-Bearbeitung hingegen für ein volles Haus, „Misery“ von Stephen King beispielsweise und Bertolt Brechts „Mudder Courage un ehr Kinner“. Mit Dramen dieser Art bricht der Spielplan behutsam auf, auch O’Neill, Molière und Hauptmann sind zukünftig denk- und machbar. Doch eine Regel gilt weiterhin: Von den sieben neuen Produktionen pro Jahr müssen mindestens vier Komödien sein. Das Stammpublikum erwartet es, einige der rund 8000 Abonnenten kommen seit 40 Jahren ins Theater, und sie stellen 30 Prozent der Zuschauer. Das Durchschnittsalter eines Ohnsorg-Besuchers liegt bei 60 Jahren.
Die Ära am alten Standort ging nach 75 Jahren mit Günther Siegmunds „Brand-Stiftung“ zu Ende. Regisseur Michael Koch zog mit großem Ensemble und einer umwerfend schrulligen Heidi Mahler an der Spitze noch einmal alle Ohnsorg-Register, nahm die Macken der Bewohner im platten Land liebevoll aufs Korn und fokussierte jene gesunde Respektlosigkeit vor der Obrigkeit, die als hanseatische Stärke längst sprichwörtlich geworden ist. Die letzte Vorstellung fand am 8. Juli statt, mit zusätzlicher Ausstattung: Jeder Besucher erhielt ein weißes Taschentuch zum Tschüss-Winken! Die Freude auf das neue Theater überlagerte längst die allgemeine Abschiedsmelancholie. „Wir haben ganz neue künstlerische Möglichkeiten“, so Seeler. „Neben der Hauptbühne gibt es eine Studiobühne, die zeitgleich mit Lesungen oder Theater für Kinder und Jugendliche genutzt werden kann.“ Nur 23 Plätze mehr hat das neue Theater, nun also 412, denn die gemütliche, intime Atmosphäre muss mit umziehen. Die größte Veränderung betrifft die Bühnenhöhe: Statt 2,70 Meter ist der neue Spielplatz 9 Meter hoch, es kann also erstmals zweistöckig inszeniert werden – was für die „Ladykillers“ in der nächsten Saison unabdingbar ist. Aber auch Titania freut sich im surrealen „Sommernachtsdroom“, wenn der Wald so einiges von oben herab abwirft.
Das mit 1,9 Millionen Euro öffentlich geförderte Theater zählt rund 160000 Zuschauer im Jahr, das entspricht einer Auslastung von 80 Prozent. Vor der Aufgabe, die 20- bis 30-Jährigen ins Theater zu locken, steht das Ohnsorg-Theater wie so viele andere auch. Christian Seeler hat da noch einige Ideen: Mit „Rock op Platt“ in Serie zu gehen beispielsweise, oder geplätteten Poetry-Slam anzubieten. Es kommt halt darauf an, dem jungen Publikum ein Angebot zu machen, das es nicht ablehnen kann.