An Schillers „Wallenstein“, der im Herbst 1959 das Nürnberger Schauspielhaus etwas überanstrengt eröffnet hatte und hier seither nie wieder angefasst wurde, mochte man auch jetzt nicht ernsthaft denken, als das generalsanierte Haus nach zwei stressigen Umbaujahren den Neustart wagen konnte. Er wäre wohl ein Kraftakt zuviel gewesen, denn Klaus Kusenberg, der da ganz beiläufig seine zehnjährige Direktion am Staatstheater feiern konnte, wollte den endlich technisch angemessen aufgerüsteten Betrieb mit einer Serie von Premieren zeitgenössischer Autoren so positionieren, dass die ungeahnten Möglichkeiten zum Stadtgespräch aufsteigen konnten. Das hat er geschafft – nicht als Regisseur, aber als Programm-Manager.
Wobei das Auftakt-Motto Paradiesische Zustände, das sich auf dem Zwischendeck von Begeisterung und Ironie spreizt, die Erbsünde mit einschließt. Denn das Gebäude, das einst dem Freizeitbetrieb für amerikanische Besatzungstruppen (im Volksmund „Ami-Kino“ genannt) diente, bevor es für bescheidene 4,7 Millionen Deutsche Mark Umbaukosten „dem Vergnügen der Einwohner“ umgewidmet wurde, hat beim überfälligen Abriss und Wiederaufbau statt der kalkulierten 20 Millionen Euro glatte 38 Millionen verputzt – gerade noch ehe die in allen Stadtkassen querschlagende Finanzkrise auch diesen x-ten Anlauf wieder gestoppt hätte. Ein gefundenes Fressen für wachsame Leserbrief-Schreiber, doch die allgemeine Freude überwiegt nun deutlich. Jetzt setzt das Schauspielhaus Nürnberg, in dem neben dem großen Saal und den Kammerspielen zusätzlich eine attraktive BlueBox das Sortiment der Formate erweitert, eben auch als Gebäude den eigenen Akzent am großen Platz, wo bislang das gut hundertjährige Opernhaus und der Glaspalast der Bundesagentur für Arbeit die Blicke abfingen.
Zum Festakt war der 84-jährige Hansjörg Utzerath aus Berlin angereist. Im Rückblick aufs halbe Jahrhundert spielte der damals am Schillertheater und in Düsseldorf etablierte, immerhin zweifach zur jährlichen Kritiker-Hitparade nach Berlin berufene Theatermacher zwischen 1977 und 1992 die wichtigste Rolle für die künstlerische Profilierung des Hauses, an dem immerhin Luc Bondy, Rolf Glittenberg und Nicolas Brieger ihre Talente erstmals umsetzten. Er war dabei weniger „Direktor“ als stilbildender Chefregisseur. Die verkrustete Stadttheater-Ästhetik der damaligen Zeit, ausgewogen bis zum Abwinken, bröckelte in zupackenden Produktionen zwischen „Rose Bernd“ und „Hitlerjunge Quex“. Als Kusenberg zur Jahrtausendwende antrat, hatte ein Zwischenspiel mit Holger Berg in Nürnberg wieder gewisse Blockaden errichtet. Ein Stück wie Rezas „Kunst“ wurde da rundweg abgelehnt, die solide Reihung von Standard-Klassikern war tief ins Kunstgewerbliche gerutscht. Kusenberg, der sein Handwerk bei Peymann in Bochum lernte und noch heute gelegentlich gesteht, dass dessen ständiges Anfeuern des trägen Betriebs die wichtigste Erfahrung für ihn gewesen sei, legte den Hebel sofort um. Was jetzt 2010 am neuen Nürnberger Schauspielhaus in der Spannweite von der absolut riskanten Uraufführung über die eher behutsam traditionelle Themen-Verarbeitung und die ergebnis-offene Klassiker-Herausforderung bis zur Verneigung vor dem britischen Bedeutsamkeits-Boulevard und diskretem Trend-Kontakt geschieht, hat eine zehnjährige Entwicklungsphase hinter sich. „Nichts ist unmöglich“, lautet die Kusenberg-Devise, und er lässt gerne wissen, dass er sich schämen würde, wenn jemand nach München fahren muss, weil Nürnbergs Bühne den Anschluss verpasst hat.
Die erste Produktionswelle belegt den Willen schon von der Planung her eindrucksvoll (bis Ende Dezember gibt es innerhalb von zehn Wochen vier Uraufführungen und zwei Deutschland-Premieren neben zwei Klassikern) und muss nach der Bilanz von fünf Premieren keinen Abstrich vom ehrgeizigen Ziel machen. Zumal, genau genommen, die Zahl der Uraufführungen explodierte: zehn neue Stücke von zehn Autoren an ebensoviel verschiedenen Orten des Areals aufgeführt, von acht Regisseuren mit 19 Darstellern erarbeitet. Die Zuschauer wandern bei diesem Extra-Marathon in zwei Gruppen durch Maler- und Probensäle, klettern über vier Etagen vom Kammerspiel-Keller bis zur Endstation des Transport-Aufzugs, wo überall sorgfältig ausgeleuchtete Miniatur-Dramatik stationiert ist. Projektleiter Frank Behnke, treibende Kraft fürs Unkonventionelle im Kusenberg-Jahrzehnt, gewann namhafte Schreiber im Alter zwischen 28 und 66 fürs Motto-Spiel mit Raum und Wort, und weil sie im weiten Feld zwischen Poesie und Knatterkomik freie Hand hatten, waren das auch für sie „Paradiesische Zustände“.
Launige Nümmerchen wie Albert Ostermeiers Sündenfallobst-Schmonzette „Adams Apfel“ und das von Nürnbergs Allzeit-Bestseller Fitzgerald Kusz beschriebene Klage-Solo eines Ausgesperrten an der Gegensprechanlage über Franzobels listig hingerenkte One-Woman-Farce „Seemannsbraut“ (Elke Wollmann im Fangnetz absurder Einwanderungspolitik) bis zu Ulrich Hubs knalliger Drei-Männer-Posse beim misstrauischen Einzug in die Ewigkeit (fabelhaft hysterisch: Felix Axel Preißler, Thomas L. Dietz, Thomas Klenk): eine Kette von Entwürfen, die mit Martin Heckmanns sprödem Gedicht „Ins Offene“ (Stefan Willi Wang kämpfte tapfer mit dem Text) auf höchstem Niveau und verlorenstem Posten war. Zum Finale fand man sich bei Sybille Bergs Oscar-Wilde-Paraphrase „Wenn Tiere zu sehr lieben“ und dem Schmunzeln als überwölbende Verständigung für ein Drei-Stunden-Ereignis, an dessen Ende den Zuschauern die Regeln der modernen Architektur erkennbar näher gerückt sind als die Gebote zeitgenössischer Literatur. Ein Event-Erfolg war es allemal.
Dabei hatte die Premieren-Serie eher durchwachsen begonnen, denn für die Erstaufführung von Lucy Prebbles britischer Wirtschafts-Groteske „Enron“, einer grellen Blüte aus dem Infotainment-Gewächshaus mit Erfolg in London und Flop am Broadway, drückte Klaus Kusenberg zwar alle Knöpfe der neuen Technik, doch der satirische Gebrauchstext um die real existierende vorletzte Börsen-Pleite, die bei Beginn der letzten schon vergessen war, verkümmerte lautstark im Hebebühnen-Happening. Der Regisseur und seine pauschale Liebe zur angloamerikanischen Schnellschuss-Dramatik scheiterten beim Versuch, die Realität und ihre Karikatur im Revue-Gleichschritt zu umfassen. Die Lehman-Brothers als Clowns-Duo und US-Politiker mit Cowboyhut bestätigen dem Zuschauer nur, was er sowieso schnell mal denkt. Das Stück macht trotzdem seinen Weg, man kann es bequem weglachen.
Von nun an gings bergauf. Gesine Schmidt, seit „Der Kick“ die Fachfrau für authentische O-Töne als Essenz geduldiger Interviews, recherchierte vor Ort unter „Russland-Deutschen“, die verteilt auf zwei Stadtteile fast zehn Prozent der Nürnberger Bevölkerung stellen: 45000 unbekannte Nachbarn. Was sie von 21 Personen im Alter zwischen 17 und 90 erfahren und in winzige Charakter-Porträts transformiert hat, ist frei von Sozialpathos. Es blitzt nur so vor abwechselnd lapidaren und tragikomischen Erkenntnissen, wenn fünf Akteure vermitteln, was „Glück“ ist (die „kleine Witwenrente“ oder „Fährt Mercedes. Fährt Urlaub. Gutes Leben“) und wo die Zukunft beim nüchtern kalkulierten Heroin-Dealen oder im Auftrumpfen mit angelerntem Traditionsbewusstsein gesehen wird. „Wir sind doch nicht Amerika“, schimpft der Neu-Deutsche – und ist also angekommen. Scheitern an Sprache findet da nicht zwischen Sibirien und Deutschland statt, sondern zwischen Schwaben und Bayern. Versenken sich die Darsteller zunächst noch milde nostalgisch in Küchenlieder, wo sanft „der Ostwind weht“, schalten sie auf dem Weg durch die Ämter alsbald auf den Kanon „Bitte warten“ um. Gesine Schmidt hat ihr Mosaik in „Die Russen kommen“ feinfühlig in Szene gesetzt, so stimmig in seiner Live-Wirkung, wie das kein Film und kein noch so kluger Vortrag schaffen könnte.
Eine weitere Deutschland-Premiere, und diesmal ein Brite von erstaunlicher Schlagkraft: Für Dennis Kellys nervenkitzelnden Thriller „Waisen“ holte sich Nürnberg mit Regisseurin Caro Thum eine aus dem Basler Spezialisten-Team. Sie schuf mit drei bestens aufeinander abgestimmten Schauspielern (Philipp Niedersen, Julia Bartolome, Stefan Lorch) ein Dreiecks-Psychogramm. Da bricht ein blutbefleckter Überraschungs-Gast in die Dinner-Idylle der scheinbaren Muster-Ehe und sagt mit Blick auf Hausfrau Helen einfach mal „Schönes Kleid“. Den eigenen Aufzug will er gar nicht erklären – nur soviel: „Dieses Land – nur noch Monster“. Es ist der öfter mal aus der Bahn geworfene Bruder der Frau, sie waren Waisenkinder und jetzt ist wieder was passiert. Aber was genau? Irgendjemand wurde aufgeschlitzt, ist geflüchtet oder tot, war Täter oder Opfer. Ein Araber vielleicht, ein Junge oder ein Mann. „Alles klar?“ fragt der um Wahrheiten nie besonders besorgte Liam den fassungslosen Schwager. Soll man die Sache dem Schicksal überlassen oder die Polizei gezielt belügen? Jede Redewendung enthüllt mehr, verlangt nach Reaktionen. „Ich bin schockiert und erschüttert, aber stellen wir das mal hintan“, fasst Helen zusammen. Die bürgerliche Moral hat bei Dennis Kelly jeden Halt verloren, die Ordnung besteht nur noch aus Trümmern. Das Beste an der Nürnberger Aufführung ist, dass die drei Akteure mit ihren Blicken immer noch mehr zeigen, als dieses Dialoggespinst für Grundsatzdebatten preisgeben will.
Mit der allergrößten Spannung ist freilich – wie es halt so ist am Theater – die Klassiker-Premiere erwartet worden. Lessings „Nathan der Weise“, in den 50 Jahren des Schauspielhauses zum fünften Mal angesetzt (zuletzt 2001 in Elmar Goerdens etwas schulfunkartiger Fassung über „Lessings Traum“), und diesmal in der Hand des Österreichers Georg Schmiedleitner, der für Nürnberg mit 14 Inszenierungen der wichtigste Regisseur der letzten Jahre geworden ist. Einer, der vom Publikum immer noch ganz nach Standort als Verheißung oder Bedrohung empfunden wird. Er schälte Lessings Toleranz-Hymnus aus der Kolportage-Story, machte den über allen Sonntagsreden thronenden Bescheidwisser zur entpersönlichten Ideal-Behauptung. Der christlich-kriegerische Tempelherr, der vom muslimischen Sultan begnadigt wurde und die Tochter des jüdischen Kaufmanns aus den Flammen rettet – das wird wie ein Depot menschlicher Trägerraketen für Versöhnungsbotschaften gezeigt. Auf Stefan Brandtmayrs weiter Bühne, die „Krieg, Feuer, Zerstörung“ als zeitlosen Katastrophen-Zustand skizziert, schmeckt ein Workshop von wissbegierigen Leitkultur-Analysten den hohen Text auf seine Glaubwürdigkeit ab. Nathan wird zum Chor-Kollektiv, tritt aber wie die anderen Figuren mehrfach als Prototyp ins Licht. Bei der Ring-Parabel ist das Frank Damerius, der Mikrophone für eine Propagandaschlacht herbeischaffen und während seiner Überzeugungsrede die Kopiermaschine laufen lässt. Ohne PR kein Humanismus. Wenn Lessing den Handlungsknoten zugunsten allseitiger Umarmung zerschlägt, macht der Regisseur den Spielverderber. Wo sich plötzlich, statt nach eigener Façon selig zu werden, alle Weltanschauungen gegenseitig niederknallen, ist dem Entwurf einer schönen Vision die konkrete Erfahrung von Gewalt gegenübergestellt. Das birgt mehr Irritation als jede wohlmeinend werktreue Auflösung. Verblüffend freilich, dass es bei der ausverkauften Premiere trotz aller Blutspuren keinerlei Widerspruch, aber lang anhaltenden Beifall gab.
Was, um die erste Zwischenbilanz der neuen Nürnberger Theater-Zeitrechnung abzurunden, bei jeder der Premieren wesentlich an einem fabelhaft homogenen, allen Regie-Handschriften gewachsenen Schauspieler-Ensemble liegt. Klaus Kusenbergs Sorge, dass die überregionale Kritik auf der Rezensenten-Rennstrecke Frankfurt-München seine Arbeit links liegen lasse, müsste sich jetzt eigentlich in Luft auslösen. Das Publikum vor Ort stimmt bereits mit den Füßen zu.