"Helden" von Terence Kohler am Bayerischen Staatsballett

"Helden" von Terence Kohler am Bayerischen Staatsballett

© Foto: Day Kol
Tanzkritik

Keine Heldentat

von Vesna Mlakar

Terence Kohler: Helden

Premiere: 21.04.2013 (Uraufführung)
Bayerische Staatsballett, München
Homepage: http://www.bayerische.staatsoper.de

Komponist: Lera Auerbach, Alfred Schnittke
Musikalische Leitung: Myron Romanul

Helden braucht der Mensch. Sie dienen ihm als Vorbilder, Idole, oder – als Gestalten der Literatur und Cineastik – zur Unterhaltung. Viele davon kennen wir aus der Antike. Doch mit dem Wandel der Zeit treten an ihre Stelle die Katastrophenhelfer und Retter aus der Not. Dass darüber hinaus jeder zum Helden werden kann, der etwas Außergewöhnliches bewirkt (und sei es, dem Enkel die ersehnte Ausbildung zu ermöglichen), vermochte die Augsburger Ballettkompanie Anfang Januar 2013 in ihrer originellen Uraufführungsproduktion von fünf Choreographen „Heroes – Heldenmythen im Tanz“ mit Mitteln der Körpersprache und eigens gesammelten Zitaten eindrücklich, abwechslungsreich und assoziationsoffen zu vermitteln. Durch Freiheit in der Wahl des Sujets manifestierte man bewusst die heikle Weite des Themas.

Am 21. April nun eröffnete Terence Kohler mit seinem zweiten Münchner Abendfüller „Helden“ die BallettFestwoche des Bayerischen Staatsballetts. Seinen Titel umschrieb er schon im Vorfeld als „ein weites Feld“ und distanzierte sich vom Heldentum als eigentlichem Stoffgeber. Dennoch kreist im Programm alles genau darum, tragen Kohlers Protagonisten doch titanische Namen: Prometheus, Epimetheus (dessen Bruder, liiert mit Pandora) und Athena Parthenos. Angesiedelt ist das Trio (alias Quartett – doch choreografisch verliert sich Katherina Markowskaja als Pandora leider in charakterloser Unscheinbarkeit) in modernistischer Zeit, wo Apple-Gründer Steve Jobs’ interaktiver Erfindergeist in der Community ähnliche Abhängigkeitsfunken sprüht wie wohl anno dazumal Prometheus’ Geschenk des Feuers.

Fulminant ist Lukáš Slavickys solistisches Entrée in toller Sprungform, punktgenau auf Alfred Schnittkes aufwühlendes Klanggeläut. Dazu göttergleiches Deko-Geblitze (Ausstattung: rosalie): powervolle Sekunden, die die Erwartung auf Kommendes schüren. Wie da sind: Im ersten Akt Prometheus technische Innovation, visualisiert in einem himmelskörperartigen Kabelgewurl, Emma Barrowmans sich hinzutastender Auftritt als stets den Überblick wahrende Athena, verstell- und verschiebbare Spiegelrauten, die die Tänzer mittels viel TV-entlehntem „Screentouching“-Gefuchtel (bzw. an Handgelenken fixierten Taschenlampen) zum Schillern bringen, jede Menge grüner Äpfel, die als (Beiß- und Kuss-) Requisit das Ensemblespiel des zweiten Akts dominieren, und im dritten Akt ein mobiles Wolkengebilde aus farbigen Zauberwürfelplatten, das sich wie eine drückende Last über Tänzer und den zum Brüdermörder gewordenen Prometheus senkt.

Während rosalies Objekte sich im Raum bewegen, verharrt Kohlers Choreographie oft in platzverhafteten Verrenkungen. Und gewinnt ein Pas de deux endlich an Schwung, so bremst diesen schnell wieder inhaltliche Belanglosigkeit aus. Denn ob nun Helden oder nicht: Slavicky, Barrowman und Ilia Sarkisov in der Rolle des konservativen Epimetheus, der allein sich gegen die Errungenschaft des Bruders sperrt, (inter)agieren – zumeist vom Corps de ballet (gefällig sind hier manch vertrackte Paarfiguren!) umrahmt – über drei Bilder hinweg in einem lediglich von Schnittke und Lera Auerbach musikalisch interessant animiertem Drama, das sonst keine Steigerung kennt. Vertrackter Mythos oder zeitgenössische Beliebigkeit? Nach 100 Minuten Spielzeit kann auch das von Barrowman so formschön angeführte kollektive (Ober-) Körperschwenken das Ruder nicht mehr Richtung Begeisterung herumreißen. Heldischer Applaus, vor allem für die engagierten Interpreten, die ihr Möglichstes für ein Verstehen des Werks gaben.