Imam Bektas Cezik und Theaterpublikum in einer Mannheimer Moschee.

Imam Bektas Cezik und Theaterpublikum in einer Mannheimer Moschee.

© Foto: Christian Kleiner
Schauspielkritik

Durchs muslimische Mannheim

von Volker Oesterreich

Nina Gühlstorff / Dorothea Schroeder: Koranschule

Premiere: 05.05.2012 (Uraufführung)
Nationaltheater Mannheim
Homepage: www.nationaltheater-mannheim.de

Regie: Nina Gühlstorff / Dorothea Schroeder

Mir wird der Name „Uwais“ verpasst, meiner Frau klebt der Sticker „Hala“ während der dreistündigen Exkursion des Nationaltheaters durch das muslimische Mannheim am Revers. Andere heißen auf einmal Mustafa oder Jamila. Und los geht’s, um in Nina Gühlstorffs und Dorothea Schroeders Recherche-Projekt „Koranschule“ zu Fuß, per Taxi und per Straßenbahn einzutauchen in den Multikulti-Stadteil Jungbusch. In 16 „Lektionen“ des ambulanten Stationendramas sollen wir „dem Fremden mit maximaler Nähe“ begegnen. Rund neun Prozent der Mannheimerinnen und Mannheimer bekennen sich zum Islam. In deren Welt einzutauchen, ist das Ziel des Projekts. Klischees und Vorurteile gilt es zu erkennen und zu überwinden, aber so recht will das nicht gelingen. In einer Hinterhof-Moschee angekommen, erklärt uns ein freundlicher Imam, wie dem Propheten Mohammed vom Erzengel Gabriel der Koran offenbart wurde. Die Aura des Orts überhöht den Gehalt seiner Worte.

Von Lektion zu Lektion bzw. von Station zu Station tauchen wir tiefer ein in die Gedanken um Kopftuch-Klischees, die Integrations- oder Rassismus-Debatte oder über extrem konträre Ansichten über die Geschlechterrolle. In der Moschee-Kantine, einem türkischen Friseursalon oder einer Privatwohnung erzählen uns verkleidete Ensemblemitglieder des Nationaltheaters die Biographien türkischstämmiger Mannheimer. Wir erfahren, wie ein erfolgreicher Kleinunternehmer selbst in die Ecke des Rassisten gedrängt wurde oder wie ein türkisches Partygirl aus freier Überzeugung zur orthodoxen Kopftuchträgerin wurde. Fertige Antworten, so wird uns versichert, wolle man uns nicht auftischen. Trotzdem kratzt vieles nur an der Oberfläche. Gespräche mit anderen Besuchern etwa über das Sarrazin-Buch haben mehr Tiefgang als das zufällig anmutende Biographie-Konfetti. Und der Bart des Schauspieler-Propheten, der ist sowieso nur angeklebt. Zurückgekehrt zum Nationaltheater, ruft uns ein Muezzin zum Gebet auf. Die Hälfte der Teilnehmer sinkt auf verteilten Gebetsteppichen in die Knie. Es sei alles bloß Fiktion, heißt es dazu – „es sei denn, Sie glauben dran“. Keine Fiktion ist indes der Imam, den wir schon aus Lektion 7 kennen. Die Grenzen zwischen religiöser Kontemplation und Showtime geraten ins Fließen.

Allah ist groß, gewiss. Die Größe des „Koranschule“-Projekts darf indes bezweifelt werden. Eher ein Programm für Anfänger. Fortgeschrittenen, die tiefer in die Toleranzfrage einsteigen wollen, empfiehlt sich weiterhin Lessings „Nathan“.