Tragödie heute

Von Detlev Baur
Noch archaisch fern: Der Beginn der Frankfurter

Noch archaisch fern: Der Beginn der Frankfurter "Medea" mit Constanze Becker in der Titelrolle.

© Foto: Birgit Hupfeld

Euripides: Medea

Premiere: 14.04.2012
Theater: Schauspiel Frankfurt
Homepage: http://www.schauspielfrankfurt.de

Regie: Michael Thalheimer

Auf der weiten und tiefen Bühne des Schauspielhauses in Frankfurt klebt die Medea Constanze Beckers anfangs in der kahlen grau-schwarzen Wand wie eine allein gelassene Promethea. Auf einem etwa einen Meter tiefen Vorsprung hat sie Raum (Bühne: Olaf Altmann) zum Stehen, Kauern, Bücken, zum Jammern, Grollen, Stöhnen oder Pläne-Schmieden. Nach einem archaisch spröden Beginn, nachdem Josefin Platts Amme minutenlang auf hohen Kothurnen auf die weite leere Bühne gestampft war und nachdem Medea mit archaischen Tönen und Gesten trauerte, werden Spiel und Töne natürlicher, heutiger. Im Gespräch mit dem verdrucksten Jason, Marc Oliver Schulze im blauen Seidenanzug, klingt diese einsame Frau schon recht vernünftig und ziemlich heutig.

Dieser Wechsel der Töne bedeutet jedoch keineswegs, dass der aktuellere Ton zivilisierter Menschen, die das Ende einer Ehe zu regeln versuchen, von Ehrlichkeit geprägt wäre; dieser Wechsel und seine Verknüpfung mit dem klar präsentierten Text (in der unterschätzten Übersetzung von Peter Krumme) ist die besondere Stärke dieser Antiken-Inszenierung von Michael Thalheimer am Schauspiel Frankfurt. Abgesehen von einem musikalisch beschallten Filmchen von Piktogramm-Figuren während Medeas Kinder-Mord – ein emotional wirksames, aber vielleicht doch verzichtbares Aufbrechen des reinen Schauspieler-Spiels – setzt die Inszenierung ganz auf die Darsteller im weiten Raum. Aus dem uralten Stück wird da nach und nach ein verbindliches Familienspiel, das auch von heute sein kann. Da werden Eheprobleme und die Außenseiterrolle einer Migrantin behandelt. Wenn Medeas tödliche Intrige Fahrt aufnimmt und sie Jason überredet, das (vergiftete) Geschenk seiner neuen Braut zu bringen, ist die Rückwand, in deren Mitte die Heldin steht, schon ganz nach vorne gefahren. Ihr Platz ist nun vergleichsweise üppig gegenüber dem schmalen Streifen, der Iason und den anderen Menschen bleibt. Der auf eine Frau reduzierte Chor wird von Bettina Hoppe intensiv gesprochen und überzeugt in seiner Verkleinerung. Die Einsamkeit der verlassenen Frau spiegelt sich nur noch in einem Rest-Chor.

Nachdem Rivalin und deren Vater getötet, die eigenen Kinder (die nur durch die Ansprache der mordenden Mutter präsent waren) ermordet und der Gatte vernichtet ist, wird Medeas erhöhter Podest heruntergefahren. Als Frau, die eine schwere Tat, gleichsam eine schwere Geburt, hinter sich hat, geht sie langsam von der Bühne. Auf einer Ebene mit Jason und für ihn doch ganz unerreichbar. Die Verschiebung der Sphären erweist sich als große Täuschung, die neue Nähe ist ebenso falsch wie die immer natürlicher wirkenden Töne. Die Heranholung der fernen Tragödie gelingt gerade dadurch, dass ihre Fremdheit von der Regie und dem starken Ensemble und der überragenden Tragödin Constanze Becker nicht weggespielt wird.

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