Die Schuld verpufft im Tabakqualm

Von Nicolas Garz
Florian Lange als Beckmann in David Böschs Bochumer Inszenierung von

Florian Lange als Beckmann in David Böschs Bochumer Inszenierung von "Draußen vor der Tür".

© Foto: Arno Declair

Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür

Premiere: 04.05.2012
Theater: Schauspielhaus Bochum
Homepage: /www.schauspielhausbochum.de

Regie: David Bösch

Damit jeder versteht, wer dieser verwirrt dreinblickende Obdachlose ist, der da über die Bühne schlurft, prangt sein Name auf dem Rücken wie bei einem Fußballspieler: Aber die weiße Farbe, mit der „Gott“ auf seinem braunen Bademantel gepinselt wurde, ist schon fast verblichen. Immer wieder fällt dem lieben Gott (Raiko Küster) in David Böschs Inszenierung von „Draußen vor der Tür“ am Bochumer Schauspielhaus die Bibel vor die Füße, in den Matsch, der die kreisrunde Bühne bedeckt. Und da sowieso niemand mehr auf ihn hört in Wolfgang Borcherts Tragödie, wird er schließlich zu Grabe getragen: Soldat Beckmann (Florian Lange) stößt ihn in eine kleine Luke inmitten einer verlassenen Moorlandschaft, dann stürzt er sich selbst in die Elbe, der hier ein kleiner Tümpel am Rande der Bühne ist, erhellt von einer übergroßen Energiesparlampe.

Aber zu allem Unglück wird er gerettet: Ein stattlicher Soldat mit dunklen Haaren fischt ihn aus dem Rinnsaal. Und während die beiden wie zwei Ringer in Camouflagehose und Springerstiefeln umhertollen, sich anbrüllen, nachäffen und prügeln, wird klar, wer dieser mysteriöse Retter eigentlich ist: Beckmann selbst, sein zweites Ich (Nicola Mastroberardino). In dieser kargen Inszenierung, die Borcherts Monologe ganz in den Mittelpunkt stellt, wird die Widersprüchlichkeit des heimatlosen Soldaten durch das Zusammenspiel beider Darsteller virtuos in Szene gesetzt. Während Florian Langes Beckmann klein und unbeholfen wirkt, eine hässliche Gasmaskenbrille trägt und nach der Liebe eines dahergelaufenen Mädchens (Kristina-Maria Peters) wie nach dem letzten Schilfrohr im Treibsand greift, ist der Andere ein Draufgänger, der Aggro-Beckmann aus vergangenen Kriegszeiten. Wenn der Eine diese Nachkriegswelt nicht mehr ertragen kann, weil ihn seine Ehefrau nicht wiedererkennt und ihn sein früherer General verhöhnt, zückt der Andere blitzschnell seine Pistole, wie in einer dieser plötzlichen Eskalationen in Mafiafilmen, drückt sie ihm in den Nacken, und flüstert ihm fast ein wenig zärtlich zu: „Doch, doch, man hält das alles aus!“ Es ist ein ungleiches Paar, sowohl Opfer als auch Täter, das in der einstigen Heimat einfach keinen Platz mehr findet.

Erst am Ende lockert sich die Stimmung: Ein bleicher Einbeiniger (Henrik Schubert) stapft daher, sein Mantel ist vom Elbwasser getränkt. Beckmann habe ihm sein Mädchen weggenommen und nun habe er sich in den Fluss gestürzt. Der Tod hatte da bereits zuvor seinen skurrilen Auftritt als wenig furchteinflößende, schwarze Tarantel mit einer blutigen Eishockeymaske vor dem Gesicht. Und anstatt, dass die beiden Kriegsheimkehrer nun ein erbittertes Duell führen, stehen sie ganz entspannt am Bühnenrand, im Hintergrund ertönt eine Indie-Rock-Ballade und helle Lichtstrahlen durchfluten die bisher in kühles Blau getauchte Bühne. Der Einbeinige gibt eine Runde Zigaretten aus und es scheint so, als entschwände in den aufsteigenden Rauchwölkchen für einen kurzen, harmonischen Moment die Schuld, die sich jeder an der Front aufgeladen hat und die auch nach dem Krieg noch alles zerstört, und verpuffe an der Bühnendecke. Dann aber verstummt die Musik, die kleine Luke im Boden öffnet sich, der liebe Gott streckt sein müdes Gesicht hinaus, und die drei Soldaten fallen, wie einem allerletzten Kommando folgend, sofort tot um. Mit leichtem Schulterzucken schlurft der Bademantel-Allmächtige über sie hinweg, während ihm seine Bibel einmal mehr in den Dreck fällt.

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