Schauspielkritik

Kirschgarten-Skelett

von Detlev Baur

Anton Tschechow: Der Kirschgarten

Premiere: 03.03.2012
Thalia Theater, Hamburg
Homepage: http://www.thalia-theater.de

Über der leeren Bühne hängen in verschiedenen Größen runde Lampen, wie sie derzeit en vogue sind. Als Andeutungen von Sternen oder vereinzelte Kirschblüten oder verblassten Kirschen hängen sie über den zehn Gestalten, die meist vorne auf Stühlen einer Reihe gegenüber den Zuschauern sitzen (Bühne: Katrin Brack). Zu Beginn jedoch tanzen sie zu Klängen der Heimorgel (Musik: Lutz Krajenski) – oder vielmehr: Sie stehen in Erwartung eines Tanzes; nur der recht junge Firs (Alexander Simon) und die nicht mehr junge Ranjewskaja (Barbara Nüsse) tanzen langsam. Firs bleibt in diesem „Kirschgarten“ ein Außenseiter; er zählt nach diesem kurzen Vorspiel, wenn die anderen vorne vor sich hin sitzen, langsam rückwärts von 99 und singt später zuweilen zur Hammond-Orgel leise melancholische Chansons.

Das Geschehen und die Gespräche von Tschechows Drama sind in Luk Percevals Inszenierung am Hamburger Thalia Theater so reduziert wie die Bühne. Nur fragmentarisch sprechen die ziemlich trostlosen Gestalten auf den Stühlen vom Geld oder vom Kinderzimmer, meist aber schweigen sie vor sich hin. Allein Tilo Werners Lopachin, im schicken, aber irgendwie unpassenden Business-Anzug (Kostüme: Anja Sohre), stört die allgemeine Apathie und fordert eine Entscheidung zur Zukunft des Kirschgartens. Russische Atmosphäre – Lopachin parliert per Handy auf ungarisch –, Sehnsucht nach Frankreich oder emotionale Verbindungen zum Haus (wie dem hundertjährigen Schrank) spielen keine Rolle. Vielmehr geht die Inszenierung aufs Ganze, auf die sinnlose Warterei der Menschen im Großen und Ganzen. Der Kauf des Kirschgartens wird von Lopachin schon verkündet, bevor die anderen auf die Nachricht warten. Die Figur der Charlotta ist gestrichen, nur einmal spricht Dunjascha (Oana Solomon) ihren Text von ihrer ungewissen Identität. Dieser radikale Eingriff ins Drama bringt natürlich Verluste mit sich – so ist auch fraglich, ob Lopachins Projekt von Rapsfeldern für Bioöl für den Kirschgarten statt der Ferienhäuschen im Original nicht eine unnötige Denunzierung des Kaufmanns bedeutet.

Und doch ist es bemerkenswert, wie stark die Darsteller ihren reduzierten – oder eben konzentrierten Figuren in nur 100 Minuten ein Profil zu geben vermögen. Oda Thormeyers trübe Warja ist quasi schon mit Lopachin verheiratet, nur mangelt es am klaren Bekenntnis, Catherine Seiferts Anja verbindet durchgehend Weinerlichkeit mit dem verlogenen Versuch, schön Wetter zu machen; sie alle geben Ausschnitte von Menschen, die in ihrer schlüssigen Darstellung berühren. Barbara Nüsses Ranjewskaja schließlich hat fast etwas von einem weiblichen King Lear. Zu debil, um sich daran zu erinnern, dass kein Geld mehr in ihrem Portemonnaie ist, aber immer bereit junge Männer abzuknutschen. Am Schluss tanzt sie mit Firs in den Tod – ihren eigenen Tod. Eine schlüssige Variation zu Tschechows „Kirschgarten“.