Johann David Talinski, Jörg Malchow, Daniel Christensen und Tom Gerber in einer Szene aus "Clockwork Orange" am Essener Schauspiel

Johann David Talinski, Jörg Malchow, Daniel Christensen und Tom Gerber in einer Szene aus "Clockwork Orange" am Essener Schauspiel

© Foto: Martin Kaufhold
Schauspielkritik

Manipulationen im Uhrwerk Gehirn

von Stefan Keim

Anthony Burgess: Clockwork Orange

Premiere: 07.04.2013
Schauspiel Essen
Homepage: http://www.schauspiel-essen.de/

Regie: Hermann Schmidt-Rahmer

Der bärtige Mann strahlt. Er hat entdeckt, was den Menschen gut macht, das Moralmolekül. Er nennt es „Oxytocin“. Es entsteht zum Beispiel, wenn man sich umarmt. Hoch den Hintern, Publikum! Die meisten Zuschauer im Essener Grillo-Theater machen mit. Er wisse, sagt der bärtige Mann im amerikanischen Englisch, dass viele darauf warten, dass „Clockwork Orange“ endlich anfängt. Doch ohne seine Ausführungen könne man das Folgende gar nicht verstehen. In seiner Fassung des brutalen Satireklassikers von Anthony Burgess geht Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer weit über die literarische Vorlage hinaus. Die berühmte Verfilmung durch Stanley Kubrick spielt nur am Rande eine Rolle. Vielmehr geht es um die Manipulierbarkeit des menschlichen Gehirns, die schon fast reale Vision, das Böse zu orten und chirurgisch aus den Köpfen zu entfernen.

Der bärtige Mann ist eine reale Figur. Paul Zak heißt der „Neuroökonom“ aus den USA, der wahrhaftig ein Moralmolekül entdeckt zu haben glaubt. Die manisch blitzenden Augen, das fest gefrorene Lächeln, die Mischung aus Science und Entertainment kann man auf Internetvideos finden. Auf Kongressen erlebt man sie immer wieder, diese charismatischen Dummschwätzer, die Power-Point-Profis, deren Gedankenblasen beim ersten Stich einer kritischen Nachfrage zerplatzen. Bettina Schmidt steht als verschüchtert-charakterloses Simultandolmetscherlein im Hintergrund, und zwischen den beiden entwickelt sich ein hochkomisches, fieses Machtspiel. Immer wieder bekommt die Aufführung den Charakter einer „science lecture“. Hermann Schmidt-Rahmer hat eine Menge an Zitaten von Hirnforschern und Philosophen hinein gepackt. Die Schauspielerin Ingrid Domann sieht sogar wie Peter Sloterdijk aus.

Die Handlung von „Clockwork Orange“ wird im Schnelldurchgang auf drehender Bühne abgehandelt. Schmidt-Rahmer verweigert jede Ästhetisierung von Gewalt, wie sie Stanley Kubrick – und auch Frank Castrof in seiner Bühnenfassung vor zehn Jahren an der Berliner Volksbühne – vorgeworfen wurde. Es wäre auch kaum möglich, noch eine richtig schockierende Wirkung zu erzielen, da die meisten Besucher genau darauf warten. Schmidt-Rahmer orientiert sich an Michael Hanekes Film „Funny Games“, nimmt jedes Tempo aus der Aufführung, zeigt die Gewalt gegen ein Paar völlig kalt, emotionslos, spröde. Es ist nicht möglich, daraus einen Spannungskitzel zu ziehen. Schmidt-Rahmer nimmt es in Kauf, dass die Aufführung zwischendurch zusammen bricht, die Energie entweicht, sich Langeweile einstellt. Eben das ist sinnvoll, das Prügeln, Foltern, Vergewaltigen ist einfach nur öde, dreckig, unangenehm. Und daraus entwickelt sich die Kernfrage der Aufführung: Wäre es nicht besser, wenn es möglich ist, das, was ihn uns lügt, hurt, stiehlt und mordet einfach weg zu operieren?

Zumindest in Ansätzen sind wir wieder bei „Clockwork Orange“, wo der jugendliche Totschläger Alex einer Gehirnwäsche unterzogen wird. Das geschieht nun auf der Bühne mit den heutigen Mitteln der Hirnchirurgie, die Tom Gerber mit zynischer Ruhe erläutert. Heraus kommen geläuterte Droogs, die studieren und Familien gründen wollen und am Klavier „Imagine“ von John Lennon spielen. Hier spielt Schmidt-Rahmer auf Ira Levins mehrfach verfilmtes Buch „Die Frauen von Stepford“ an, in dem sich perfekte Ehefrauen als von Männern programmierte Roboter entpuppen.  Zwei Horrorvisionen treten in Konkurrenz. Immer wieder sprechen die Schauspieler das Publikum direkt an: Welche Scheußlichkeit hätten Sie denn gern?

Hermann Schmidt Rahmers „Clockwork Orange“ ist enorm komplexes, anspruchsvolles Theater. Wie immer bei diesem Regisseur sind die Schauspieler grandios, stets auf Hirnhöhe mit dem verhandelten Thema, voll bei der Sache. Wie schon in seiner herausragenden Düsseldorfer Inszenierung von Elfriede Jelineks „Rechnitz“ setzt Schmidt-Rahmer am Schluss ganz auf die aufwühlende Wirkung des Wortes. Alex und seine Droogs treffen sich als alte Leute wieder, tragen Masken vor den Gesichtern, sprechen mit Stimmverzerrern. Sie erzählen völlig gefühllos von Machetenmassakern, die sie als Totschläger begangen haben, wahrscheinlich irgendwo in Afrika, wo die Weltöffentlichkeit nicht hinschaut. Und es entstehen viel schlimmere Bilder im Kopf als Filme jemals liefern können.