Der Heilige und sein Teufelchen: Michael Pegher und Paul Brady in Ulrich Kreppeins Musiktheater "Die Verführung des heiligen Antonius".

Der Heilige und sein Teufelchen: Michael Pegher und Paul Brady in Ulrich Kreppeins Musiktheater "Die Verführung des heiligen Antonius".

© Foto: Hans Jörg Michael
Musiktheaterkritik

Askese – Ekstase – Spektakel

von Detlef Brandenburg

Ulrich Kreppein: Die Versuchung des heiligen Antonius

Premiere: 08.05.2012 (Uraufführung)
Oldenburgisches Staatstheater
Homepage: http://www.staatstheater.de/

Regie: Alexander Fahima
Musikalische Leitung: Lennart Dohms

Man ist unbedingt erholungsbedürftig und nur bedingt fahrtüchtig, wenn man nach der Premiere von Ulrich Kreppeins Musiktheater „Die Versuchung des heiligen Antonius“ aus dem Oldenburgischen Staatstheater ins Freie strebt. Jedenfalls schwirrt einem ganz schön der Kopf. Denn was der Komponist da an Formen und Satztypen, Allusionen und Stilparodien, Kontrasten und hoch geschichteter Mehrdimensionalität auffährt, würde unter dem Aspekt der Vielfalt auch für drei Opern reichen. Und auch der Regisseur Alexander Fahima und seine Ausstatterin Julia Schnittger schonen Prospekte nicht und nicht Maschinen. Wobei das altmodisch geflügelte Wort insofern zutrifft, als hier nicht etwa ein neues Modell der Oper erfunden, dafür aber alles aufgefahren wird, was die alte Oper zu bieten hat: Neben Prospekten und Maschinen auch Puppen, Video, Livekamera, Bespielung des Auditoriums, Raumakustik mit Chorsängern auf den Rängen und Musikern in den Logen…

Mit einem Wort: Es wird geopert, dass die Bühnenbretter krachen. Und da in den künstlerischen Schlüsselpositionen dieser Koproduktion zwischen der Deutsche Bank Stiftung und der Oldenburger Bühne mehrere Ehemalige der Akademie Musiktheater heute am Werk sind (u.a. der Komponist, die Librettisten, der Dirigent, der Regisseur, die Ausstatterin), könnte man jetzt natürlich sagen: Okay – da sind den jungen Künstlern die Ressourcen des Staatstheaters wohl ein wenig zu Kopf gestiegen. Doch das hieße die Sache zu leicht nehmen. Denn die Vorlage, die sich der 1979 geborene Kreppein und seine beiden Librettisten Patrick Hahn (heute Dramaturg an der Oper Stuttgart) und Martina Stütz (jetzt Dramaturgin der Bayerischen Staatsoper) ausgesucht haben, die hat es in sich: Gustave Flauberts szenischer Roman „Die Versuchung des heiligen Antonius“ fährt nun wirklich alles auf, was die abendländische Kultur- und Religionsgeschichte nur zu bieten hat an Lockungen und Lüsternheiten, Göttern und Götzen, Bösewichten und Biestern. Mit anderen Worten: Schon hier mündet Askese schnurstracks in Ekstase. Verständlich also, dass die jungen Leute daraus ein Spektakel machen.

Und dass Kreppein eine stilistisch derart vielschichtige Musik zu schreiben vermag, wundert einen auch nicht weiter, wenn man sieht, dass seine Biographie u.a. Manfred Trojahn, Julian Anderson, Brian Ferneyhough, Chaya Czernowin, Hans Tutschku, Joshua Fineberg und Helmut Lachenmann als Lehrer ausweist. Also antwortet Kreppein auf Flauberts Enzyklopädie der Verführung mit einer Enzyklopädie der Musikgeschichte, die in sieben Szenen und gut 100 Minuten alles aufbietet, was ältere und neuere Musik so hervorgebracht haben: von hochkomplexen Chorsätzen mit solistisch geführten Stimmen bis zum sparsamst vom Akkordeon begleiteten Melodram; von zarter mikrotonal angeschrägter Kammermusik-Lyrik bis zu wild brodelnden Klangflächen; von polyphoner Gleichzeitigkeit des stilistisch Ungleichzeitigen bis zur machtvoll konzentrierten Eruption. Und – das ist leider ein bisschen viel. Jedenfalls machen sich nach einer Weile des akustisch-semantischen Dauerbeschusses erst Ermüdungserscheinungen, dann eine gewisse Desorientierung und schließlich der Verdacht bemerkbar, dass das Ganze in der Dramaturgie aus den Fugen geraten ist.

Insofern ist es dem Regisseur Alexander Fahima hoch anzurechnen, dass zwar auch er beim Spektakel mitmacht, aber doch versucht, der Phantasmagorie einen gewissen interpretatorischen Rahmen zu geben. Bei ihm nämlich wird der Heilige zum Künstler (was in Flauberts Roman und vor allem in dessen Rezeption bereits angelegt ist). Und die Versuchung geht von einer durch Frack und Sektglas als Establishment kenntlich gemachten Partygesellschaft aus. Als deren Agent zieht Antonius’ mephistophelischer Gegenspieler Hilarion aus, um den Künstler als Lieferanten höherer Ekstasen zu gewinnen. Und das klappt auch insoweit, als dessen finaler Flug durch die Sphären tatsächlich als Spektakel für die Frackträger-Klicke herhalten muss.

So jedenfalls könnte man Fahimas Inszenierung auch lesen – eindeutig wird das nie, denn auch Fahima lädt das Geschehen und seine Zentralfiguren mit immer neuen Sinnassoziationen auf, vom Künstler-Phänotyp über den Faust bis zum Jesus und noch mehr. Eindrucksvoll ist, wie das Oldenburger Haus, das zwar Staatstheater heißt, aber nach der Dimension eher ein kleineres Stadttheater ist, auf diese Herausforderung reagiert. Wie das Orchester sich unter Lennart Dohms auf Kreppeins Komplikationen einlässt, wie der von Thomas Bönisch einstudierte Chor seine fordernden Aufgaben absolviert, wie die Darsteller szenisch und musikalisch bei der Sache sind – daran merkt man einfach, dass hier auch sonst mit Ambition Musiktheater gemacht wird. Die eindrucksvollste Bühnenfigur ist vielleicht Michael Pegher als Hilarion, ein dürres Teufelchen von trauriger Behändigkeit mit einem agilen Mime-Tenor. Aber auch Paul Brady gibt seinem Antonius große Präsenz zwischen lyrischem Wohlklang und delirierender Entäußerung.