Szene aus "Wallenberg" mit Renatus Meszar (Eichmann) und dem Chor.

Szene aus "Wallenberg" mit Renatus Meszar (Eichmann) und dem Chor.

© Foto: Jochen Klenk
Musiktheaterkritik

Surreal-konkrete Bilder

von Jörn Florian Fuchs

Erkki-Sven Tüür: Wallenberg

Premiere: 07.07.2012
Badisches Staatstheater Karlsruhe
Homepage: http://www.staatstheater.karlsruhe.de

Regie: Tobias Kratzer
Musikalische Leitung: Johannes Willig
Autor der Vorlage: Lutz Hübner

Was bzw. wie soll man in einer Oper über den Diplomaten Raoul Wallenberg erzählen? Schließlich ist das Schicksal des 1912 geborenen Schweden nach wie vor ungewiss. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs rettete er unzählige ungarische Juden vor der Deportation, indem er ihnen Schutzpässe ausstellte. Nach Kriegsende verlaufen sich seine Spuren, wahrscheinlich starb er in einem russischen Internierungslager. Librettist Lutz Hübner schrieb neunzehn – teils scharf geschnittene – Szenen, die neben historische Fakten Spekulatives stellen oder philosophische Reflektionen mit einem grotesken Postludium verknüpfen. Am Schluss der Oper ernennt nämlich Ronald Reagan Wallenberg zum amerikanischen Ehrenbürger, während Museumsbesucher einen goldenen Schutzpass oder eine Heldenfigur betrachten.

Sieht man von ein paar moralinsauren Ausrutschern ab, so überzeugt Hübners Text. Er korrespondiert auch gut mit dem Soundtrack des ehemaligen Rockmusikers Erkki-Sven Tüür. Tüürs Stärken liegen in aufgewühlten Perkussionsflächen, in kraftvollen Gesangslinien und pointierten Tuttieffekten. Bei den leiseren Stellen hängt das Ganze allerdings etwas durch und wird arg kitschig und redundant. Johannes Willig gelingt mit der Badischen Staatskapelle eine brillante Umsetzung der Partitur, Tobias Schabel zeigt ein aufwühlendes Rollenportrait Wallenbergs, Matthias Wohlbrecht überzeugt als Wallenberg zwei – ein die Ehrungen der Nachwelt gerne annehmendes Double. Renatus Meszar gibt Wallenbergs ärgsten Widersacher Adolf Eichmann solide, streckenweise mit etwas schwammiger Intonation, das übrige Ensemble agiert durchwegs auf hohem Niveau.

Den nachhaltigsten Eindruck hinterlässt die unter die Haut gehende Inszenierung von Tobias Kratzer. Kratzer und sein Bühnenbildner Rainer Sellmaier lassen alles in einem Einheitsraum mit Aktenschränken, einem herab gestürzten Lüster und einem Holzverschlag spielen. Im zweiten Teil des Abends wird das Ganze zum Museum um tapeziert. Die Nazischergen sind mit Schweine-Masken ausgestattet, Eichmann trägt eine grüne Strumpfmaske und grüne Handschuhe, die verfolgten Juden haben gelbe Masken mit großen Nasen. Kratzer gelingt dabei eine perfekte Balance aus konkreten und surrealen Bildideen – schlicht meisterhaft!