Claudia Iten und Ivar Gilhuus in der Aachener "Tristan und Isolde"-Inszenierung.

Claudia Iten und Ivar Gilhuus in der Aachener "Tristan und Isolde"-Inszenierung.

© Foto: Wil van Iersel
Musiktheaterkritik

Von der Liebe zwischen einem Orchester und seinem Dirigenten

von Andreas Falentin

Richard Wagner: Tristan und Isolde

Premiere: 20.05.2012
Theater Aachen
Homepage: http://www.theater-aachen.de

Regie: Ludger Engels
Musikalische Leitung: Marcus R. Bosch

Auch Marcus R. Boschs vorläufig letztes Aachener Musiktheaterdirigat überzeugt durch Klangfantasie und eigenständigen Zugriff. Das Sinfonieorchester Aachen folgt seinem Chef mit großer Delikatesse, besonders in den, im dritten Akt fast atemraubend schön spielenden, hohen Streichern. Schon im Vorspiel etabliert Bosch eine überraschend diesseitige Melancholie als Grundfarbe des Abends. Mit verzweifelter Energie scheinen die Seelen der Protagonisten ihre Qualen wortlos aus dem Graben auf die Bühne zu schreien.

Dort geht Ludger Engels durch und durch analytisch vor, verortet sozial und heutig und verzichtet – zumindest vordergründig – auf die kosmische Dimension des Werkes. Gleichsam im Vorübergehen reißt er psychoanalytische Deutungsmuster an, fokussiert aber vor allem auf die Darstellung des aneinander-vorbei-Redens, des in-sich-Gefangenseins seiner Hauptfiguren. Leider nimmt er diesem Ansatz durch ein Übermaß an kleinteiligen Bewegungen á la Zigarettenanzünden, und Stühle umwerfen und – fast eine Berufskrankheit vieler „Tristan“-Regisseure der jüngeren Vergangenheit – unnötigem Hantieren mit Fläschchen und Messerchen Kraft und Schärfe.

Unbestreitbar gelungen ist die deutlich konturierte Ausformung der Figuren. Isolde ist weder Mädchen noch Hexe, sondern eine erwachsene Frau, fast platzend vor Lebenshunger, widerwillig angepasst an eine übermächtige Männerwelt, eingesperrt in die getäfelten Wände von Christin Vahl wie ein Fisch ins Aquarium. Engels hat darauf verzichtet, die Altersunterschiede zwischen Rollen und Interpreten zuzuschminken. So erscheint Tristan als desillusionierter alter Krieger, kraftlos gefangen in den Verflechtungen und Verpflichtungen des Lebens. Die große Liebesnacht, der Traum lieben zu können, ohne leben zu müssen, wird gezeigt als kleinster gemeinsamer Nenner zweier Verzweifelter, Hoffnungselixier, Gefäß für ungestillten Lebensdurst hier, lebensverlängernde Droge, Schutzschild gegen allgegenwärtigen Überdruss dort. Aber die Zeit steht nicht still, das Leben geht immer weiter. Ein junges und ein altes Statistenpaar zeigen das deutlich.

Der folgende, minimalistisch am Text entlang inszenierte Schlussakt ist vielleicht als eine Verbeugung vor der Musik zu verstehen, die man sich leisten kann, wenn man Sänger hat wie in Aachen. Claudia Iten gelingt, trotz gefährdeter oberer Mittellage, ein expressives, vielschichtiges und sehr musikalisches Porträt der Isolde mit nuancenreicher Textgestaltung bis hin zum schwebenden, hochkonzentrierten „Liebestod“. Ivar Gilhuus hat ein unschönes, etwas schepperndes Timbre, das er sehr uneitel einsetzt. Beeindruckend an seinem Tristan sind, neben großer Textverständlichkeit, die gewaltigen Reserven im Schlussakt und sein präzises Spiel. Markes großer Monolog ist beim jungen, sehr stimmgewaltigen Woong-jo Choi kein resignativer Trauergesang, sondern ein trotziger, von Energieschüben durchpulster Kampf gegen die eigene Verletzlichkeit. In allen anderen Partien wird rollendeckend gesungen.

Marcus R. Bosch verlässt Aachen nach zehn Jahren als Generalmusikdirektor, in denen er das Musikleben der Stadt geprägt hat wie kaum jemand zuvor. Die Akzentuierung des enthusiastischen Schlussapplauses darf als vorläufig letzter Beleg gelten für eine Liebesbeziehung zwischen einem Orchester, seinem Dirigenten und seinem Publikum, wie sie auch in der immer noch reichen deutschen Stadttheaterlandschaft kaum alltäglich ist.