Die Welt als akustisches Abenteuer: Foto zur "Fernweh"-Produktion der Neuköllner Oper.

Die Welt als akustisches Abenteuer: Foto zur "Fernweh"-Produktion der Neuköllner Oper.

© Foto: Neuköllner Oper
Musiktheaterkritik

Der Mensch als Wander- und Wimmelwesen

von Elena Philipp

Matthias Rebstock, Hermann Bohlen, Michael Emanuel Bauer: Fernweh. Aus dem Leben eines Stubenhockers

Premiere: 23.08.2012 (Uraufführung)
Neuköllner Oper, Berlin
Homepage: http://www.neukoellneroper.de/

Regie: Matthias Rebstock

Allein akustisch nimmt „Stubi“ Stubenhocker Teil an der Welt. Aus seiner Wohnung im 4. Stock lauscht er in den Hinterhof mit seiner „sakral anmutenden Nachhallzeit“, hört das Fett in den Pfannen brutzeln, die Spülung in den Außentoiletten, die Müllabfuhr und den Türsummer: Pink Noise, ein Rauschen, in dem „alles drin“ ist. Dem Stubenhocker widmen der Musiktheaterregisseur Matthias Rebstock, der Hörspielautor Hermann Bohlen und der Komponist Michael Emanuel Bauer ihre erste gemeinsame Musiktheaterarbeit, die an der Neuköllner Oper Premiere feierte.

Vom titelgebenden romantischen „Fernweh“ à la Eichendorff wird der Stubenhocker (Stephan Lohse) nicht geplagt: „Und das ist alles, was ich brauche, dieser Hinterhof und sonst nichts, …“ Seine Weltverweigerung kontrastiert mit dem Wegfahrwahn der Nachbarn (Tobias Dutschke, Ursula Renneke, Mariel Jana Supka). Sie tauchen am Nordpol und raften in den Pyrenäen, planen den Urlaub mit Hilfe von Street View oder zeichnen, unermüdlich reisend, für Softwarefirmen die Geräusche der Welt auf, vom Tosen der Brandung bis zum Schnauben der Elche.

So weit, so stimmig der Einstieg in das 90-minütige Live-Hörspiel mit Schauspieleinlagen und Musik. Zwei Sprecherkabinen, ein Flügel und ein Sofa bemöbeln die Bühne, daneben einige Requisiten und Utensilien für das Geräuschemachen. Ist vom Klang des Hinterhofs die Rede, bittet die Aufnahmeleiterin (Schlagzeugerin Bärbel Schwarz) um „Atmo“ – und die Ensemblemitglieder öffnen die Fenster zum Hof. Ein Mofa knattert durch den Berliner Abend.

Auf dem Flügel intoniert Panagiotis Iliopoulos Schuberts „Wanderer-Fantasie“ (1822). Als musikalischer Topos für das Fernweh wird sie vom Ensemble mit Cello, Saxofon, Schlagzeug, Marimba und Stimme im Laufe des Abends immer wieder zitiert, wird transformiert und mit Spieltechniken und Klangfarben der Neuen Musik konfrontiert. Weiteres Material sind dem Komponisten Bauer drei Lieder aus dem Zyklus „Apparition“ (1979) von George Crumb, live interpretiert von der Sopranistin Yuka Yanagihara, und die 12-Ton-Reihe aus Leonard Rosenmans Filmmusik zum Sci-Fi-Klassiker „Fantastic Voyage“ (1966). Der Eklektizismus funktioniert als musikalisches Kompositions- wie als inszenatorisches Montageprinzip recht gut. In einer ironisch inspirierten Audiocollage wirbeln Bahnhofsansagen, Jingles, Musikfetzen sowie komödiantische Fehlübersetzungen aus dem Japanischen und Finnischen durcheinander bis zum Schwindel. Hier hebt der Abend federnd ab. Doch textlich verheddern sich die Fäden. Mit zu vielen Assoziationen und Zitaten ist die Aufführung überfrachtet. Sie thematisiert das Fernweh als Suche nach dem eigenen Platz in der Welt; die Grenze zwischen Innen und Außen – Wände, die (semi)permeable Haut, das ethnisch wie biologisch Fremde; den Clash der Kulturen und den Menschen als Wimmelwesen aus Bakterien, Pilzen, Viren.

Mit einem abrupten Genrewechsel wird dieser thematische Knoten durchschlagen. Die neugierigen Nachbarn sorgen sich um Stubenhocker und treten ihm schließlich die Türe ein. Ihr Stubi entpuppt sich als pappener Lockvogel, seine Wohnung als Falle – und die Hausgenossen sehen sich als Besatzung eines U-Boots rekrutiert, das für eine medizinische Mission im Körperinneren auf Mikrobengröße geschrumpft wird: eine Hommage an „Die Fantastische Reise“. Schön ist es anzuschauen, wie die nun retro-futuristisch weiß gekleideten Performer aus der beleuchteten Kabine starren, ins Schwarz, durch das bunt projizierte Blutpartikel treiben. Doch dass die ganze Welt auch in den Geräuschen eines Hinterhofs geborgen liegt und man weder beliebig ins allzu Ferne noch mikroskopisch Nahe schweifen muss, hat sich Hermann Bohlen eigentlich selbst in den Text geschrieben. Es bleibt eine Idee unter vielen.

Einmal nimmt der “Klangmeier” (Dutschke) das Brodeln der Espressokanne mit dem Mikrofon ab. Elektronisch verstärkt, verfremdet sich das Alltagsgeräusch zu etwas Unerhörtem, und das vermeintlich Nahe löst ein Fernweh aus, das die Inszenierung sonst nur behauptet.