Gärtnerplatztheater: Das Ensemble in "Cabaret"

Gärtnerplatztheater: Das Ensemble in "Cabaret"

© Foto: Christian Zach
Musiktheaterkritik

Fulminante Endzeit-Show

von Wolf-Dieter Peter

John Kander: Cabaret

Premiere: 21.02.2013
Gärtnerplatztheater, München
Homepage: http://www.gaertnerplatztheater.de/

Regie: Werner Sobotka
Musikalische Leitung: Andreas Kowalewitz

Die trauen sich was – und können geradezu triumphieren! Denn natürlich hat man als Freund des Musicals Liza Minnelli und Joel Grey in der exzellenten Verfilmung präsent – Maßstäbe setzende Interpretationen der Nachtclubtänzerin Sally Bowles und des zynisch grell überdrehten Conférenciers. Und jetzt Staunen in der hübsch umgebauten Münchner Reithalle: Bühnenbildnerin Amra Bergman-Buchbinder hat vor die stark ansteigende Zuschauertribüne (gute Sicht!) noch ein paar Nachtclubtischchen aufgebaut. Zunächst verschließt eine raffiniert „billige“ Plastikspiegelwand die Bühne, mit einem banalen Glühbirnenrahmen, in dem schon ein paar durchgebrannt sind… wir sind ja schließlich nicht im Berliner Friedrichsstadtpalast des Jahres 1929. Wie zwei große Flügeltüren klappt die Wand dann auf, zum berüchtigten „Kit-Kat-Club“ mit seiner einfachen Bühnenfläche und vielen gut genutzten Auftrittstüren. Hinten sitzt auf einer Tribüne die achtköpfige Band und liefert den kess-frechen Sound der „Goldenen Zwanziger“, den Bandleader Andreas Kowalewitz mal einfühlsam am Klavier, dann auch mit viel Gespür für Pausen wie kleine Akzente und immer wieder losfetzend trifft: mitreißend, der Fußwippeffekt stellt sich ein.

Mit wenigen Stühlen, mal einem Stand-Mikrofon jener Jahre, vor allem aber präziser Personen- und Lichtregie bis hin zum gekonnten Einsatz von Spotlights erzählt Regisseur Werner Sobotka die scheiternde Love-Story vom unbedarften „Schriftsteller“ Cliff. Aus den USA kommend, sucht er im Berliner Krisentrubel „Anregung“, trifft auf die kesse, überdrehte, alltagsuntaugliche, sexy Nachtclub-Sumpfblüte Sally Bowles, deren Begabung gerade mal zum „Star“ eben des „Kit-Kat“ taugt. Das geht eine kurze Weile, doch schon tauchen die Nazis auf – und auch das inszeniert Sobotka unaufdringlich, aber deutlich: da singt vor der Pause der kleine Hitlerjunge Felix Nyncke ein deutsches „Volkslied“, ein Solo aus der braunen Gegenwelt gegen alle „Dekadenz“ – und am Ende, als alle einen „Vaterland“-Song brüllen, kommt er ins Zentrum, dann Bühnendunkel, doch in einem gleißenden Spot steht er mit schneidigem Hitlergruß – ein atemverschlagendes, gespenstisches Abbild jenes Kleinbürgers, der als „GröFaz“ eine halbe Welt in den Abgrund riss. Doch davor haben Regisseur Sobotka und der „Cabaret“-erfahrene Choreograph Ramesh Nair das turbulente Leben und tabulose Lieben in der Weltstadt Berlin als gut getimten, oft frechen Wirbel inszeniert. Spiel und Tanz gehen rasant ineinander über, gut getanzt, gestampft und geturnt von fünf kessen „Girls“ und vier kecken „Boys“.

Anrührende Haltepunkte bildeten die Szenen mit der Zimmerwirtin „Frau Schneider“ von Gisela Ehrensperger, die ihre späte Liebe zum jüdischen Nachbarn (Franz Wyzner als unbedarftes Opfer) aufgibt, weil sie sich durchwuseln muss: ein erster Ziegelstein hat aus dessen „OBSTLADEN“ die Buchstaben „SA“ herauskippen lassen… Das versteht Cliff richtig und verlässt Berlin – was Dominik Hess aber alles sehr blass und steif gestaltete. Dafür verlieh Markus Meyer dem Conférencier vom Fingerwinken und obszönen Griff in den Schritt – aber bitte immer in weißen Handschuhen! -, über gekonntes Mittanzen mit der Truppe bis zum mal grell giftigen, mal aalglatt hämischen Gesang ein ganz eigenständiges Profil „himmlischer Dekadenz“. Nadine Zeintl bringt für Sally Bowles das Äußere eines Kind-Girlies mit, trötet naiv-dümmlich über alle Drogen-Warnungen und NS-Ahnungen hinweg, mutet ihrem Körperchen dementsprechend alle Verbiegungen und Verdrehungen zu und singt mit einer „Power“, die fesselt. Am Schluss sing-schauspielert sie, halb kaputt nach der Abtreibung des Kindes von Cliff, dennoch hochgeputscht ihr Comeback im „Kit-Kat“: ein Totentanz-Vampirchen, wie eine Marionette ihr Show-Getanze „abspulend“, ein von Ruhm-Gespinsten verblendetes, sich selbst ausbeutendes Menschenkind, – da erreichte der Musical-Abend kurz in Bann schlagendes Tragödienformat. Jubel, Sturmszenen der Begeisterung – und die Prophezeiung: die Aufführungsserie muss trotz Fastenzeit verlängert werden! Jedenfalls sofort Karten besorgen!