Martin Platz (Orpheus) und Leah Gordon (Eurydike) in Laura Scozzis Inszenierung.

Martin Platz (Orpheus) und Leah Gordon (Eurydike) in Laura Scozzis Inszenierung.

© Foto: Ludwig Olah
Musiktheaterkritik

Höllengalopp mit Hundeführer

von Dieter Stoll

Jacques Offenbach: Orpheus in der Unterwelt

Premiere: 10.11.2012
Staatstheater Nürnberg
Homepage: http://www.staatstheater-nuernberg.de

Regie: Laura Scozzi
Musikalische Leitung: Gábor Káli

Der Blick auf die bröckelnde Klassik-Kulisse der alten Griechen kommt erst später, wenn die schrille Repräsentantin der Öffentliche Meinung ihren Stammplatz im Parkett aufgibt, um mit ungebremstem Tea-Party-Charme im Namen der Moral in den Olymp vorzudringen. Zunächst zeigt Regisseurin Laura Scozzi im Bühnenbild von Juliette Blondell in ihrer Nürnberger Inszenierung von Jacques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ gepflegten Plattenbau. Sobald die Fassade abhebt, werden die Räume mehrerer Etagen im Querschnitt sichtbar, tauglich für „Fenster zum Hof“-Einsichten. Da gibt es Synchron-Übungen für den Frühstücks-Sex, dem Rhythmus der Musik freundschaftlich verbunden. Eurydike betreibt – direkt neben der Außenstelle vom Sozialamt – einen Frisiersalon im Parterre und ein Liebesnest im ersten Stock, Orpheus geht im Zimmer daneben fremd. Mit dem Aufzug kann man durchs ganze Universum fahren, denn Jupiter herrscht auf dem Dach und Pluto in der Tiefgarage. Der dunkle Gott mit dem Totenkopf-Gürtel holt sich die Friseuse im Sarg nach unten, der Herrscher von oben hätte sie aber auch gerne und macht deshalb den dicken Brummer. Da sind das Original und die Neuinszenierung zeitweilig deckungsgleich.

Dass der Olymp eine Pflegestation für Götter am Tropf oder mit Gehhilfe ist, hätte man nicht gedacht. Andererseits: Die Einflugschneise im Hintergrund, die neben Pendelverkehrs- Maschinen der Lufthansa auch Superman im Charterflug zeigt, bestätigt den Sündenfall im Paradies. Da reicht es beim Can-Can nur noch zur Krankengymnastik und die Revolution der debilen Überirdischen gegen den Fraß aus der Himmelskantine wird mit dem Schlachtruf – na, erraten? – „Wir sind das Volk“ eingeleitet. Dann zieht die geriatrische Polonaise runter zu Plutos Party, dort wo das Rauschgift staubt, und bestaunt unsterbliche Promis beim Höllengalopp. Die Monroe und die Winehouse, der Warhol und der Lennon, Lady Di, Pina Bausch und Michael Jackson – alle in Reih und Glied. Aber zuvor singt ja noch John Styx, dass er einst Prinz von Arkadien war und nun Lethe-Wasser säuft. Kleiner Irrtum, er war „ein ganz großer Herrscher“, ist aber eindeutig Adolf Hitler, der hier in Braunhemd-Uniform aus der Limousine steigt. Ach ja, vorher hatten wir einen freundlichen Schäferhund (und seinen aus der Seitengasse dirigierenden Hundeführer) als Zerberus kennen gelernt, werden nun jedoch enttäuscht, weil keinerlei Rückkoppelung zu Blondie stattfindet.

Man muss das alles erzählen, um die Arbeits-Technik der inszenierenden Choreographin Laura Scozzi zu erfassen. Sie ist eine fröhliche Theatermacherin, die Szenen auf Gag-Tauglichkeit abklopft und dabei – egal, welches Stück gerade vorbeikommt – ihre Einfälle wie aus der Wundertüte über alles auskippt. In Nürnberg, der Deutschland-Station der französisch-italienischen Regisseurin, ging das bei Rossinis „Reise nach Reims“ recht gut, zuvor bei veralbertem Mozart und Berlioz eher nicht, und jetzt bei Offenbach führt es zu einer Schaumschlag-Satire ohne Konturen. Denn Scozzi mag den Spott des Originals nicht wirklich umdeuten, definiert weder die Obrigkeit noch die Scheinmoral neu, hat auch keine Lust auf die Logik des Querschlags im Umgang mit der Konvention. Sie findet alles einfach komisch, vor allem aber sei es „nichts Intellektuelles“.

Dass Komik und Geist gut zusammenpassen, demonstriert in der Nürnberger Produktion vor allem die Staatsphilharmonie. Gábor Káli dirigiert Offenbachs süffige Ironie als Balanceakt zwischen Hommage und Persiflage, lässt dem Original seine heimliche Sehnsucht nach dem großen Klang und stürzt das ganze Orchester aus solcher Träumerei in ein Befreiungsschlagwerk übermütiger Sound-Donnerwetter. Das macht es den Sängern, die gleichzeitig als gemütliche Comedy-Athleten gefordert sind, zeitweise schwer. Sie hecheln dem flotten Witz aus dem Graben, der die Witze auf der Bühne ständig überrundet, lange hinterher, ehe es zur gemeinsamen Linie reicht. Dabei sind Martin Platz und Leah Gordon in den Titelrollen, Martin Berner (Jupiter), Tilman Lichdi (Pluto), Leila Pfister (Öffentliche Meinung) und Michaela Maria Mayer (Cupido) alle aus der ersten Reihe des Opern-Ensembles. Bei ihnen klingen Dialoge oft noch mehr nach „großer Oper“ als der Gesang.

Am Ende teilte sich das Publikum. Beifall fürs Ensemble, kräftige Buh-Rufe gegen die Regie, erst danach auch manches Gegen-Bravo. „Orpheus in der Unterwelt“ ist ein Schatz, der an diesem Abend auf Sichtweit versunken bleibt.