Szene aus "Tod eines Bankers" mit Hans Peter Struppe, Jan Novotny und Audrey Larose Zicat

Szene aus "Tod eines Bankers" mit Hans Peter Struppe, Jan Novotny und Audrey Larose Zicat

© Foto: Nikolai Schmidt
Musiktheaterkritik

Singen gegen die Krise

von Michael Bartsch

Fabian Scheidler: Tod eines Bankers

Premiere: 06.04.2013 (Uraufführung)
Gerhart Hauptmann-Theater, Görlitz
Homepage: http://www.g-h-t.de/

Regie: Klaus Arauner
Musikalische Leitung: Ulrich Kern

Kann man veropern, was der Welt inzwischen offen um die Ohren fliegt? Mit Elfriede Jelineks „Kontrakte des Kaufmanns“ fand 2009 die aktuelle Finanzkrise, das System, in dem wenige dank Spekulationen jenseits aller Realwirtschaft Unsummen einstreichen können, den Weg auf die Sprechtheaterbühne. Das Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau kann nun für sich in Anspruch nehmen, mit einem solchen Stoff erstmals ins Musiktheater vorgestoßen zu sein. Generalintendant Klaus Arauner, der auch inszenierte, hält es für die Aufgabe eines öffentlich geförderten Hauses, „aktuelle Stoffe im Spiegel der Gesellschaft“ aufzugreifen. Seit drei Jahren gärt in Görlitz das Projekt. Autor und Dramaturg Fabian Scheidler hat sich mit Parodien auf die Absurditäten des Weltfinanzsystems schon hervorgetan und schrieb jetzt das Libretto für „Tod eines Bankers“. Ein Titel, der einem gleichnamigen „Spiegel“-Beitrag über den Selbstmord eines jungen Superbankers in London entlehnt ist. Der in Dresden geschulte Komponist Andreas Kersting wagte die musikalische Umsetzung.

Um es vorweg zu nehmen: Auch nach der viel beachteten und dankbar beklatschten Uraufführung am Sonnabend bleiben Zweifel, ob die operneigene Ästhetik das adäquate Mittel für ein solches Sujet bietet. Seltsamerweise blieb die Wirkung des Bühnenereignisses hinter der Lektüre des teils pathetischen, teils agitatorischen Librettos zurück. Dabei hat Fabian Scheidler versucht, der Bühne entgegen zu kommen, unternimmt nicht etwa den Versuch, Staatspleiten, Finanzwetten und spekulative Blasen zu erklären. Es geht um nachvollziehbare Auswirkungen auf den Einzelnen, auf die Verlierer, ebenso aber auch um das Allzumenschliche bei den vermeintlichen Gewinnern. Als verletzbare Subjekte können sie an der von ihnen selbst geschaffenen Maschine scheitern. Doch das Thema scheint zu komplex, um es exemplarisch abzuhandeln. Der Versuch kollidiert schlichtweg mit dem Genre der Oper, für die vertiefte Reflexion menschlicher Beziehungen bleibt kaum Raum.

Der Autor scheut sich nicht, bei der erzählten Geschichte auch auf die Tränendrüsen zu drücken, plant durchaus Betroffenheitstheater. So nimmt sich gleich zu Beginn die Rentnerin Athina das Leben, weil sie ihre Wohnung nicht mehr bezahlen kann. Ihre Enkelin Dalilah, anrührend und engagiert gesungen von Yvonne Reich, entwickelt sich zur eigentlichen Heldin. Nach Hinauswürfen aus einem Callcenter und einer Bar nutzt sie WikiLeaks-Methoden, mutiert zu einer Art Attac-Aktivistin und Führerin eines Aufstands. Ihr Gegenspieler ist Lundt, der vom klaren, fast zu schönen Tenor Jan Novotny gesungene „Juniorbanker des Jahres“. Der aber gerät in die von ihm selbst mitgedrehte Mühle, wird von der Politik und dem superreichen „Prinzen“ zum Sündenbock für die Staatskrise gestempelt. Sein Abstieg endet mit seiner für das Publikum nicht ganz durchschaubaren Ermordung.

Das Drama spielt in dem gar nicht so fiktiven Ionien, in dem jeder unschwer Griechenland erkennt. Spätestens dann, wenn der „Tempelberg“, also die Athener Akropolis, wegen der Staatsschulden an den Prinzen verhökert werden soll. Videos helfen nach, verwirren aber auch oft. Gehalten sind sie wie die Ausstattung von Britta Bremer und das Licht im alles dominierenden Grün – die Farbe der Hoffnung! Sollte es so gemeint sein, kollidiert es mit der düsteren Grundstimmung, die sowohl von der stets gedimmten Beleuchtung wie auch vom Gestus der Komposition herrührt. Die bleibt neben wenigen Ausflügen ins Schalkhaft-Parodistische latent bedrohlich. Das Flirren elektronischer Zuspiele trägt dazu bei, Vierteltöne, Spaltklänge des Orchesters. Die Neue Lausitzer Philharmonie, dirigiert von Ulrich Kern, muss nach den Naturtönen der Bläser einstimmen. Ausgerechnet mit der finalen Zuspitzung klärt sich die stets illustrative und sich kaum je verselbständigende Musik zu choralartigen traditionellen Akkordstrukturen.

Es liegt nicht am hervorragenden Sängerensemble in Görlitz und weniger an der Regie, dass dieses brennende Sujet nicht recht unter die Haut geht. Am ehesten noch in den von Chor und Choreografie bestimmten Szenen. Langeweile kommt nie auf, aber der ostinat schleppende Grundrhythmus reißt auch selten mit. Es ist der nun einmal der Oper eigene traditionelle sängerische Gestus, eine zum Genre gehörende Langsamkeit, die der Thematik viel an Schärfe nimmt. Für ein Fanal, das eine solche Aufführung bedeuten könnte, wirkt die Opernszene einfach zu gebremst.