Wie bei einer Probe kommen die Sänger der Reihe nach auf die am Boden schachbrettartig gemusterte Bühne (Britta Lammers). Zwischen ihnen nehmen vier schwarzbefrackte Herren (Kostüme: Angela C. Schuett) an fahrbaren Tischchen Platz, die jeweils mit einem Schallplattenspieler und einer Lautsprecher-Box bestückt sind. Dahinter sitzen links und rechts zwei Pianisten (Igor Beketov und Alfredo Miglionico) an Konzertflügeln. An der Rückwand wird eine elektronische Zeitanzeige eingeblendet (Licht: Ulrich Babst). Sobald sie startet, legen die Akteure los. Arienfetzen aus allen erdenklichen Musikdramen kollidieren mit Hintergrundgeplätscher virtuoser Opernparaphrasen für Klavier von Liszt und wahren Klangschlachten für Solisten, Chöre und Orchester aus den Lautsprechern der Grammophone, während der Orchestergraben leer bleibt.
„Dreihundert Jahre lang haben uns die Europäer ihre Opern geschickt. Jetzt schicke ich sie ihnen zurück“, soll John Cage über seine Musiktheaterstücke „Europeras“ gesagt haben, von denen das Ulmer Theater nun Nr. 3 und Nr. 4 in Kombination mit Gerhard Stäblers „Futuressence XXX“ präsentiert. Cages Konzept, das Gesamtkunstwerk Oper in seine einzelnen Elemente – Gesang, instrumentale Begleitmusik (hier von zwei Korrepetitoren und von Schallplatten beigesteuert), Beleuchtung, Szene und Dichtung – zu dekonstruieren und dann nach dem Zufallsprinzip von den Interpreten neu kombinieren zu lassen, läuft in „Europera 3“ auf eine mehr als einstündge Collage hinaus.
Hier trällert Bizets Carmen, dort plustert sich Mozarts Leporello auf, da „bluten“ Prokofjews Orangen, und neben bekannten Ohrwürmern von Verdi, Wagner oder Puccini schwappen auch Händel-Koloraturen in den Klangmix. Zeitweilig ist das ganz lustig und verleitet zu Ratespielchen, doch bald stellt sich Langeweile ein. Da hilft auch das Vinyl-Dressing nicht weiter, das die „Musikkellner“ über den multitonalen Einheitbrei gießen. Cages respektloser Blick von außen auf alteuropäische Tradition kann erfrischend sein. Es ist aber die Crux seiner Konzeptkunst, dass ihre oft sympatisch unverkrampfte, humorvoll anarchische Ideen mehr versprechen, als deren akustische und szenische Umsetzung einlöst.
Die Ulmer Aufführung wirkt sehr statisch, fast konzertant. Vielleicht hätte Mathias Kaiser (Regie) mehr Operntheatralik ironisch ins Spiel bringen sollen. Vielleicht ließe sich das Stück auch kritischer als Abbild heutiger Kulturverwertung inszenieren. Gleichwohl geben sich alle Musiker Mühe (Einstudierung: Michael Weiger). Klanglich bezaubernde Zufallskonstellationen ergeben sich auch in der kammermusikalischeren „Europera 4“ selten. Meist neutralisieren sich „schöne Stellen“ gegenseitig, obwohl die Interpreten gegen Cages Konzept dynamisch unwillkürlich Rücksicht aufeinander nehmen.
Insgesamt ermöglicht die Ulmer Produktion zum 100. Geburtsjahr des lachenden Schamanen einen ernüchternden Blick auf den Mythos Cage. Stäblers „Futuressence“ (2000) ist eine knapp halbstündige, am Karlsruher Zentrum für Kunst- und Medientechnologie erstellte Tonbandcollage zu Kurzakten italienischer Futuristen. Mag sein, dass das kulturrevolutionäre Pathos von Marinetti & Co vor hundert Jahren die Bürger schreckte. Heute wirken die Kalauerszenen erschreckend harmlos, fast wie pubertäre Schülersketche.