Aus der Hauptprobe für " Europeras 1 " von John Cage in der Inszenierung Heiner Goebbels.

Aus der Hauptprobe für " Europeras 1 " von John Cage in der Inszenierung Heiner Goebbels.

© Foto: Wonge Bergmann für die Ruhrtriennale, 2012
Musiktheaterkritik

Oper ohne Oper

von Andreas Falentin

John Cage: Europeras 1&2

Premiere: 17.08.2012
Ruhrtriennale, Bochum
Homepage: http://www.ruhrtriennale.de

Regie: Heiner Goebbels
Musikalische Leitung: Harry Curtis

Zur Eröffnung der ersten von ihm verantworteten Ruhrtriennale hat Heiner Goebbels den, zur Zeit wegen seines virtuellen hundertsten Geburtstags überall gefeierten, Komponisten John Cage überraschend deutlich beim Wort genommen. Wie einst Cage bei der Uraufführung in Frankfurt teilt Goebbels für „Europeras 1“ seine 90 Meter tiefe Bühne in der Bochumer Jahrhunderthalle in 64 Felder ein, von denen je eine, gelegentlich elektronisch verstärkte, Gesangseinlage eines der zehn guten bis hervorragenden Sänger aus zehn europäischen Ländern ihren Ausgang nimmt. Das dazu getragene Kostüm hat garantiert nichts mit der jeweiligen Arie zu tun, genauso wenig wie Bühnenbilder, Requisiten, Beleuchtung, Orchestermusik. Jede Komponente steht für sich. Strukturelle Verbindungen hat Cage durch das chinesische „I Ging“ hergestellt, eine Art prähistorischen Zufallsgenerator. Die gesungenen Stücke richten sich nach dem Repertoire der teilnehmenden Sänger. So wird in Bochum der Wunschkonzertcharakter vermieden – wenig Wagner und Puccini, gar kein Strauss und da-Ponte-Mozart, dafür Balfe und Krasa, Telemann und Karlowicz.

Heiner Goebbels hat einen „Garten der Bilder“ entstehen lassen. Enthusiastisch grast der Blick in den von Klaus Grünberg detailgenau nachgebauten historischen Bühnenbildern aus vier Jahrhunderten, in den exquisiten, allerdings höchstens teilautonomen Lichtstimmungen, in den prunkvollen, aber nicht protzigen, anspielungsreichen Kostümen von Florence von Gerkan. Der Zuschauer baut sich seinen eigenen Film, kombiniert selbständig Details. Das Auge als Kamera: Totale, Halbtotale, Großaufnahme. Und staunt. Das ganze Theater liegt offen vor ihm: Umbauten, Umzüge, alles ist zu sehen und läuft perfekt ab. Hier geht Goebbels sogar weiter als Cage bei der Uraufführung. Selbst das anschließende Publikumsgespräch bezieht der neue Intendant in sein so komplexes wie offenes Gesamtkunstwerk ein. An 64 Tischen sitzende Zuschauer erhalten 64 mit der Produktion befasste Gesprächspartner, die alle fünf Minuten den Tisch wechseln…

Nur der Sinnsucher hat es schwer. Wenn Steine auf die Bühne rollen, rollen eben Steine auf die Bühne. Runde, eingedellte angemalte Theatersteine rumpeln gegeneinander und bleiben irgendwo liegen. Sie bedeuten nichts, nur sie selbst, Laut, Bewegung… Das Orchester sieht man nicht. So gerät es ein wenig in den Hintergrund dieses „Theaters des Sehens“. Und doch wirkt dieses 90-minütige Stück wie eine wache, frohe Erinnerung an die einzigartige 400 Jahre alte Kunstgattung Oper, ohne Wehmut, fast stolz, als bewusstes Plädoyer für ein Theater von Menschen für Menschen – mit dem Menschen im Zentrum. Fast schon ein politisches Statement in Zeiten wie diesen.

Ach ja, nach der Pause gab es „Europeras 2“. Vor dem Prospekt einer barocken Architekturstudie wird in schwarzen, historischen Kostümen Ensemblegesang getrieben, wobei die Instrumentenfarben viel besser zur Geltung kommen. Allerdings scheint hier die Frage nach dem ästhetischen Ertrag des Nicht-Sinns wesentlich dringlicher als im ersten Teil. Aber: wie elegant kommt das alles daher. Wie fein sind die Stimmen und Instrument aufeinander abgestimmt, wie verschmitzt die kleinen Spielereien am Bühnenbild, das plötzlich von einem virtuellen Hund durchquert wird. Und die Zeiger der Uhr am Glockenturm im Bild bewegen sich, langsam, aber unermüdlich. Man mag nicht schelten. Man geht froh.