Das Dortmunder Ballett in "h.a.m.l.e.t.".

Das Dortmunder Ballett in "h.a.m.l.e.t.".

© Foto: Menne
Tanzkritik

Xin Peng Wang: h.a.m.l.e.t.

von Marieluise Jeitschko

Xin Peng Wang: h.a.m.l.e.t. – Die Geburt des Zorns

Premiere: 06.11.2010
Ballett Dortmund
Homepage: http://www.theaterdo.de

Komponist: Arvo Pärt

Hamlet in Winnenden? Xin Peng Wang kann der Idee seines Dramaturgen Christian Baier, Shakespeares melancholischen Zauderer und den völlig ausgerasteten Amokläufer Tim Kretschmer als „soziale Autisten“ in dieselbe Ecke zu stellen, offenbar wenig abgewinnen. Zwar eskalierten „in beiden Fällen jahrelang verdrängte Konflikte“, gesteht er zu. Im übrigen aber hält sich der Choreograf sehr nah an Shakespeares Handlungsstrang, Zeit und Charaktere. So werden Baiers reichlich verquastes Konstrukt „h.a.m.l.e.t.“ (für Honesty, Agony, Mother, Love, Eternity, Truth) und der Untertitel „Die Geburt des Zorns“ überrollt von der archaisch-theatralischen Kraft dieses Balletts.

Flüssig, zügig und klar inszeniert der Dortmunder Ballettdirektor die Tragödie. Er findet zu einem ungewohnt harmonischen, kraftvollen Bewegungsvokabular vor allem für die Szenen des Corps de ballet. Hoheitsvoll tanzen Primaballerina Monica Fotescu-Uta und Howard Lopez Quintero, der vermeintliche Königsmörder, bei Hofe. Im glutroten Ehebett lassen sie ihrer Leidenschaft hemmungslos lasziv freien Lauf. Jelena-Ana Stupar – zierlich, zart und ausdrucksstark – entwickelt sich zum neuen Star der Compagnie. Als Ophelia tanzte sie sich in der zwölf-minütigen (gestisch fast allzu zurückhaltenden) Wahnsinnsszene vollends in die Herzen des Publikums, nachdem sie mit dem wunderbar zögerlich melancholischen, kaum je zornigen Hamlet (Mark Radjapov) zuvor schon im großen Pas de deux auf Arvo Pärts wohlbekannte „Tabula rasa“ Szenenapplaus geerntet hatte.

Mit Zustimmung des Komponisten ist aus einem sensiblen Arrangement kammermusikalischer und sinfonischer Werke eine veritable, abendfüllende Ballettmusik entstanden. Die Kraft der Musik reicht weit über die hervorragende, konzertreife Interpretation durch das Philharmonische Orchester und vier Solisten unter dem japanischen Kapellmeister Motonori Kobayashi hinaus. Sie bildet – gemeinsam mit der schwebenden Bühnendekoration von Frank Fellmann, den schlicht eleganten Kostümen von Alexandra Schiess und dem fulminanten Lichtdesign von Leo Cheung – das atmosphärische Rückgrat der Choreografie. Derart stimmig und geschlossen sieht man in Deutschland heutzutage allenfalls in Hamburg ein neues Handlungsballett.