Susanne Schrader, Irene Kleinschmidt und Gabriele Möller-Lukasz in "Perpetuum Mobile" von Urs Dietrich.

Susanne Schrader, Irene Kleinschmidt und Gabriele Möller-Lukasz in "Perpetuum Mobile" von Urs Dietrich.

Tanzkritik

Der Anfang birgt das Ende, immer schon

von Jens Fischer

Urs Dietrich: Perpetuum Mobile

Premiere: 10.06.2011
Theater Bremen
Homepage: http://www.bremertheater.com

„Jedes Leben / so oder so schon gelebt von Anderen / zu anderen Zeiten / in anderen Gewändern, Kulissen / da oder dort / Konstellationen, Muster / sich wiederholend in Varianten. / Alles schon / so oder so auch gesagt.“ Und die Kunst? Urs Dietrichs aktuelle Tanztheater-Kreation sagt auch nichts Neues, das aber einfach betörend schön mit schwebend leichten Bilderfindungen und der sinnlich-philosophischen Sprache Friederike Roths.

In Bewegung übersetzt wird unser Dasein – als Perpetuum mobile: einmal angestupst geht es immer weiter und weiter. Aber die stete Lust neu durchzustarten ist schnell wieder Vergangenheit, geht nämlich in Routine über. Der Anfang birgt immer schon das Ende. Weißer Schnee rieselt auf die schwarze, leere Bühne.

Urs Dietrich mag Worte, die als Überlebende des Lebens dem Tanz Gesellschaft leisten, ihn kommentieren, herausfordern. Ihm die choreografische Struktur vorgeben. Ideal eignet sich dazu Friederike Roths Prosagedicht „Abendlandnovelle“. Es ist gekennzeichnet durch rhetorische Wiederholungen, Satzabbrüche und assoziativ gegeneinander gesetzte Gedankensplitter, also das stete Rotieren in Aufbruch-Erstarrung-Neuanfang. Das verdeutlichen die mitwirkenden Schauspielern zusätzlich, indem sie Textpassagen als Loops rezitieren. Im Hintergrund gibt das sanft pulsierende Klicken einer mechanischen Spiegelreflexkamera den Rhythmus vor, die Tänzer entwickeln aus Schnappschusshaltungen in weichen, fließenden Bewegungen ihre Selbstentwürfe. Dann Innehalten: Lockerungsübungen, Wiederaufhübschung. Und weiter geht`s – mit dem soeben entwickelten Motionskanon, dezent variiert und differenziert. Oder die Bewegungsformeln werden in neuem Kontext fortgeführt, beispielsweise einem Pas de deux. Im Kreislauf des Weitermachens verlieren die Paare aber schnell ihre dynamische Ausdrucksstärke und schließlich auch einander. Tanz wird leeres Motionsballett, wird Perpetuum mobile. Oder wie Roth schreibt: „Etwas fängt an. / Dann wiederholt es sich. / Dann hört es auf. / So ist es immer. / Man muss nicht aus der Haut fahren deshalb. / Es ist eine einzige große Langeweile. / Das ist faszinierend.“

In der Tat: Ein klug komponierter Abend ist Dietrich gelungen, er öffnet der Poesie Gedankenräume, indem Musik, Literatur und Tanz als Spiegelkabinett inszeniert werden, auf inhaltlicher wie ästhetischer Ebene. Denn auch die live pianierten Klavierstücke und Lieder Franz Schuberts kreiseln ja romantisch um die Ergebnislosigkeit von Hoffnungen angesichts der eigenen Vergänglichkeit und kommen keinen Schritt weiter als zum süßen Schmerz der Melancholie.

„Lieber kein Anfang. Denn / wo kein Anfang / droht auch kein Ende. Und Segen / liegt nie auf dem Anfang. / Heil davon / kommt am Ende doch keiner“. Trotzdem stürmt das Ensemble zu Beginn wie zum Finale neugierig an die Rampe, ängstlich, voller Erwartung blickt es lange stumm ins Publikum. Aber nichts Neues ist zu entdecken. Gleich wird begeistert geklatscht, o. k., und sonst? Die hochgradig gespannten Künstlerkörper sacken in sich zusammen, diffuser Verdruss, welk werdende Träume, tanztrottender Abzug durch die Hintertür. „Man muss irgendwie / sich halbwegs zum Ende hinexistieren“, schreibt Roth. „Also anfangen ohne wozu / und weitergehen dann / um die Schönheit zu suchen. / Kirschen im Schnee. / Nichts als Klischee?“