Tanzkritik

Todesfalle Ballett

von Vesna Mlakar

Terence Kohler: Série Noire

Premiere: 22.06.2010
Prinzregententheater, München
Homepage: http://www.bayerische.staatsoper.de

Die Idee ist so spannend wie selten: ein Ballettthriller, der zeitlich zwischen 19. Jahrhundert und der Gegenwart hin- und herspringt und sich am dubiosen Mord zweier Starballerinen zuerst in St. Petersburg und dann in Frankreich entzündet. Die Stimmung dazu kurbeln Kompositionen von Philip Glass an. Leitfigur und Augenlenker für das Publikum ist Alen Bottaini. Ganz im Look des Film Noir – auf dessen inhaltlichen und stilistischen Grundmerkmalen Kohlers Inspiration für seinen bereits dritten Abendfüller fußt – betritt er im Trenchcoat als Erster die Bühne und zappt sich durch eine leicht grieselig-flirrende Filmaufnahme, die Lucia Lacarra als Pariser Étoile der 1950er Jahre im zentralen Pas de deux mit ihrem Partner Cyril Pierre zeigt. Etwas später folgt ihr Todeskampf. Ivan hat seinem „choreographer in residence“, dem 26-jährigen Terence Kohler, für die Erarbeitung über neun Monate Probenfenster und seine Kompanie zur Verfügung gestellt.

Inhaltsangabe? Fehlanzeige! Blut? Keines! Und das Ende? – Per TV-News ein Hoch auf den Erfolgsklassiker Giselle und das Eingeständnis eines Scheiterns. Wer da keine Krimierfahrung hat oder nicht aufpasst, verliert schon mal schnell den Faden … Denn Kohler und sein Ausstatter Jordi Roig (Einspielungen: Anna Brass und Kohler) treiben ihre Geschichte mit zahlreichen Rückblenden und filmschnittartigen Blacks alles andere als linear voran. Dass es sich um den Tod der jeweiligen Hauptinterpretin eines zu Degas’ Zeiten kreierten Stücks bzw. der ersten Wiederaufnahme desselben handelt, lässt Detektiv Bottaini keine Ruhe; noch dazu, wo soeben ein heutiges Ensemble unter großem Presse- und Medienaufgebot die Neueinstudierung des Werks in Angriff nimmt – und prompt eine ganze Schiene Scheinwerfer auf den Boden knallt: Action, die Kohler mit viel Situationsgespür in eine regelrechte Milieustudie hinter den Kulissen einwebt. Für den geschulten Blick mag eine motorisch in kleinen Details zwar fein ausdifferenzierte, aber auf wenige Bewegungsvariationen komprimierte Geisterfahrt durch die Tanzstile entstehen.

Worauf Kohler allerdings viel zu sehr verzichtet, ist, Aufregung und Konflikte auszuchoreografieren. So dominiert fast den gesamten ersten Teil, in dem Beziehungsgeflechte aufgedeckt und Tätermotive geschürt werden, realitätsgetreues Gestenspiel und viel Pantomimerei, v. a. zwischen dem Ballettdirektor des 21. Jahrhunderts, Peter Jolesch, und seinem etwas hektischen, gerade neu eingeführten Choreografen (Vincent Loermans). Sogar die Tänzer markieren ihr eigenes Tun und ein Wutausbruch der Primaballerina Roberta Fernandez gipfelt in Schubserei und Drohungen. In schönen Posen stagniert auch Mia Rudics Techtelmechtel mit dem russischen Zaren (Norbert Graf). Um ihm ganz anzugehören, täuscht sie ihr Sterben auf der Bühne vor, aber der angenervte und ihrer überdrüssige Despot erwürgt sie beim nächsten Tête-à-tête.

Erst weit nach der Pause zeigt Kohler in einem bewegenden, bodenlastigen Trauersolo von Nikita Korotkov (Freund der zuletzt ermordeten Einspringerin) originelle handlungstragende Tanzgestaltung. Den choreografischen Höhepunkt seines Balletts verschafft ihm jedoch Bottaini zum finalen Count Down (Musik: Série noire – Thriller pour piano et bande von Pierre Jodlowski), als dieser noch einmal sämtliche Verdächtigen vor seinem inneren Auge Revue passieren und Kohler alle auch leibhaftig um ihn herum agieren lässt. Das ist hochdynamisch! Mehr davon – und weniger Phantom als Mörder!