Ensembleszene aus Nanine Linnings "Dusk" mit den flirrenden Kostümen Irina Shaposhnikovas

Ensembleszene aus Nanine Linnings "Dusk" mit den flirrenden Kostümen Irina Shaposhnikovas

© Foto: Kalle Kuikkaniemi
Tanzkritik

Dämmernde Schönheit

von Bettina Weber

Nanine Linning: Dusk

Premiere: 11.11.2017 (Uraufführung)
Theater und Orchester Heidelberg
Homepage: http://www.theaterheidelberg.de

Musikalische Leitung: Elias Grandy

Nanine Linning liebt das Interdisziplinäre. So funktionieren ihre Choreographien in der Regel als Gesamtkunstwerke von Tanz, Musik, Licht- und Kostümdesign. Am Theater Heidelberg zeigte die Tanzchefin nun ihre letzte Neukreation, bevor sie im Sommer 2018 das Haus verlässt – nach dann sechs Jahren und einigen großen Erfolgen am Neckar. Auch „Dusk“, so der Titel, ist wieder so eine Arbeit, in der bewusst die verschiedenen künstlerischen Ebenen zu einem Konzept-Tanzabend vernetzt werden. Und, wie ebenfalls in so manch vorheriger Arbeit, wendet sich Nanine Linning einem existenziellen Thema zu: In diesem Fall der Vergänglichkeit und dem Übergang zwischen Leben und Tod, für das Linning metaphorisch das Motiv der Dämmerung herangezogen hat. Das nimmt in allen drei Teilen des Abends besonders anschaulich im Lichtdesign von Ingo Jooß Gestalt an, welches die Tänzer immer wieder zwischen horizontalen Licht- und Schattenebenen hin- und herwechseln oder sie kaum merklich hinter einer Gaze im Nebel auf- und wieder abtauchen lässt.

Die Grundzutaten für einen gelungenen Tanzabend sind also da: Nanine Linnings geschwungen-extaktischer, raumgreifender choreographischer Stil, berührende Musik von John Adams, Arvo Pärt und Gustav Mahler – die das philharmonische Orchester Heidelberg unter der musikalischen Leitung von Elias Grandy, von wenigen überdramatischen Spitzen abgesehen, hervorragend umsetzt –, dazu besagtes Lichtkonzept und vor allem die markanten Kostüme der Designerin Irina Shaposhnikova. Im ersten und zweiten Teil tragen die Tänzer aufwendige, mit metallisch glänzenden Kunststoff-Plättchen besetzte Kleider. Mit jedem der drei Teile werden die Kostüme weniger ausladend und reduzierter, zuletzt tragen die Tänzer nur noch hautfarbene Bodies. Das allmähliche Verschwinden von Lebensenergie und -kraft durchzieht auch alle drei Teile der Choreographie: Während zunächst die Bewegungs- und Schrittfolgen rasant sind, kehrt zunehmend Langsamkeit ein, und wo das Ensemble zuerst in der Gruppe tanzt, trennen sich nach und nach kleinere bis kleinste Formationen ab, die außerdem zusehends von gegenseitigem Körperkontakt gekennzeichnet sind, von einem permanent sich abwechselnden Festhalten und Loslassen. Gerade das organisch wirkende Zusammenspiel der Tänzer – in Linnings Arbeiten eine kontinuierliche Stärke – schafft hierbei so manchen eindrucksvollen Moment.

Das gekonnte Ineinandergreifen der verschiedenen künstlerischen Ebenen ist somit ebenso wenig strittig wie das schlüssig umgesetzte dramaturgische Konzept. Und obwohl hier alle Beteiligten ihr Handwerk beherrschen, von der Choreographin bis hin zum tadellos agierenden Ensemble, so entwickelt der einstündige Abend doch nicht die gleiche suggestive Kraft wie andere Arbeiten von Nanine Linning. „Zero“ oder „Endless“ beispielsweise vermochten es, den Betrachter pausenlos in den Bann zu ziehen – nicht zuletzt, weil jene Arbeiten mehr Überraschungen bereithielten, mehr Ecken und Kanten aufwiesen. „Dusk“ wirkt dagegen vergleichsweise glatt: Alles Bewegungen fließen hier so harmonisch ineinander, dass die choreographische Dramatik kaum schmerzliche Momente erreicht, obwohl das Thema diese erwarten lässt – und die ausgewählte Musik sie durchaus liefert. Stattdessen erfüllen Schönheit und Sinnlichkeit den Abend, und man entdeckt in Nanine Linnings Tanzsprache kaum etwas, das man bei ihr noch nie gesehen hat.

Vielleicht rührt daher diese gewisse Enttäuschung: Der Abend funktioniert nach einem bewährten Rezept und verlässt sich auf die Wirkung dessen. Zugegeben: Das ist eine Beanstandung auf hohem Niveau, denn zweifellos hat Nanine Linning insgesamt in den letzten Jahren in Heidelberg Großartiges geleistet (und hat damit wohl die Messlatte der Erwartungen an jedes neue Werk hoch gehängt). Wohl nicht zuletzt für diese Gesamtleistung wurden Linning und ihr Ensemble noch einmal frenetisch vom Heidelberger Publikum gefeiert.