Auf der permanenten Suche nach Antworten am Staatstheater Kassel: Hinter "Anarchy of the body" verbergen sich zwei Choreografien, die nachdenklich stimmen.

Auf der permanenten Suche nach Antworten am Staatstheater Kassel: Hinter "Anarchy of the body" verbergen sich zwei Choreografien, die nachdenklich stimmen.

© Foto: N. Klinger
Tanzkritik

Nebelwelten

von Juliane Sattler-Iffert

Johannes Wieland, Annamari Keskinen / Ryan Mason: Re-recreator, El (Anarchy of the body)

Premiere: 01.12.2018 (Uraufführung)
Staatstheater Kassel
Homepage: http://www.staatstheater-kassel.de

Die Bühne ist eine Nebellandschaft, in der Figuren stehen, längst einsam und in sich versunken. Ein vereinzelter Lichtstrahl fällt auf den Boden zu Pink Floyd-ähnlichen Klängen. Traurige, graue Welt. Langsam beginnen die Personen, sich nach vorne zu bewegen, jeder für sich allein. Tanztheater ist manchmal wie ein Bild an der Wand. Man schaut es an, versinkt in ihm, erinnert sich, denkt nach. Bei der Premiere von „Anarchy of the Body“ im Schauspielhaus Kassel, bei der Tanztheaterchef Johannes Wieland sich auch die ehemaligen Tänzer Annamari Keskinen und Ryan Mason (nun als Choreografen) ans Haus holte, gibt es viele dieser Momente. Bilder, die haften bleiben, ganz nah an der zeitgenössischen Kunst.

Mit „Re-recreator“, dem immer wiederkehrenden Kreieren und Schaffen, treibt Johannes Wieland sein neunköpfiges Ensemble, fünf Männer und vier Frauen, in eine Performance zwischen Ekstase und Entrückung. Immer wieder vollziehen sich auf der Bühne zur Soundedition von Donato Deliano diese Brüche und Wechsel. Ein Wirbel schneller, abstrakter Abläufe, Stürze und Erhebungen, Posen voller Zuversicht, der Körper ist ein Geschöpf des Bewusstseins. Und dann plötzlich, wenn auch die Musik wechselt ins Weichere, verlangsamen die Tänzer ihre Bewegungen, drehen den Kopf nach oben, der Körperfluss scheint wie von außen gesteuert, immer und immer wieder die gleiche Bewegung. Übernimmt der Körper die Macht? Wielands Tanztheater gibt niemals Antworten, es stellt immer Fragen.

Zwischen all den Bewegungstableaus, in denen zuweilen auch Break Dance-Elemente einfließen, stürzt sich Luca Ghedini in einen Endlos-Rausch der ekstatischen Bewegung, während sich Shafiki Sseggayi in einer immer gleichbleibenden Bewegungsschleife nach vorne schraubt. Fremdartige, großartige Posen sind das. Irgendwann verfallen die Tänzerinnen und Tänzer, einige von ihnen haben sich ihre dunklen Hemden ausgezogen, in einen philosophischen Diskurs auf der Bühne. Männer und Frauen auf der Suche nach der Weltformel, nach dem Sinn. Jede und jeder der neun Tänzerinnen und Tänzer steht dann für eine Haltung, einen Zustand, wie man im Programmheft lesen kann: Da diskutieren und widersprechen sich die „unverrückbare Wahrheit“ mit der „unterschätzten Hoffnung“. Das könnte spannend sein, wenn man es nur verstehen könnte! Wenn zum Schluss die wunderbare Cree Barnett Williams als „stille Siegerin“ meint, man müsste nur loslassen, sich trennen, und wenn dann der Bühnenvorhang herunter rauscht und sie getrennt von den anderen ist, soll dies wohl eine humoristische Volte auf die großen Fragen des Lebens sein. Denn wie gesagt: Antworten gibt es nicht.

Stark erzählerisch kommt dann der opulente Tanztheater-Bilderbogen von Annamari Keskinen und Ryan Mason daher, die mit ihrem „EI“ ihre erste gemeinsame Choreografie vorstellen. Obwohl beide Tänzer in der Wieland-Company waren, unterscheiden sie sich stark von seiner Handschrift. Schon die ersten Sequenzen verblüffen mit ihren surrealen Komponenten, mit ihren ungewöhnlichen Bilddetails: In einem Innenraum, einem „inbetween“, sitzt einsam ein alter Mann in der Mitte. Am Himmel scheint sich ein Sputnik (Bühne: Matthieu Götz) mit Auge, Überwachung, Observation zu drehen. In den seitlichen Bühnenumgängen wandeln prächtig gekleidete Männer, hier wartete ein anderes Reich, ein ferner Ort. Die Tänzergruppe in der bunten Alltagskleidung (Kostüme: Evelyn Schönwald) durchkreuzt wie im Wettrennen den Raum, die Bewegungen zerhackt im Stroboskop-Licht: Es ist kein Vorwärtskommen, ein immer nur Vorwärtsstreben, aber Nicht-Ankommen. Die neue Dramaturgin der Company, Lauren Mace, sagt dazu: „Das ist ein Immer-wieder-Beginnen und Niemals-Enden.“

Auch in dieser Choreografie zur aufregend gemixten Soundcollage von Ryan Mason changieren die Bilder, eine irrlichternde Reise durch emotionale Zustände und surreale Landschaften. Nebelschwaden wabern durch den Raum, in dem zwei Tänzer zur vokalen Barockmusik zeitlupengleich ein Tennismatch im Weltall kämpfen, und Morgan Bobrow-Williams traumähnlich ein Solo der zerbrochenen Bewegungen tanzt. In dieser Welt kommt sich niemand mehr näher. Jeder bleibt allein. Zum Schluss geht der alte Mann auf seine letzte Reise. Der Stuhl, auf dem er saß, verbrennt langsam, vielleicht stirbt die alte Welt. Die prächtig gekleideten Menschen in ihren Kostümen aus unterschiedlich ethnischen Versatzstücken versammeln sich auf der Bühne. Ein farbenfrohes Ende. Könnte das ein Bild der Hoffnung sein? Es folgt stürmischer Applaus.