von links: Victor Rottier, Zoe Gyssler, Cree Barnett Williams, Luca Ghedini und Valentine Yannopoulos

von links: Victor Rottier, Zoe Gyssler, Cree Barnett Williams, Luca Ghedini und Valentine Yannopoulos

© Foto: N. Klinger
Tanzkritik

Gestyltes Chaos

von Andreas Berger

Johannes Wieland: marianengraben

Premiere: 14.01.2017 (Uraufführung)
Staatstheater Kassel
Homepage: http://www.staatstheater-kassel.de

Die Pazifikträume leuchten hinten als sonnenuntergangsrote Panoramatapete mit Palmensilhouetten herein. Doch am „Marianengraben“, wie Johannes Wieland sein neues Tanzstück am Staatstheater Kassel nennt, ist auch der tiefste Punkt der Erde. Um Gräben und Tiefpunkte soll es auch in seiner Choreographie gehen, um die allgegenwärtige Angst und Verunsicherung, die als diffuses Gefühl unseren Alltag unterfängt. 

Er packt das wie oft in eine dröhnend-nervöse Sound-Collage von Donato Deliano, die allein schon durch ihre anschwellenden Rhythmen und Klänge ein ungutes Grundgefühl schafft. Das beginnt als loungiges Clubwummern und steigert sich stets ins Schräge, Gleißende, dann Lichtaufblendung, Abbruch, Neustart. In mehreren Schleifen strukturiert Wieland so sein Stück. Wobei sie auch tänzerisch in sich stets die gleiche zum Klimax treibende Struktur haben, untereinander aber keine Entwicklung, Höhepunkte, ein dramatisches Ende gar zeigen. Es sind Aufblendungen zu einem gleichbleibenden Grundgefühl ohne Lösung oder finaler Katastrophe. Die Angst bleibt, das Leben geht weiter.

Wielands szenische Ausbreitung des Chaos mit seinen spannenden Tänzern ist dabei durchaus suggestiv. Sie taumeln als beziehungslose Monaden durch den Raum, allein mit ihrer Sexualität, ihrer Aggression, ihrer Zärtlichkeit. Es gibt den bekifft lächelnden Langhaarigen, die eine um sich drehende Kurzgeschorene, den selbstverliebten Blondie im Glamour-Jacket, „Marianne“ als dominantes Prachtweib mit MG, einen Kerl überkopf mit den Beinen an der Wand hochgestützt, irgendwie hingekleckert in die Ecke, ohne dass das jemanden tangiert. Jacken oder Shirts werden kurz gelüpft oder ausgezogen, das changiert zwischen erotischer Provokation und Falle, Begierden sind spürbar im kurzen Aufeinandertreffen der Geschlechter, im momentweisen Anspringen, auch dem Schlagabtausch der Kerle, mal ein Kopf an den anderen gelehnt. Es sind Zufallsquickies, nie Beziehungen. Allgemein ist das Zappeln, Taumeln, Stürzen.

Breiten Raum nimmt die Suche nach den ultimativen „Titten“ ein, eine zunächst mal verbal Menschen als Sexobjekte deklarierende Fuck-Stimmung, die Lounge und Gesellschaft unterwandert. Bei Afrikanern und Orientalen gebrandmarkt, ist sie ja im Rollenbild des Mobs, aber auch einer partyorientierten Jugend nicht weniger ausgeprägt. Etwas zu lange lässt Wieland seine Tänzer ihre Unterkörper gegen Wand, Boden oder Luft schnellen, stellt stilisiert ganze Gruppen-Fick-Szenen nach. Der Choreograph setzt darauf, dass seine Bilder gemischte Gefühle erwecken und so das Nachdenken anregen. Zitate von beiden Seiten der Kölner Domplatte oder mehr persönliche Statements der Tänzer hätten den Diskurs etwas erhellen können.

Ein provokantes Reportermodel etwa mischt sich wiederholt mit der Frage ein: „Haben Sie nicht auch Angst davor, dass…“, und dann kommt diese rechtspopulistische Vermischung aus Lügenpresse und Überfremdung, die so gern an diffuse Angstgefühle andockt, doch die Antwort entspricht genau der Unbestimmtheit der orientierungslosen Kinder der gewesenen Spaßgesellschaft: „Ach, ich habe vor so vielen Dingen Angst.“ Solche taumelnden Monaden sind eben für viele Stimmungen empfänglich und fangbar. Entschieden ist gar nichts. „Wir alle sinken“ wabert ebenso als Zitat durch den Raum wie „Wir schaffen das“, mal wickelt sich eine Tänzerin in ein Tuch wie eine Verschleierte, mal wandern ihre Kollegen mit den vorwärtstastenden Händen von Beckmanns „Mann im Dunkeln“ über die Bühne. Es gibt roboterhafte Passagen im zackigen Rhythmus, die eher technoid-ästhetisch wirken als Angst vor der Maschinisierung machen. 

Wieland nimmt nicht moralisierend Stellung zu den Themen, er ruft sie in unterschwelligen oder sehr expliziten Bildern auf, stets aber so in seine Gesamtästhetik eingefasst, dass man während der 80 Minuten auch in der suggestiven Musik und dem gestylten Chaos versinken kann. Vielleicht eine raffinierte Art der Unterwanderung des Bewusstseins. Vieleicht aber auch für ihn selbst eine Falle, in der er den Blick auf die Tiefe der Seelen seiner kleidsam arrangierten Monaden verliert. Die Show wird jubelnd gefeiert, aber man kann auch den Widerhaken, die wirklich überraschende Verstörung in der stilvoll ausgebreiteten allgemeinen Verunsicherung vermissen.