Annamari Keskinen und Ryan Mason in Johannes Wielands Tanzstück „traffic“ im Kasseler tif.

Annamari Keskinen und Ryan Mason in Johannes Wielands Tanzstück „traffic“ im Kasseler tif.

Tanzkritik

Jung bleiben, ist schwer

von Juliane Sattler-Iffert

Johannes Wieland: Traffic

Premiere: 14.05.2011 (Uraufführung)
Staatstheater Kassel
Homepage: http://www.staatstheater-kassel.de

An der Rückwand der Kasseler tif-Bühne leuchtet die Neonschrift „To late to die young“. Tanztheaterchef Johannes Wieland umkreist in seiner Uraufführung „Traffic“ am Kasseler Staatstheater die Spuren der Vergänglichkeit. Was bleibt übrig, wenn man älter wird? Im Hintergrund bearbeitet die 60-jährige Gast-Performerin Beth Griffith aus New York einen Holzbalken, schlägt mit dem Hammer mühevoll Nägel in das Holz, schleppt die schwere Bohle durch den Raum. Nichts ist mehr leicht und schwerelos wenn man älter wird, und vielleicht zimmert man sich auch schon seinen eigenen Sarg.

„It is hard to get older, but it is really hard to stay young“, ruft Annamari Keskinen im gelben Minikleid dem Publikum zu. Es ist schwer alt zu werden, doch es ist noch härter, jung zu bleiben. Die finnische Tänzerin und ihr Partner Ryan Mason haben sich zu Beginn mit Sternenstaub bestäubt, sind glitzernd schön. So sieht jung aus, wenn sie wie zwei übermütige Kinder herumtollen, sich im Wettbewerb messen. Der Körper ist nur dazu da, sich zu biegen, zu schrauben und schwerelos zu schweben. Tänzer müssen jung sein. „Stay young“, die Aufforderung an das Publikum wird zur Selbstbeschwörung der Sternenstaubkinder. Denn alt werden, macht besonders den Jungen Angst, und wie Johannes Wieland hier mit feiner Subtilität die anfängliche spielerische Leichtigkeit der beiden in eine wütende Behauptung furioser Tanzbilder fließen lässt, legt ganz nebenbei den Jugendwahn einer Gesellschaft bloß. „I am still 25“ trotzt Keskinen, doch auf den Bühnenwänden glitzert schon längst die Zahl 26. Die Zeit ist nicht zu stoppen.

Dem in New York und Kassel arbeitenden Choreografen ist mit „Traffic“ ein kleines, philosophisches Stück über die Zumutung, alt zu werden, und die Anstrengung, jung zu bleiben, gelungen. Eines, das in seinen poetischen wie dynamischen Bildern vor allem durch die bravouröse Tanzleistung und die schauspielerische Ausdruckskraft von Mason/Keskinen getragen wird. Zum Schluss liegen die beiden auf dem Boden und verwischen mit ihren sich wie Scheibenwischer bewegenden Körpern das Wort „Never“, und vom Band donnert „Stayin` alive“ von den Bee Gees.