Vor Nixen wird gewarnt: Szene aus Jiri Beniceks „Rusalka“-Choreographie am Badischen Staatstheater Karlsruhe mit Flavio Salamanka als Prinz und Rafaelle Queiroz als Rusalka.

Vor Nixen wird gewarnt: Szene aus Jiri Beniceks „Rusalka“-Choreographie am Badischen Staatstheater Karlsruhe mit Flavio Salamanka als Prinz und Rafaelle Queiroz als Rusalka.

© Foto: Jochen Klenk
Tanzkritik

Für Märchenfreunde

von Andreas Berger

Jiri Bubenicek: Rusalka

Premiere: 29.04.2017 (Uraufführung)
Badisches Staatstheater Karlsruhe
Homepage: http://www.staatstheater.karlsruhe.de

Komponist: Leos Janacek, Antonin Dvorák

Es ist, wie die Ankündigung sagt, ein Ballettmärchen. Nicht mehr und nicht weniger. Die Grundanmutung der „Rusalka“, die Jiri Bubenicek für das Badische Staatsballett Karlsruhe entworfen hat, ist 19. Jahrhundert: große Romantik mit tragischer Liebesgeschichte, Geisterwesen und ein wenig komödiantischer Folklore. Bubenicek, einst Star-Tänzer John Neumeiers in Hamburg und inzwischen mit den Ballets Bubenicek sein eigener Kreateur und Impresario, vertraut dabei ganz der klassischen Bewegungssprache, auch mit den entsprechenden mimisch-gestischen Anleihen und Pantomimen; erst wenn die Figuren leiden, werden die expressiven Anteile größer.

Inspiriert hat er sich bei der tschechischen Variante der Undinenmärchen, die auch Antonin Dvorák in seiner Oper “Rusalka” vertont hat. Die Rusalki sind Wassergeister, aber keine Meerjungfrauen mit Fischschwanz, sondern eher eine Variante der Wilis aus der „Giselle“, nämlich einst betrogene und aus Verzweiflung ins Wasser gegangene Frauen, die sich nun an den Männern rächen, die an ihre Gestade kommen. Sie verführen sie und ziehen sie hinab in die Tiefe.

Otto Bubenicek, einst glanzvoller Tänzer-Star an des Bruders Seite in Hamburg, gibt als Ausstatter den Rusalki folglich flatternde durchsichtige Schleierkleidchen, die auch wie Flügel wirken, und verortet sie bei ihren Mondscheintänzen so ganz nahe bei den Wilis. Jiri Bubenicek lässt sie entsprechend kreiseln und hüpfen. Aber nicht nur die Rusalki sind hinter den Menschen her, auch der Wassermann zieht einen angelnden Burschen hinab. Jiri Bubenicek gibt dem an sich gemütlich wirkenden Zottellurch, der zunächst auf dem Baumstumpf sein Peifchen raucht, leicht tierische Bewegungen, mit abgewinkelten Händen, oft geknickten Beinen, und mal zieht er auch auf dem Boden kriechend den Unterkörper nach wie eine Echse. Juliano Toscano macht daraus eine sympathische Charkaterstudie. Denn dieser Wassermann ist ein Freund der Rusalki, denen er Küsse abverlangt, und besonders ist er Freund Rusalkas, die eine verhängnisvolle Neigung zu den Männern zeigt.

Jiri Bubenicek führt den Prinzen und seinen Freund (Joao Miranda) in einer Schwimmpantomime ein, bei der sie sich mit fiktivem Wasser bespritzen, tollen und brav Brustschwimmbewegungen imitieren. Das ist recht naiv gemacht, aber Rusalka gefällt’s. So sehr, dass sie aus ihrer Haut will (die sie unsichtbar macht), sich befingert, als könnte sie so ihr anderes Sein spüren. Der Wassermann hat alle Hände voll zu tun, ihre Hände immer wieder wegzureißen von diesem Wunsch nach Verwandlung. Aber die Böse Hexe (Bruna Andrade) hat da keine Probleme: Mit Zöpfchenhaaren und Waldtapete auf dem Trikot bildet sie nebst zwei Begleitern, mit denen sie in stets variierend verhakten Bewegungen verbunden ist, eine Art Gestrüpp, in dem sich Rusalka verfängt und ihr Kleidchen darin verliert. Nackt ist sie nun auch dem Prinzen sichtbar, wirft sich an seinen Hals, landet zuletzt auf seinem Schoß - und Kuss! Schon folgt die Hochzeit, mit alberner Pantomie der Köche vorweg und konventionellem Hoftanz. Rusalka tanzt auf Spitze rein, aber auch die fremde Fürstin (Su-Jung Lim) kann Spitzenpirouetten und zieht mit ihren eleganten Bewegungen den Prinzen an sich, während sie Rusalka mit gestrecktem Bein vor sich her treibt und wegschubst. Es ist schon rührend, wie Rusalka immer wieder des Prinzen Hand ergreift, als wollte sie ihm etwas sagen, ihre Zärtlichkeit zeigen, doch dem scheint sie in der neuen Umgebung wohl nicht mehr gewandt genug. Während eines rasanten Hoftanzes stürzt sie an seinem Arm zu Boden, er küsst die Fremde. Das aber ruft den Fluch des Wassermanns wach: Der Prinz fällt in Krampf, Rusalka wird fortgerissen.

Nach der Pause geht es choreografisch moderner weiter. Mit gekreuzten oder stark abgwinkelten Beinen charakterisiert Jiri Bubenicek Rusalkas innere Verletzung, die sie zum unbefangenen Umherspringen wie früher unfähig macht. Während die anderen Rusalki weiter forsch auf Spitze drehen, hüpfen und flattern, liegt Rusalka flach auf dem Boden, hängt nur noch schlaff in den Armen des Wassermanns, zuckt und leidet. Otto Bubenicek hat hier eine suggestive Installation geschaffen, indem nur ein riesenhafter Kopf, Arme und Knie eines ertrunkenen Mannes aus dem Boden ragen, als sei einer hier im Mudd versunken. Dazwischen kommen nun nackte Tänzer zu liegen, die wie der Prinz zu den verdammten Seelen gehören.

Hinreißend gelingt Jiri Bubenicek der folgende Pas de deux, in dem Rusalka um des Prinzen Rettung ringt. Die Bewegungssprache ist nun ganz offen, immer wieder umschlingt der am Boden Krauchende ihre Beine, umfasst sie zärtlich, trägt sie, aber oft auch weicht sie scheu zurück. Am Ende sitzt sie wieder auf seinem Schoß - ein Kuss, und tot ist er, aber erlöst. Während Rusalka (warum eigentlich) als Unerlöste davonkriechen muss, zuletzt doch nochmal auf Spitze mit erhobenen Armen einem unbestimmten Jenseits zuschwankt.

Raffaelle Queiroz tanzt die Rusalka mit schöner Jugendfrische und zarter Trauer in ihren Sehnsüchten. Bewegend ist sie besonders da, wo sie den klassischen Kanon verlässt, wo nicht mehr die perfekt beherrschte Technik, sondern der Ausdruck zählt, den sie kraft ihrer hingebungsvollen Persönlichkeit erzielt. Flavio Salamanka gibt zunächst den verspielten Freund und wächst überzeugend in die Rolle des Liebenden und am Ende tragisch Kämpfenden. So erreicht speziell diese letzte Szene expressive Kraft, während Jiri Bubenicek zuvor gekonnt, aber nicht eben innovativ dem Märchen folgt. Als Stück für Menschen ab 10, als welches es in Karlsruhe angekündigt ist, wird es problemlos funktionieren. Der Choreograph meidet dabei technische Bravoustückchen und setzt ganz auf Natürlichkeit und dramatische Plausibilität. Die psychologische Vertiefung und literarische Überformung, die John Neumeiers „Undine“ auszeichnet, erreicht Jiri Bubenicek freilich nicht, strebt er wohl auch nicht an. Eine stärkere Durchsichtigkeit für zeitgenössische Konstellationen wäre allerdings denkbar. Jiri Bubenicek bleibt bewusst Märchenerzähler.