"Anita Berber – Göttin der Nacht" am Theater Altenburg-Gera

"Anita Berber – Göttin der Nacht" am Theater Altenburg-Gera

© Foto: Sabina Sabovic
Tanzkritik

Revue und Retrospektive

von Ute Grundmann

Jirí Bubenícek: Anita Berber – Göttin der Nacht

Premiere: 17.06.2016 (Uraufführung)
Theater Altenburg-Gera
Homepage: www.tpthueringen.de

Musikalische Leitung: Takahiro Nagasaki

Anita Berber zerstört ihr eigenes Bild. Sie tritt das Portrait von der Staffelei, an der Otto Dix gerade noch gemalt hat. Zuvor hatte er sie, im roten Kleid, auf einem Podest in die richtige Pose gerückt, in der er sie portraitieren wollte. Das wird der Tänzerin in ihrem Leben immer wieder passieren: Aufs Podest gestellt, dann abgestürzt, angehimmelt und verachtet.

In seiner Reihe „Die goldenen 20er“ widmet das Theater Altenburg-Gera ihr nun einen Ballettabend mit Orchester, ein Anknüpfungspunkt dabei ist der in Gera geborene Maler Otto Dix. Uraufgeführt im Theater Gera, ist so ein 90-minütiges Gesamtwerk entstanden: Die Choreographie stammt von Jirí Bubenícek, sein Zwillingsbruder Otto Bubenícek war an Konzept und Inszenierung beteiligt und hat außerdem Bühne und Kostüme entworfen. Die schimmern, vor allem für die Hauptfigur, in Stil und Chic der 20er, für die Bühne belässt es Otto Bubenícek bei Andeutungen: Ein Glitzervorhang für eine Bar, kalt-weiße Neon-Rechtecke für eine Suchtklinik.

Überall dort wird Anita Berber, berühmte Tänzerin der 20er Jahre, einmal sein. Der Abend ist keine Biographie im eigentlichen Sinne, er wirft Schlaglichter auf ein grelles Leben. In eben der Bar gibt es stilisiertes Frauenboxen, bis Anita Berber und Sebastian Droste (Mattia Carchedi) als Glamourpaar alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wie ein (Drogen-)Traum erscheint der anschließende, erotische Ausdruckstanz der beiden, der laszive Posen mit klassischen Elementen verbindet.

Bläser und Harfe geben die langsame Begleitung dazu – komponiert von Simon Wills. Als Auftragswerk hat der amerikanische Komponist versucht, die Stimmung der Zeit einzufangen – mit Charleston-Anfängen am Beginn, mit scharfen, schrägen Bläsern, bedrohlichen Klängen, aber auch emotionsgeladenen Passagen. Das Philharmonische Orchester unter Takahiro Nagasaki gibt all diese Stimmungen exzellent wieder.

Die Choreographie aber beschränkt sich allzuoft darauf, das Thema „Anita Berber und die Männer“ darzustellen. Anastasiya Kuzina, die die Tänzerin in allen Facetten und Nuancen wunderbar darstellt, inmitten von Männerreihen im Frack, die Anita Berber umschlängelt und umschlingt, in einer Mischung aus Gesellschaftstanz und Ballettschritten, flachen Hebungen und gestreckten Drehungen mit ihnen tanzt, um sie dann abzuweisen oder abgewiesen zu werden.

Diese Szenen sind zu lang, um wirklich prägnant zu sein. Ähnlich geht es, als Jirí Bubenícek das Thema „Krieg“ hineinnehmen will: Da schwebt Otto Dix‘ Gemälde "Totentanz" über der Szene, auf der junge Männer mit Gasmasken das Grauen der Schlachten darstellen wollen. Auch hier zu lang und wiederholt, als dass es prägend sein könnte.

Anders die Szene, als Otto Dix (Predrag Kovicic) Anita Berber in das lange, sehr ästhetische Gewand einer (Sucht-)Klinik steckt, wo sie dann unter den kalten Neonröhren mal ausdrucksvoll, mal ausdrucklos-verloren umherschreitet. Eindrucksvoll dann der Schluss. Es ist wieder Otto Dix, der sie in ein schwarz-weißes Pierrot-Kostüm steckt. Erst tanzt sie darin grotesk, mit wie verrenkten Gliedmaßen, dann reißt sie sich auch dieses Kostüm vom Leib, taumelt und fällt auf das Podest, auf das sie so oft gehoben wurde und auf dem sie nun endet.