Ein Solo von Sebastian Geiger in "Into the Blue" von Jan Pusch am Staatstheater Braunschweig.

Ein Solo von Sebastian Geiger in "Into the Blue" von Jan Pusch am Staatstheater Braunschweig.

Tanzkritik

Zunehmende Wirklichkeitsverwechslung

von Andreas Berger

Jan Pusch: Into the Blue

Premiere: 07.05.2011
Staatstheater Braunschweig
Homepage: http://www.staatstheater-braunschweig.de

Blau, das steht für Weite, Freiheit, Ungewissheit. In Derek Jarmans Film „Blue“ war es auch die bittere Farbe seines durch Aids erblauten Gesichtsvermögens. Drei über die Jahre entstandene Soli hat Tanzdirektor Jan Pusch unter dem Titel „Into the blue“ nun im Staatstheater Braunschweig neu wieder herausgebracht. Es sind konzentrierte Auseinandersetzungen des Individuums mit den virtuellen Welten – zwischen Entgrenzung und Jarmans Fanal einer Auslöschung.

Wenn Daniel Afonso langsam die Funktionen seines Körpers erkundet, bedeutet dies Selbstvergewisserung des schon fraglich gewordenen Körpergefühls. Durch genau auf den Körper projizierte Videobilder scheint er sich die Haut abzuziehen wie einen Pullover und erlaubt so den Blick ins Innere wie beim Röntgen. Scanstreifen überlaufen ihn. Am Ende taucht er ganz in der Bildstörung ab. Bildflimmern, Blackout. Die virtuelle Verheißung degradiert den Menschen zur Projektionsfläche, zerstört die Identität.

Geht es hier um das Ich-Empfinden von innen, kommt im nächsten Solo das Bewusstsein der Außenwirkung hinzu. Anne Schmidt fährt ihren Körper mit der Hand wie mit einem Scanner ab. Sie guckt sich auf einem Video nach sich selber um. Es gibt Filmsequenzen aus Schlund und Knochenmark, ein Zimmer, das sich um sie dreht, als verfolge es sie. Die technisch ermöglichte Beobachtung von außen stört wiederum das Selbstempfinden.

Im dritten Solo sind die Bewegungen am meisten ins Roboterhafte zerlegt, wirken wie fremdbestimmt, um in der Maschinenmusik zu funktionieren. Video-Doubles treten aus Antonia Zagels Körper und erobern einen dreifach wiederholten Videoraum. Bringt nur die Virtualität Freiheit? Es entsteht ein Solo zu dritt, Bewusstseinsspaltung, Parallelwelten. Bis die echte Tänzerin die Hand durch den echten Tisch schlägt, als wäre er virtuell. Pointe einer zunehmenden Wirklichkeitsverwechslung. Pusch gelingt der Tanz mit den Medien, ihren Versprechungen und Konsequenzen, präzise, verblüffend, bannend. Ebenso präzise passen die Tänzer auf die Bilder und vermögen doch das Menschliche, Körperlich-Konkrete zu behaupten im Takt der Frequenzen und Projektionen.