Szene aus Helena Waldmanns "Gute Pässe Schlechte Pässe - Eine Grenzerfahrung"

Szene aus Helena Waldmanns "Gute Pässe Schlechte Pässe - Eine Grenzerfahrung"

© Foto: Wonge Bergmann
Tanzkritik

Theater der Gesten

von Bettina Weber

Helena Waldmann: Gute Pässe Schlechte Pässe - Eine Grenzerfahrung

Premiere: 04.03.2017 (Uraufführung)
Theater im Pfalzbau, Ludwigshafen
Homepage: http://www.theater-im-pfalzbau.de

Zwanzig Menschen – Leute aus Ludwigshafen und Umgebung – stehen dicht nebeneinander, einer Mauer gleich, unter ihnen eine weiße Linie. Es sind vor allem die Symbole, die von diesem Abend in Erinnerung bleiben. Die Grenzen zwischen unseren Nationalstaaten sind konstruiert, werden beständig verteidigt und umkämpft – und von Menschen bestimmter Nationen viel einfacher überwunden als von anderen. Dass nicht alle sich frei zwischen diesen Grenzen bewegen können, ist in Zeiten immenser weltweiter Migrations- und Fluchtbewegungen ein omnipräsentes Problem, das die Regisseurin und Choreographin Helena Waldmann mit ihrem neuen Tanztheaterstück „Gute Pässe Schlechte Pässe – Eine Grenzerfahrung“ nun auf der Bühne thematisiert. Aus Nationalismus resultieren Abschottung und Ungleichheit; dies steht als Aussage im Fokus. Um für das politisch-menschliche Gegeneinander eine künstlerische Entsprechung zu finden, hat Waldmann drei Artisten und vier zeitgenössische Tänzer zusammengebracht: Nouveau Cirque „versus“ moderner Tanz. Zudem stehen insgesamt 20 Laien mit auf der Bühne; „Mauerbauern“, wie sie im Programmheft genannt werden.

Wenn sich Artisten und Tänzer begegnen, müssen natürlich beide Seiten erst einmal ihre jeweilige Kunstfertigkeit präsentieren. Diese Szenen sind zwar eindrucksvoll – gerade die herausfordernden Kunststücke der Artisten am Chinese Pole oder sichtbar anstrengende Tumblingkombinationen rufen auch immer Szenenapplaus hervor. Wirklich in die Tiefe aber geht das Stück dort, wo aus der Begegnung Konflikte erwachsen, die für reelle Auseinandersetzungen stehen. Und tatsächlich folgt dem anfänglichen Miteinander auch rasch Abgrenzung. Die weiße Linie wird gezogen (mit Klebeband), die Tänzer schmieren sich, einer Kriegsbemalung gleich, blaue Farbe ins Gesicht. Jeder Versuch der Artisten, die Grenze zu überschreiten, wird nun mit körperlicher und sprachlicher Zurückweisung („No!“) geahndet.

Die hässliche Fratze des Nationalismus zeigt sich an diesem Abend immer erst auf den zweiten Blick, Heiterkeit schwenkt unerwartet in Dramatik um. Wo eben noch laut die kitschige Melodie des Popsongs „We are the world“ lief, brechen schnell bedrohliche Klänge mit der angedeuteten Harmonie, die es nicht geben kann. Auf humorvolle bis bissige Weise verdeutlicht der Artist Carlos Zaspel die Ungerechtigkeit von Vorurteilen, als er dem Tänzer Chris Jäger seine überzogene Interpretation von modernem Tanz zeigt. Wenn der ihm jedoch als Antwort an den Haaren zieht und über den Boden schleift, ruft diese gespielte Gewalttätigkeit eine starke Beklemmung hervor. In mal mehr, mal weniger imposanten Standbildern veranschaulichen Tänzer, Akrobaten und Ludwigshafener Laienarsteller zwischendurch bestimmte Traditionen wie Religion oder Kriege.

Der Abend versinnbildlicht in vielen Szenen den irrwitzigen Wunsch nach einer geschlossenen Gesellschaft mit seinen brutalen Folgen, genau wie die pauschale Verurteilung von Individuen aufgrund ihrer Nationalität. Auf gesellschaftliche Missstände hinzuweisen, ist gewissermaßen eine Spezialität der Tanzregisseurin Helena Waldmann. Dabei steht die Funktion in „Gute Pässe Schlechte Pässe“ oft im Vordergrund. „Passport control“ ruft die Tänzerin Lysandre Coutu-Sauvé lautstark, um dann kommentierend Ausweisdokumente auszusortieren: „Good passport!“ oder eben: „Bad passport!“ – letztere werden abfällig weggeworfen. Dass zugunsten der Aussage die Symbolik auch mal stark überspitzt oder vereinfachend daherkommt, lässt sich nicht ganz abstreiten. Doch Helena Waldmann gelingt es, den Finger in die Wunde zu legen und politische Brisanz ästhetisch zu verdeutlichen, ohne dass der moralische Zeigefinger die Dimension eines Zaunpfahls annimmt. Eine Stimme aus dem Off stellt eingangs wie auch in der Schlussszene Ja-oder-Nein-Fragen, unter anderem: „Sollten unsere Grenzen geschützt werden?“, „Hast du etwas zu verbergen?“ oder „Glaubst du, dass es künftig noch nationale Grenzen geben wird?“ Hier wirkt der Auftritt der 20 Laien erst wirklich schlüssig: Tänzer, Akrobaten und Ludwigshafener, Menschen wie du und ich, müssen sich positionieren, sich zur Beantwortung auf die linke oder die rechte Seite der Bühne stellen. Wir alle haben die Pflicht, uns zu diesen Fragen zu verhalten.

 

"Gute Pässe Schlechte Pässe" ist eine Produktion von Helena Waldmann und ecotopia dance productions, in Koproduktion mit Theater im Pfalzbau Ludwigshafen (D), Hessisches Staatsballett im Rahmen von Tanzplattform Rhein-Main, ein Projekt des Hessischen Staatsballetts im Staatstheater Darmstadt und Hessisches Staatstheater Wiesbaden und Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt (D), Les Théâtres de la Ville de Luxembourg (L), Colours International Dance Festival Stuttgart (D), Kaserne Basel (CH), Kurtheater Baden (CH), Forum Freies Theater Düsseldorf (D), Tafelhalle Nürnberg (D)