Ensembleszene aus der Uraufführung der Mainzer Hauschoreographen: "4"

Ensembleszene aus der Uraufführung der Mainzer Hauschoreographen: "4"

© Foto: Andreas J. Etter
Tanzkritik

Gott und die Welt, das ist vorbei

von Melanie Suchy

Guy Weizman/Roni Haver: 4

Premiere: 05.12.2015 (Uraufführung)
Staatstheater Mainz
Homepage: http://www.staatstheater-mainz.com

Was bleibt denn, wenn die Zukunft nur noch als Erinnerung zu haben ist? Mitten in „4“, dem neuen Stück des Choreografenpaares Guy Weizman und Roni Haver für das Tanzmainz-Ensemble, legt sich das Licht mal auf den Hintergrund der tiefen Bühne, und ein Müllhaufen erscheint. Lieblos aufgetürmte Plastiksäcke, dazwischen alte Fernseher. Die sind nicht tot, aber rauschen nur noch, ein dreckig hellblaues Nicht-Bild aus technischen Urzeiten. Vor einem Jahr spielte so ein alter dicker Monitor die Rolle des Odysseus in den Einstandsstück von Weizman-Haver für die neue Tanzkompanie in „My private Odyssey“. Die Glotze barg den Kopf eines grantelnden Kapitäns, der in seiner Kajüte feststeckt. Schon diese Reise war mehr rück- als vorwärts gewandt. In „4“ nun verlässt sie die Erde. Hinaus in ein eisiges Paradies. Wild is the wind.

Man hört ihn: ein Fauchen. Immerzu weht dünner Nebel auf die Bühne, die wechselnd blau und golden beleuchtet wird. Die Tänzer tragen, eingekleidet von Slavna Martinovic, hellblauen leichten Stoff, jeder unterschiedlich. Diese Kreaturen jenseits des Alltags rahmt Ascon de Nijs mit einem Halbrund aus niedrigem Gerüst, und die Soundkomposition von Novile Maceinaite und Darien Brito versagt ihnen jede heimelige Geborgenheit, sondern setzt sie mit ihren düster hallenden elektronischen Tönen und harten Technobeats einer Art Wüste oder Nirgendwo aus. Zuweilen singt eine Violinenstimme von Johann Sebastian Bach wie ein traurig-hoffnungsvoller Suchscheinwerfer in den Weltraum herüber. Vorbei. Die Tänzer aber schweben nicht, sondern, im Gegenteil, haben eine fast metallene Härte, wenn der Brustkorb sich heftig wölbt, die Schultern rotieren, die Arme herausstechen, Finger spreizen, die Füße wenden und immer wieder der Kopf zur Seite zuckt. Manchmal klinkt sich die Gruppe in die Tanzphrase eines Einzelnen ein oder scheint ruckartig auf ein Kommando zu reagieren. Das hat etwas von einem Apparat, energiegeladen, an-, aus- umgeschaltet. Ein Bewegen jenseits von Lebendigkeit, das ist faszinierend, weil die Choreografen dennoch vermeiden, dass es nach Klischeerobotern oder -avataren aussieht.

Gemäß dem Titel „4“ montieren sie Kanten und diagonale Linien in die Choreografie, und lassen Tänzerreihen als Linien sich kreuzen wie ein Rad mit vier Speichen oder ein Kompass der Himmelsrichtungen. So entsteht das Rund, das Kreisen und Kreiseln, in dem nun die Tänzer fließend, laufend die Plätze austauschen. Oder sie bauen Quartettformationen aus Strecken, Fassen, Halten, Ziehen, Tragen zusammen. Diese Formen entstehen und vergehen einfach. Hier will nichts, wird nichts, sondern existiert nur im Moment, und man ahnt, dass diese Erleuchtung eigentlich grässlich kalt ist.

Diese bittere Welt

Punktuell blinken noch menschliche Regungen durch. Jemand zittert frierend, jemand lacht, eine Frau reibt sich den Unterarm wie eine Süchtige, ein Mann versucht, mit Hüftwackeln und Tangogriff eine Frau zu betören, die sich lustlos mitziehen lässt, eine Einzelne stellt sich an die Rampe und schlägt mit den Händen gegen eine unsichtbare Wand, die Vierte, ihr Blick sucht Kontakt zu den Inner- oder Außerirdischen dort unten im Dunkel. All das bleibt angenehmerweise in einer Sphäre der Andeutungen, in der sich der viele Tanz selber sucht jenseits von Theatralik. Da sind die Choreografen auf einem interessanten Weg, nur noch nicht ganz konsequent. Leider driftet das melancholisch grundierte Stück am Ende ins Pathos, wenn ein Scheinwerferring sich herabsenkt wie ein Ufo in Wind und Wolke, und die Tänzergruppe zur zähen Masse wird, die Alessandra Corti hebt und trägt und an ihr als Schleppe klebt wie an einer verlorenen Königin.

Verloren hat auch der Held des Abends, Cornelius Mickel. Er tritt auf als aus der Zeit Gefallener, als eine Art Rahmenhandlung in Stiefeln und Fransen- und Glitzerdekojacke, von Rot über Weiß bis Schwarz, am Anfang und zwischendurch, wenn aus den Lautsprechern Johnny Cash ertönt, „When a man comes around“ und „Your own personal Jesus – reach out and touch faith“ und „Hurt“- „I focus on the pain, The only thing that's real“. Wenn Dinah Washington „This bitter earth“ besingt, „… my empire of dirt“, sucht er fluchend seinen Hut auf dem Müllhaufen. Schließlich hört er Cat Power mit dem Nina-Simone-Hit „Wild is the wind“ und Vera Lynn „We’ll meet again“ versprechen, „some sunny day“. Da nimmt er den Cowboyhut ab, senkt den Kopf und geht ab. Gott und die Welt und die Liebe, das ist vorbei. Nein, das bleibt ewig. Wer weiß. “Mmm... may not be so bitter after all”.