Ensembleszene.

Ensembleszene.

© Foto: Oliver Berg
Tanzkritik

Zwischen gestern und heute

von Isabell Steinböck

Gustavo Ramírez Sansano: Recortes

Premiere: 13.01.2017 (Uraufführung)
Theater Münster
Homepage: http://www.theater-muenster.com

Die Kulisse wirkt wie aus Papier geschnitten: Weiße Wände mit rechteckigen Öffnungen stechen aus Luis Crespos dunkler Bühne hervor. Eine schwarz gekleidete Frau (Maria Bayarri Pérez) scheint darin gefangen. Mit schnellen Armbewegungen, großen Sprüngen und geflexten Füßen wehrt sich die Tänzerin gegen imaginäre Widerstände. Eine Figur, eingeschlossen hinter offenen Türen und bedrängt von Individuen, die nach ihr greifen und sie doch nicht fassen können. Eine beklemmende, surreale Szene.

„Recortes“ (Ausschnitte / Reduktionen), ein Tanzabend des Spaniers Gustavo Ramírez Sansano, der am Theater Münster als Uraufführung herauskam, setzt sich mit Vergangenheit auseinander. Inspiriert ist die Gastchoreografie von einem Zitat des argentinischen Dichters Jorge Luis Borges: „Wir sind unsere Erinnerungen, wir sind dieses schimärische Museum wechselnder Formen, ein Gebilde zerbrochener Spiegel“.

Sansano, der seit gut zehn Jahren seine Kompanie „Proyecto Titoyaya“ im spanischen València leitet und zudem international freischaffend engagiert ist, hinterfragt die Bedeutung persönlicher Geschichten und setzt sich dabei auch mit der eigenen künstlerischen Historie auseinander. Ausschnitte vergangener Produktionen bilden die Grundlage für modifizierte, neu gestaltete Tanzszenen um  Identität und Persönlichkeit.

In seiner gut einstündigen Produktion dominieren Soloauftritte und Pas de deux: hektische, sperrig anmutende, sich wiederholende Sequenzen, frei von konkreter Handlung und in spannungsvollem Kontrast zur Klangkulisse. Franz Schuberts melancholisch-getragene Kammermusik (Piano Trio in E Flat, Op. 148)  erscheint in Zusammenhang zu den zuckenden Bewegungen wechselnder Tänzer seltsam fremd und unbestimmt. Gustavo Ramirez Sansano kreiert düstere Bilder, wenn er die Vergangenheit als Ausdruck gescheiterter zwischenmenschlicher Beziehungen in Tanz übersetzt. Immer wieder stellt er getriebene Figuren ins Rampenlicht. Individuen, die sich einander nähern, aber stets bei sich bleiben, die sich begegnen, aber nie zueinander finden.

Geradezu aufdringlich harmonisch dagegendie sich anschließende Szene: Vier Tänzerinnen und Tänzer kommen in wechselnden Konstellationen als Paare zusammen, umarmen sich, geben schmatzend Küsschen, wiegen einander im Takt zur Musik. Schien die Vergangenheit gerade noch unerreichbar fern, erwacht sie auf Elvis Presleys „Love me tender“ zu neuem Leben.

Getragen von ausdrucksstarken Tänzerpersönlichkeiten gelingt dem sehenswerten Tanztheater Münster ein Abend, der, trotz choreografischer Schwächen, als kontrastreiche Gesamtinszenierung aus Kulisse, Licht und Bewegung überzeugt. Etwa wenn schwarz gekleidete Tänzer Schatten auf weiße Bühnenwände malen, im Dunkeln wie aus dem Nichts auftauchen oder die Szene von außen beobachten, als seien sie Wesen aus einer anderen Zeit. Momente, die das flüchtige Gebilde um Vergangenheit und Erinnerung in treffende Bilder übersetzen. Passend dazu die durchgehende Schwarz-Weiß-Ästhetik, mit der negative wie positive Emotionen schlaglichtartig auf die Bühne kommen. So auch im überraschenden Schluss, wenn das Ensemble plötzlich ganz in Weiß, strahlend vor Glück, über die Bühne tanzt.

Ein Stück, das unser Leben letztlich nimmt, wie es ist: fordernd und hart, aber auch sehr schön.