Was für ein Hadern, Barmen, Flehen, gen Himmel Recken: Gregor Zöllig choreografiert Johannes Brahms' "Ein Deutsches Requiem".

Was für ein Hadern, Barmen, Flehen, gen Himmel Recken: Gregor Zöllig choreografiert Johannes Brahms' "Ein Deutsches Requiem".

© Foto: Ursula Kaufmann
Tanzkritik

Gregor Zöllig: Ein deutsches Requiem

von Jens Fischer

Gregor Zöllig: Ein Deutsches Requiem

Premiere: 19.02.2016
Staatstheater Braunschweig
Homepage: http://staatstheater-braunschweig.de

Musikalische Leitung: Georg Menskes

Ein Deutsches Requiem ist keine Feuerwerksmusik. Trotzdem fliegt eine Feuerkugel vom Bühnenhimmel herab. Ein Geistesblitz Gottes? Irrlicht des Teufels? Stern von Bethlehem? Signalrakete aus dem Eintracht-Braunschweig-Fanblock?

Nie verraten wird der Absender. Aber die Folgen sind zu sehen und zu hören: Krawumm. Zwei veritabel gegeneinander gekrachte Kleinwagen werden von der Lichtregie illuminiert. Aber nicht die Seelen der Unfallopfer schweben sogleich hinauf zum Jüngsten Gericht, sondern die Autos. Liegt eine Anklage gegen den Individualverkehr vor?

So verwirrend beginnt Gregor Zölligs erste große Arbeit als Tanzchef des Staatstheaters Braunschweig. Gleichzeitig ist es aber auch eines dieser klaren, auf den Lebensalltag verweisenden Bilder, für die der Choreograph geschätzt wird. Denn vertanzt werden soll Johannes Brahms' Totenmesse – und da muss erstmal ein allgemeinverständlicher Ausgangspunkt her. Also Verstorbene – aber vor allem trauernd Überlebende. Sie sollen von Tanz und Musik getröstet werden, bevor sie allen Glauben, allen Lebensmut verlieren angesichts des sinnlos erscheinenden, mal wieder viel zu früh seinen Stachel ausfahrenden Todes.

In diesem Fall gilt die Sorge also den Angehörigen der Opfer der soeben bühnenreif erlebten mörderischen Automobilität. Sie liegen am Boden – in Gestalt von Zölligs 32-beinigem Ensemble. Schlaffe, schwere Körper, teilweise in ratlosem Schmerz rastlos zuckend. Oder hadernd in sich selbst verkeilt. Männer helfen Frauen mit liebevoller Behutsamkeit auf, andere versuchen sich eigenständig in die Senkrechte emporzuarbeiten. Ein etwas Pathetisches Hin und Her von mutschöpfendem Erheben und resignierendem Niedersinken entwickelt sich zu einem rührenden, von Beerdigungen bekannten Szenario: gegenseitiges Stützen, fest- und händchenhalten, streicheln, umarmen. Gesten der Anteilnahme und des Trostes sowie Körperbilder der Trauer bestimmen den Abend.

Damit Hoffnung ins Spiel kommt, werden sie konterkariert von über die Bühne hetzenden Alltagsmenschen, die Motionsformate aus dem Tanztheateralltag ausstellen. Verzweiflung wird auch in Kummer und dann in Aufbegehren überführt – beispielsweise per sportiven Boxtanz. Besonders schön, wenn alle Ensemblemitglieder gleichzeitig geradezu vogelfrei ihr individuelles Bewegungsvokabular zum kämpferischen Ausdruck nutzen. Spielfreudig und wandlungsfähig. Das sind Szenen von hoher tänzerischer Energie. Genau das Gegenteil ist zu erleben, wenn synchron nicht gerade überkomplexe Figuren auszuführen sind. Da fehlt die Unisono-Präzision. Reizvoll dann wieder die eingewobenen Pas de deux. Während der norddeutsche Protestant Brahms noch irgendwie Tröstung in der geistigen Liebe zu Gott erhoffte, ersetzt Zöllig diese durch eine auch physische Liebe zu einem Menschen.  

Man kann den Rhythmus, die Melodie oder Dynamik einer Bühnenmusik choreographieren, die Strukturen der Partitur tanzen oder das, was sie in einem auslöst. Das macht Zöllig alles nicht. Er lässt das Requiem – in der vornehm gedämpften Interpretation des Staatsorchesters, Chors und Extrachors unter der Leitung von Georg Menskes und Johanna Motter – teilweise einfach parallel laufen. Und entwickelt aus der Atmosphäre der Klänge Gemütswerte wie Schwäche, Erschöpfung, Hinfälligkeit, sieht in der Trostkantate aber auch die Meditation über die Endlichkeit. Macht sozusagen Regietheater und inszeniert seine Interpretation des Textes. Das Glaubensbekenntnis seines Requiems ist großes Sehnen nach dem, was nach dem Tode noch so kommt.

Dafür gibt es ein weiteres klares Zöllig-Bild: Die Bremsspuren der Unfallautos sind noch auf einer Straße (des Lebens) zu sehen, die vom Orchestergraben bis in den verdeckten Schnürboden führt – also dorthin, wo kein Zuschauer, kein Tänzer mehr hingucken kann. So beginnt des Öfteren ein wildes Hinaufkrabbeln, -fliegen -werfen, -springen, -hechten, -hüpfen – stets gefolgt vom Hinabrutschen an dem 90 Grad nach oben gebogenen Pfad ins Jenseits. Reizvolle Variationen des Wunsches, sich vom Boden zu erheben, aber von der Schwerkraft daran gehindert zu werden.

Schließlich starrt das Ensemble still empor mit den letzen Fragen auf den Lippen – wartet auf die unheimliche Begegnung mit der dritten oder vierten Art. Hebt auch mal flehentlich die Hände, betet, erbittet Offenbarung. Eine Tänzerin wird kurzfristig als Erleuchtete gefeiert, die Sopranistin wie eine Göttin umkrochen. Aber kein Alien erscheint, kein Götterbote, keine Gewissheit. Nur Bilder, die ein gelassenes Weitermachen suggerieren. Allem Zweifel zum Trotz. Schön anzusehen und hübsch metaphorisch, wenn beispielsweise Wasserfälle auf die Bühnenwände projiziert werden: Alles fließt – ungerührt und scheinbar ewig. Schlussendlich präsentieren die Tänzer kurze Videoschnipsel – in denen sie sich als fit fürs Bewusstsein der Sterblichkeit zeigen: hüpfend, lachend, tollend, meditierend. Es fehlt nur eine choreographischer Zugriff, der die vielgestaltigen, wenn auch meist konventionellen Ansätze in die Klangwucht hineinzuformen oder deutlich querzustellen wüsste. Dann wäre wohl auch der Jubel weniger übersichtlich als an diesem Uraufführungsabend.