"Montréal" am Staatstheater Mainz

"Montréal" am Staatstheater Mainz

© Foto: Andreas Etter
Tanzkritik

Tagträume

von Melanie Suchy

Danièle Desnoyers/José Navas: Montréal

Premiere: 16.05.2015
Staatstheater Mainz
Homepage: http://www.staatstheater-mainz.com

Eine schöne Idee hatte Honne Dohrmann, der neue Tanzdirektor am Staatstheater Mainz: Gleich zwei namhafte Choreografen aus dem kanadischen Montréal einzuladen, um mit seiner 18-köpfigen tanzmainz-Compagnie je ein Stück zu erarbeiten für einen gemeinsamen Abend. Er wünschte sich als thematischen Unterbau denn auch einen Bezug zur Herkunftsstadt. Unterm Titel „Montréal“ vermutet man etwas ungefähr Vertrautes aus der Ferne, denn von der europäisch-französischen Prägung der Stadt hat man schon gehört. Zum Glück wurden keine touristischen oder historischen Lektionen draus, sondern zwei flüchtige Gebilde, die auf sehenswerte Weise ganz dem Tanz vertrauen und eine etwas andere, doch nicht abseitige Tanzfarbe in die Stadttheatertanzszene einbringen. Dass beide etwas im Ungefähren hängen bleiben, ist ihre Stärke und Schwäche zugleich.

 

Die Künstler Danièle Desnoyers und José Navas waren sich einig, wie das Programmheft dokumentiert, dass sie nicht ihre architektonisch hässliche Stadt porträtieren wollten, sondern sie ließen sich inspirieren von der Lebensart dort, der bunten Mischung ihrer Bewohner und ihrem Einwandererdasein... „Es ist ein Ort des Savoir-vivre, des guten Lebens.“ Letztlich wirken beide Stücke eher losgelöst von räumlicher Festlegung. Von Festlegung überhaupt. Deswegen sind sie so zeitgenössisch in Stil und Aussage. José Navas benennt seine Choreografie sogar mit „Dénouement“, also „Auflösung“ oder „Aufknoten“. Und Danièle Desnoyers bezieht sich mit „Blue Hour: Stunde der Wölfe“ auf den Moment des Übergangs von Tag zu Nacht oder von Nacht zu Tag, die Zeit des Zwielichts, wenn sich ein Wolf nicht vom Hund unterscheiden lässt, wie es in Kanada heiße. Die Zeit, in der man Trugbildern aufsitzt oder in der sich die Zeitwahrnehmung selbst verzerrt. Da arbeitet sich zu Beginn eine Tänzerin mit schiebenden Armen wie durch eine zähe Masse über die Bühne; dann tritt ein Mann auf und geht normal. Etwas zerbricht. Vielleicht ihr Tagtraum. Er fasst sie von hinten unter den Achseln, sie lässt sich sacken. Nur kurz, denn ihre Kraft hat sie nicht verloren, sie gehen auseinander. Die Wolfsstunde ist kühl.

 

An der Bühnenrückseite leuchten drei hohe Durchgänge in blau, durch sie hindurch erscheinen und verschwinden die Tänzer immer wieder. Sie bilden eine Gesellschaft von Leuten, von Lucia Vonrhein sportlich-bequem eingekleidet, die einander ständig im Auge haben. Sie lauern, aber beißen und bellen nicht. Vielmehr tauschen sie die Positionen aus, gehen umher oder rennen mal oder lagern sich wie freizeitliche Parkbesucher auf den Boden. Wenn sie zu zweit tanzen, einander immer wieder an die Nacken greifen oder heben, halten, umarmen, zeigen ihre Blicke woandershin. Wie innerlich abwesend oder abwartend. Ihr Motor ist eine Art Rudeltrieb oder Folgeimpuls: Zu tun, was die anderen tun. Aus den Boxen tönt die junge Stimme von Salomé Leclerc, ebenfalls aus Québec, die singt, übersetzt: „Du läufst, ich laufe auch. Du fällst, ich falle auch.“ Doch Mitgefühl wird daraus eben nicht. Die Gruppe verzieht sich, als ein Tänzer stolpert und sich wie ein sterbender Vogel verrenkt. Die Frauen wiederum mutieren zu staksigen Showgirls, stets im Doppel, bloß nicht individuell, die mit ihren repetitiven Bewegungen einem Automaten entsprungen scheinen. Klar, dem abendlichen Fernsehen. Sie laufen aus dem Ruder, wackeln immer weiter und recken sogar die Fäustchen. Gegen niemanden. Die blaue Stunde verspricht keine Helligkeit.

 

Frohere Momente bietet José Navas auf, der einst aus Venezuela nach Montréal kam. Hier wird es teilweise virtuoser, mit Pirouetten, Sprüngen, hohen Hebungen und mehr Wechseln der Dynamik. Er stellt ebenso ein Mann-Frau-Paar an Beginn und Ende. Die beiden verbindet ein Einverständnis, ein ruhiger Blick aus der Distanz, eine Annäherung, bis sie auf seinen Knien sitzt. Doch am Ende scheint sie ein Eigenleben zu haben, an das der Mann schwerlich herankommt. Was dazwischen passiert, sind luftige Tage, deren viele Bewohner ziellos dem Bewegen frönen. Hüpfen, sich drehen, Echos machen oder in Formationen schwingen wie eine Hommage an Trisha Brown.

 

Doch zieht auch mal Schwere an den vorher leichten Füßen. Vier Tänzer entäußern sich, in Unterwäsche in Lichtspots, verzerren und verheddern sich im Duracel-Modus. Ein Tänzer streckt seine Glieder von sich, hierhin und dorthin, als wolle mehr, als möglich ist. Dann wieder plappern alle aufgeregt mit rotierenden Armen oder sie wölben die Arme zu Sekunden des klassischen Balletts. Plötzlich sinken die Köpfe, stehen alle still. Wie angehalten, vergessen, leergelaufen. Man fischt nach dem Sinn und vermutet ihn in den drei Tönen Schwanenseemusik am Anfang und dem zweimal erklingenden Lied über eine vermutlich platonische Liebe: „Suzanne“ von Leonard Cohen, auch Montréal. Ansonsten schichtet Alexander MacSween Tonspuren aus unverständlichem Silbengewirr übereinander. Vielleicht meint „Auflösung“ den Abschied, die Vergänglich- und Vergeblichkeit? Oder doch das Auflösen von Trennendem oder das Versinken im See, im Fluss. „She leads you to the river.“ Ach, sie schauen nur, trinken Tee, essen Orangen und reden.